KolumneDer unterbrochene Aufschwung

Holger Schmieding
Holger Schmieding
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Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.


Der Putin-Schock hat die deutsche Wirtschaft unerwartet hart getroffen. Bereits im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Seitdem haben die üblichen Frühindikatoren der Konjunktur noch einmal erheblich nachgegeben. Selbst eine kurze Rezession, also einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in mindestens zwei aufeinander folgenden Quartalen, können wir nicht völlig ausschließen, auch wenn dies unwahrscheinlich bleibt.

Ist unser Aufschwung wirklich am Ende? Nein. Er ist nur unterbrochen, bis Putin seinen kaum kaschierten Krieg gegen die Ukraine beendet hat.

Das kurzfristige Bild hat sich spürbar eingetrübt. Zwar sind die Wirtschaftsdaten für das Frühjahr natürlich verzerrt durch einen Winter, der nicht stattgefunden hat. Einen Teil der Bautätigkeit, die sonst im Frühjahr einsetzt, hat es bereits im warmen Winter gegeben. Aber selbst bereinigt um diesen Baueffekt zeigt sich ein Bruch in der Statistik. Vom Frühjahr 2013 bis zum ersten Quartal 2014 konnte die deutsche Wirtschaft mit einer Jahresrate von rund zwei Prozent zulegen. Im zweiten Quartal ging das Wachstum deutlich zurück. Hochgerechnet auf ein ganzes Jahr ergibt sich – ohne den Baueffekt – nur noch ein Zuwachs von rund 0,5 Prozent. In den Monatsdaten zeigt sich diese Schwäche vor allem ab Mai, also seit der Eskalation der Ukraine-Krise.

Der Handel mit Russland ist nicht das Problem

Außer dem Putin-Effekt ist kein Grund für diesen plötzlichen Einbruch zu erkennen. Bei wichtigen Handelspartnern wie den USA, Großbritannien und China hat die Konjunktur eher etwas an Schwung gewonnen. Auch die Eurokrise ist nicht wieder aufgeflammt. Die Reformmuffel Frankreich und Italien waren im zweiten Quartal schwach, aber nicht wesentlich schwächer als vorher. Dort hat sich nichts geändert, was den plötzlichen Absturz Deutschlands an den Rand einer Stagnation erklären kann.

Die öffentliche Debatte über den Putin-Effekt geht allerdings weitgehend am eigentlichen Thema vorbei. Denn sie dreht sich vor allem um den Handel mit Russland und die Kosten von Sanktionen, die diesen Handel beeinträchtigen würden. Nach den jüngsten Zahlen für den Monat Juni ist die deutsche Ausfuhr nach Russland zwar um 20 Prozent und in die wesentlich kleinere Ukraine um 35 Prozent gegenüber Vorjahr zurückgegangen. Das tut weh. Aber da wir mit der Ausfuhr in diese beiden Ländern insgesamt nur knapp 1,6 Prozent unserer Wirtschaftsleistung erarbeiten und wir dafür zudem viele importierte Vorprodukte einsetzen, kann dies allein allenfalls eine Wachstumseinbuße von 0,3 Prozent erklären.

Von Sanktionen sind nur wenige Güter betroffen. Die direkten Verluste für uns  lassen sich in den gesamtwirtschaftlichen Statistiken allenfalls mit der Lupe finden. Auch die Kosten der russischen Gegensanktion, also des Einfuhrstopps für viele Lebensmittel aus Europa und Nordamerika, liegen für Deutschland im kaum messbaren Bereich.