LongreadDer tiefe Sturz des Carlos Ghosn

Noch immer wartet Carlos Ghosn in Japan auf einen Termin für den Auftakt seiner GerichtverhandlungGetty Images


Dieser Artikel ist zuerst in englischer Fassung in der Financial Times erschienen.


Vor einem Jahr landete Carlos Ghosn an einem wolkenverhangenen Nachmittag in Haneda, dem Flughafen von Tokio. Der Chef der weltweiten Auto-Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi war damals ein Star der Branche. Er hatte in seiner langen Karriere eine ebenso lange Reihe von Deals gemacht und zudem eines der unwahrscheinlichsten Unternehmens-Comebacks der Geschichte hingelegt.

Ghosn wollte nach seiner Ankunft in Tokio mit einer seiner Töchter Sushi essen gehen, in seinem Lieblings-Restaurant. Am nächsten Tag stand eine Vorstandssitzung an, die er leiten sollte. Doch noch bevor der Manager überhaupt den Flughafen verlassen konnte, wurde er festgenommen.

Es war ein Atem beraubendes Schauspiel. Ermittler durchsuchten Ghosns Privatjet noch auf der Landebahn. So etwas hatte es in Japan noch nicht gegeben, schon gar nicht in der Geschäftswelt des Landes. Eine kleine Gruppe von Leuten allerdings war alles andere als überrascht: Diese Leute arbeiteten bei Nissan.

Die Festnahme war der vorläufige Höhepunkt langer Ermittlungen. Ein Jahr hatten Beamten sich so unauffällig wie möglich durch das Unternehmen gewühlt, sie hatten Informanten aufgebaut und schließlich zugeschlagen.

Leute, die Ghosn und seine Führungsprinzipien gut kannten, trauten ihren Augen nicht: Wie konnte es sein, dass jemand wie er, der sein Unternehmen so im Griff hatte, von einer derartigen Verschwörung völlig überrascht wurde? Er selbst räumte ein, die Festnahme am 19. November 2018 habe ihn völlig „überrumpelt“. Der erste, den Ghosn nach seiner Festnahme anrief, um um juristische Hilfe zu bitten, war ausgerechnet einer von jenen, die zu dem Sturz des Managers am meisten beigetragen hatten.

Wer das Unternehmen allerdings aufmerksam verfolgt hatte, für den war der Niedergang Ghosns fast unvermeidlich. Die Spannungen hatten sich gehäuft. Die französische Regierung, Anteilseignerin von Renault, störte sich an seinen immer absurderen Vergütungszahlungen. In Nissans Produktpalette gab es keine wirklich spannenden Autos mehr, was die Händler auf die Barrikaden brachte. Ein Konzernmanager, dem drei börsengeführte Teil-Firmen unterstellt waren, hatte zudem bereits auf fundamentale Mängel in der Unternehmensführung hingewiesen.

Vor allem aber stand die große Frage im Raum, ob Ghosn es schaffen würde, die Fusion zwischen Nissan und Renault zu vollenden, um dann einen Deal mit Fiat Chrysler draufzusetzen – einen Deal, der seiner Karriere die Krone aufsetzen sollte. Es war ein Wettlauf: nicht nur gegen die Wettbewerber, sondern auch gegen Technologien wie Elektromobilität, autonomes Fahren und Sharing-Systeme, die dabei waren, die Branche in ungekanntem Maße durchzuschütteln. „Er war zu einem Kaiser ohne Kleider geworden“, sagt der Chef eines großen japanischen Nissan-Händlers.

Ghosn war besessen von Größe. Sein Auto-Imperium sollte riesiger und immer riesiger werden. Dieser Drang zur Expansion aber machte es auch immer schwieriger, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Unternehmen in diesem Imperium unter einen Hut zu bringen. „Er verlor das Geschäft aus dem Blick“, sagt einer aus dem Umfeld des Vorstands von Nissan. „Er wollte größer und größer werden, um an Toyota und Volkswagen vorbeizuziehen. Das war sein Ziel. Aber es war ein zu großes Ziel.“

Ein Jahr nach seiner Festnahme und fast zwei Jahrzehnte nach seiner Machtübernahme bei Nissan sitzt Ghosn in Tokio und darf die Stadt nicht verlassen – das ist Teil einer Abmachung, in deren Rahmen zudem eine Kaution von 13,5 Mio. Dollar hinterlegt wurde. Die Pläne, die er für den Konzern hatte, fallen in sich zusammen. Im Oktober verbündete sich Fiat Chrysler mit Peugeot und zerstörte damit endgültig jede Hoffnung auf eine Kooperation mit Renault-Nissan. Eine interne Untersuchung der Unternehmensführung bei Nissan kam zu einem vernichtenden Ergebnis: es habe in der Ära Ghosn einen „Personenkult“ gegeben, heißt es da, es sei ein undurchsichtiges, nie hinterfragtes Herrschaftssystem errichtet worden.

Für den Prozess, der ihn viele Jahre hinter Gitter bringen könnte, gibt es noch nicht einmal ein Eröffnungsdatum. Ghosn darf seine Kinder treffen, aber nicht seine zweite Frau Carole. Wenn er seine Wohnung verlässt, heften sich gleich mehrere Beobachter an seine Fersen: Polizisten, Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft und ein Privatdetektiv, von dem es heißt, er arbeite für das gleiche Unternehmen, das Ghosn einst vor dem Bankrott bewahrt hatte.

Aus seiner Familie heißt es, er habe wieder etwas an Gewicht zugelegt, nachdem er 129 Tage in einer Arrestzelle verbracht hatte und dort abgemagert war. Als Person aber ist er erledigt. Seine fürstlichen, vom Unternehmen gewährten Vergünstigungen werden öffentlich diskutiert. Die Designer-Anzüge, die er trug, werden jetzt kritisch in der Tagespresse unter die Lupe genommen.

Doch was steht hinter diesem Abtsurz eines wie ein Messias gefeierten Managers zu einem Mann, der sich wegen schwerer Finanzvergehen vor dem Gericht verantworten muss? Seine Unterstützer sprechen von einer Verschwörung, zu deren Opfer er geworden sei, einer Verschwörung, hinter der Regierungsbeamte und Konzernmitarbeiter gestanden hätten, die seine Pläne einer vollen Fusion von Nissan und Renault unterlaufen wollten. „Aus seiner Sicht ist er immer noch ein CEO“, sagt jemand, der Ghosn nahe steht. „Aber er ist nicht der Chef eines internationalen Multis, sondern einer Gruppe von Rechtsanwälten und anderen Leuten, die versuchen, seinen Ruf zu retten.“

Doch die Vorwürfe gegen ihn sprechen eine klare Sprache. Ghosn wird vorgeworfen, er habe Geschäftsberichte gefälscht, indem er seine Vergütung um 80 Mio. Dollar zu niedrig angab. Zudem habe er Vermögenswerte des Konzerns genutzt, um sich persönlich zu bereichern. Ghosn bestreitet all das.

Wir haben Konzernakten ausgewertet und ausführlich mit aktuellen und früheren Mitarbeitern von Nissan und Renault, mit Regierungsbeamten, Beratern und Vertrauten der Konzernführung gesprochen. Es ergibt sich das Bild eines Spitzenmanagers, bei dem es nach langen Jahren in der obersten Führungsetage schwer geworden war zu unterscheiden, wo die Pläne für seine Unternehmen endeten und wo seine persönlichen Interessen begannen.

Es ist aber auch das Bild eines Mannes, der sich fast 20 Jahre an der Frage abarbeitete, ob einer von draußen jemals Teil der japanischen Geschäftswelt werden kann. Lange Zeit war Ghosn im Land als ausländischer CEO gefeiert worden. Als Japan zu Beginn des Jahrtausends wirtschaftlich stagnierte, stapelten sich in Tokios Buchläden die Werke, in denen begeistert beschrieben wurde, wie er er der erlahmten Unternehmenskultur des Landes eine Frischzellenkur verabreicht habe. Er war der Messias bei Nissan.

Doch diese Sicht änderte sich. Die einen sahen ihn als Tyrannen, andere als Gierschlund. Und schließlich wurde ihm vorgeworfen, er habe die Zusammenarbeit zwischen Franzosen und Japanern zu stark im Sinne der Europäer ausgelegt.