Debatte Deutschlands Kohlewende

Der deutsche Alleingang bei der Kohle ist klimapolitisch unnötig – und aus ökonomischer Sicht sinnlos. Von Susanne Hounsell
Die Emissionen von Kohlekraftwerken werden für den Klimawandel mitverantwortlich gemacht
Kraftwerksemissionen: Deutschland droht, seine Klimaziele zu verfehlen
© Getty Images
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Susanne Hounsell ist Associate Director European Energy Policy bei IHS Inc. in Paris. Sie schreibt regelmäßig auf capital.de über Energiethemen

Die Energiewende ist Deutschlands wichtigstes Klimaprojekt. Aber unter den heutigen Umständen wird Deutschland sein selbstgesetztes Ziel, 40 Prozent an CO2-Emissionen bis 2020 einzusparen, um mindestens 22 Millionen Tonnen verfehlen.

Wenn man die Rolle der Kohleverstromung in Deutschland bedenkt, sollte diese Erkenntnis keine Überraschung sein. Seit 2011 die ältesten Kernkraftwerke abgestellt wurden, sind die CO2-Emissionen der Energieproduktion trotz des drastischen Anstiegs der Erzeugung aus erneuerbaren Energien Jahr für Jahr gestiegen. Nur im letzten Jahr sind sie aufgrund des warmen Wetters gesunken. Tatsächlich erreichte die Kohleverstromung mit fast 50 Prozent 2013 ihren Höchststand seit mehr als 6 Jahren.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat nun Vorschläge unterbreitet, mit denen die CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken reguliert werden sollen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die deutsche Energiewende ihre Klimaziele nicht mit einer Kombination aus erneuerbaren Energien und Kohleverstromung erreichen wird.

Abschaltung nicht notwendig

Die Vorschläge des Ministeriums hätten zur Konsequenz, dass die ineffizientesten Kohlekraftwerke bis 2020 vom Netz gehen müssten. Mit einem Deckel auf CO2-Emissionen dürften die ältesten Kohlekraftwerke nur noch weniger als halb soviel CO2 wie neuere Kraftwerke produzieren. Was darüber hinaus an CO2 ausgestoßen wird, dafür muss gezahlt werden.

Mit den Vorschlägen müsste bis 2020 ungefähr ein Viertel der deutschen Kohlekraftwerke seine Produktion stark reduzieren. Insbesondere die einheimische Braunkohle wäre betroffen. Weil Kosten nicht mehr gedeckt werden können, würde das bei vielen Kraftwerken zur Abschaltung führen.

Dabei wäre eine Abschaltung deutscher Kraftwerke aus europäischer Perspektive eigentlich nicht nötig. Denn Emissionen von Kraftwerken werden europaweit im CO2-Zertifikatemarkt abgedeckt, und hier werden die Ziele bis 2020 problemlos erreicht – dank Energieeffizienzmaßnahmen, dem Ausbau erneuerbarer Energien und nicht zuletzt aufgrund der europaweiten Wirtschaftsflaute.

Polnische statt deutscher Kohle

Tatsächlich würden die Ministeriumsvorschläge zwar der deutschen Klimabilanz für 2020 helfen; für die europäischen CO2-Emissionen wäre aber nichts gewonnen. Um den deutschen Markt zu versorgen, würden bei weiter niedrigen Kohle- und CO2-Preisen die Kohlekraftwerke in Nachbarländern einfach stärker laufen. Polnische Kohle könnte damit deutsche Kohle ersetzen, und die Klimabilanz in Europa änderte sich kaum bis gar nicht. Im ungünstigsten Fall kämen die Stromimporte aus ineffizienteren Kohlekraftwerken als jene, die in Deutschland abgeschaltet würden.

Hinzu kommt, dass durch Regulierung nur ein Prozess vorgezogen wird, der schon jetzt für die Zeit nach 2020 absehbar ist. Nach IHS-Schätzungen werden Gaspreise langfristig sinken, während Kohle- und CO2-Preise steigen. Der weitere Ausbau erneuerbarer Energien und mehr Energieeffizienz tun ihr übriges um Kohlekraftwerke weniger profitabel zu machen. Bis 2030 würden durch diese Marktkräfte allein 20 Prozent und bis 2035 über ein Drittel der deutschen Kohlekraftwerke vom Netz gehen.

Ein Alleingang Deutschlands ist weder klimapolitisch notwendig noch ökonomisch sinnvoll. Europa hat eine integrierte Klimapolitik mit einem CO2-Markt der zwar einigen Reformbedarf hat, aber generell funktioniert, um CO2-Emissionen auf EU-Ebene einzuschränken. Deutschland liegt im Zentrum dieses Marktes. Es liegt ebenso in der Mitte eines europäischen, liberalisierten Strommarkts. Regulierungsentscheidungen in Deutschland haben direkte Auswirkungen auf Nachbarländer. Als Vorreiter einer europäischen Energiewende täte Deutschland gut daran, seine Energie- und Klimapolitik dementsprechend auszurichten.



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