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Bilanzskandal Die Gerüchte um Wirecard – und was wirklich bekannt ist

Wirecard-Schriftzug an der Firmenzentrale in Aschheim bei München
Wirecard-Schriftzug an der Firmenzentrale in Aschheim bei München
© IMAGO / Sven Simon
Die verschwundenen 1,9 Mrd. Euro bei Wirecard geben Rätsel auf und die Zukunft des Konzerns ist ungewiss. Die Situation ist verworren und viele Nachrichten schwirren durch die Medien, viele davon sind unbestätigt. Eine Aufzählung der Konjunktive

Seit Donnerstag ist der Wirecard-Skandal in aller Munde . Als „neues Enron“ – nach dem Ex-US-Energiekonzern, der 2001 wegen Bilanzfälschungen in die Schlagzeilen geriet – wird Wirecard bereits bezeichnet. Und die Nachrichten, die sich nun um die Suche nach den verschwundenen 1,9 Mrd. Euro , um den zurückgetretenen Vorstandschef Markus Braun und die Zukunft des Konzerns ranken, sind vielfältig, vage oder absurd.

Übernahme steht kurz bevor

Fans der Wirecard-Aktie treibt derzeit vor allem eine Fantasie in ein Investment: eine Übernahme Wirecards. Einerseits ist diese Hoffnung nicht ganz unberechtigt. In den vergangenen Jahren hat es im Sektor der Bezahldienstleister milliardenschwere Übernahmen gegeben. Das Geschäft mit Zahlungstransfers ist margenschwach und die Unternehmen arbeiten nur mit einem massiven Transaktionsvolumen auf ihren Systemen profitabel.

Im März 2019 hat etwa der US-Anbieter Fidelity National Information Services 43 Mrd. US-Dollar für den Wettbewerber Worldpay auf den Tisch gelegt. Im Vergleich dazu wirkt Wirecard wie ein Schnäppchen: Auf 2,1 Mrd. Euro beläuft sich der Börsenwert nach dem Absturz derzeit. Mit einem Streubesitz – also Aktien im Handel – von knapp 67 Prozent wäre dies auch möglich.

Aber der Kurs zeigt: Da steigt gerade keiner ein. Und das Interesse der Konkurrenz dürfte sich eher auf eine der 43 Tochterfirmen der Wirecard AG beziehen, darunter auch die Wirecard Bank. Alles, was mit dem Asiengeschäft rund um die dort zentral agierende Tochter Cardsystems Middle East zu tun hat, fasst derzeit keiner an. Dort sind die 1,9 Mrd. Euro verloren gegangen. Ein Verkauf einer transparenten und profitablen Tochter würde Wirecard zwar Geld in die Kasse spülen, jedoch den Unternehmenswert mindern, in den Aktionäre investiert haben. Ein konkreter Interessent ist bei der unklaren Lage ohnehin nicht in Sicht.

Wirecard hat mit der Deutschen Bank über Übernahme verhandelt

Die Idee soll nicht von der Deutschen Bank gekommen sein. Sondern von Wirecard im Jahr 2019, als der Börsenwert des Fintechs aus Aschheim bei München höher als der des Frankfurter Instituts lag. Unter dem Projektnamen „Panther“ soll Wirecard eine Fusion durchgespielt haben, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg aus Insiderkreisen.

Laut einem Branchenbericht der Unternehmensberatung McKinsey hätte eine solche Kombination bis 2025 6 Mrd. Euro Gewinn gebracht. Die Deutsche Bank soll solche Gespräche schnell abgewürgt haben. Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank, setzt lieber auf Nachahmung, wie er im September 2019 im Doppelinterview mit Ex-Wirecard-Chef Markus Braun auf einer Bankenveranstaltung sagte: „Wo Wirecard erfolgreich ist, versuchen wir schon, das ein oder andere zu kopieren.“

Markus Braun ist eng mit Österreichs Kanzler Kurz verbandelt

Die Österreicher haben Angst, in den Wirecard-Skandal mit hineingezogen zu werden. Nicht ganz unbegründet: Der 50-Jährige ist in Wien geboren und hat dort auch seinen Wohnsitz. Unter den Gläubigern des Konzerns sind die Raiffeisenbanken Nieder- und Oberösterreich. Und die Raiffeissen International ist Kooperationspartner von Wirecard für die Expansion nach Osteuropa. Damit aber nicht genug.

Offiziell saß Braun in einem Beratergremium von Bundeskanzler Sebastian Kurz namens „Think Austria“ – und zwar nachdem er dessen Partei ÖVP im Wahlkampf 70.000 Euro gespendet hatte. Die Spende erfolgte in zwei Tranchen und jeweils in einer Größenordnung, die nicht öffentlich gemeldet werden musste. Die SPÖ hat eine parlamentarische Anfrage gestellt. Darin enthalten ist etwa die Frage: „Inwieweit hatte es System, dass so wie Braun auch Industrielle wie Stefan Pierer (Vorstandschef KTM Ag, Anm. d. Red.) und Heidi Horten (Kaufhaus-Erbin) in verschleiernd-gestückelter Form an die ÖVP gespendet haben?“

Die fehlenden 1,9 Milliarden Euro sind auf den Philippinen

Nein, auf den Philippinen ist der Milliardenfehlbetrag in der Bilanz wohl nicht. Und auch sonst nirgendwo. Am Montag hat der neue Interimsvorstand von Wirecard, James Freis, veröffentlichen lassen, dass die „überwiegende Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Guthaben auf den Banktreuhandkonten in Höhe von 1,9 Mrd. EUR nicht vorhanden sind“.

Trotzdem konzentrierte sich die Suche danach wohl auf den asiatischen Inselstaat. Bereits am Freitag hatten erste Medien gemeldet, dass das Geld auf zwei Konten dort sein soll – einmal bei der BDO Unibank und sowie bei der Bank of the Philippine Islands. Von den beiden großen Banken des Landes soll der Abschlussprüfer EY im März dieses Jahres Belege erhalten haben, welche die Summe ausweist.

Die Banken haben dementiert, die Kontonummern als nicht existent und die Dokumente als plump gefälscht bezeichnet. Sogar der Zentralbankchef hat sich eingeschaltet. „Der erste Bericht besagt, dass kein Geld auf die Philippinen gelangt ist“, sagte Benjamin Diokno. Das muss es auch nicht, schließlich soll es sich auch um dort generierte Umsätze gehandelt haben. Diokno unterstellt: „Im internationalen Finanzskandal werden die Namen von zwei der größten Banken des Landes benutzt, im Versuch, die Spur des Täters zu verwischen.“ Fazit: Das Geld sollte vielleicht auf den Philippinen sein – ist es aber nicht.

Der Treuhänder auf den Philippinen heißt Mark Tolentino

Ein Anwalt aus Makati City, dem Geschäftszentrum der philippinischen Hauptstadt Manila, der bei Youtube Rechtstipps gibt, soll der Treuhänder Wirecards gewesen sein. Er hätte also die entsprechenden Konten eröffnen und führen sollen. Mark Tolentino war in den letzten Tagen unauffindbar.

Heute ließ er in einer Botschaft an die „Welt“ , seinen Geschäftspartner Dennis P. Manolo ausrichten, nichts Unrechtes getan zu haben. Es seien formale Anfragen an die Banken gestellt worden, „die Konten zu bestätigen und sie absolut vertraulich zu behandeln“, schrieb Manalo demnach. Aber erst, wenn die Konten auftauchen, ist das Konstrukt hinter dieser abenteuerlichen Geschichte bestätigt.

Wirecard-Fans können für das Unternehmen spenden

Auf der Spendenwebsite „Gofundme“ rief am Montag ein „Markus Braun aus Aschheim“ dazu auf, dem Unternehmen dabei zu helfen, die fehlenden 1,9 Mrd. Euro aufzutreiben. Jede Unterstützung helfe ihm und den Anteilseignern. Dieser Aufruf erwies sich als Scherz, die Seitenbetreiber haben die Kampagne gelöscht.

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