KolumneDer lange Herbst der Händler

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist neuer Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Jörn Kreke galt in Deutschland lange Jahre als das Musterbeispiel eines Familienunternehmers: Knorrig, autoritär und erfolgreich. Seine Parfümeriekette Douglas expandierte und expandierte – erst auf dem Heimatmarkt und dann im Ausland. Trennt sich seine Familie jetzt vom Lebenswerk dreier Generationen? Die Meldungen widersprechen sich. Klar aber ist: In den vergangenen fünf Jahren war in der Unternehmensgruppe, zu der auch  Buchhandlungen und Süßwaren-Läden gehörten, keine eindeutige Linie mehr zu erkennen. Erst der Einstieg eines Private-Equity-Investors sorgte für den Vollzug überfälliger Entscheidungen.

Der Fall Douglas steht für die Probleme des ganzen Handels und die Ratlosigkeit vieler Familienunternehmen, eine Antwort auf diese Probleme zu finden. Inhaber geführte Unternehmen dominieren kaum eine Branche so vollständig wie den deutschen Handel. Jahrzehnte lang war das ein absolutes Erfolgsrezept. Die Patriarchen sorgten für die vorsichtige Unternehmensführung und für die eiserne Kostendisziplin, ohne die sich Geschäfte mit schwachen Margen nicht profitabel betreiben lassen. Stetige Beständigkeit, nicht plötzliche Innovationen und riskante Deals prägten ihre Bilanzen.

Heute wandelt sich kaum eine Branche so schnell wie der Handel. Der Tsunami der Digitalisierung fegt alle angestammten Geschäftsmodelle beiseite. Wer sich nicht schnell und oft auch höchst riskant vorwärts bewegt, fällt zurück. Die alten deutschen Händlerdynastien – die Haniels, die Ottos, die Haubs und eben auch die Krekes – kommen damit schon jetzt nur noch unter Mühen klar. Dabei ist der lange Herbst der etablierten Händler gerade erst angebrochen.

Konkurrenz von Amazon und Co.

Die neuen Helden des globalen Handels heißen Amazon oder Zalando. Gerade wählte das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ die Start-up-Firma Instacart zum „erfolgversprechendsten Unternehmen der USA“. Über die Internet-Plattform setzen immer mehr Amerikaner „Personal Shopper“ in Marsch, die in beliebigen Läden Lebensmittel einkaufen und in kürzester Zeit an der Haustür abliefern. Wie solche Geschäftsmodelle langfristig den Handel verändern, kann man heute erst erahnen. Schon jetzt aber kann man vorhersagen: Die ohnehin geringen Margen der Branche geraten weiter unter Druck.

Das Beispiel des Versandkonzerns Otto zeigt umgekehrt die ganze Tragik der etablierten Händler. Die Hamburger machen nichts falsch – und fallen doch immer weiter zurück gegenüber der aggressiven Konkurrenz von Amazon, Zalando und Co. Otto wächst im Digital-Geschäft, aber die anderen wachsen schneller. Während der etablierte Versandhändler in guter konservativer Familientradition streng auf die Erträge achtet, investieren die Internet-Firmen ohne Rücksicht auf Verluste. Der große Vorteil: Die neuen Unternehmen  finanzieren sich über Risikokapital und die Börse, die alten über thesaurierte Gewinne. Die Werte der Vergangenheit – Vorsicht, Solidität und selbstfinanziertes Wachstum – schlagen plötzlich in einen Wettbewerbsnachteil um. Nötig wäre ein radikaler Kulturwandel – aber das war noch nie die Stärke der deutschen Familienunternehmen.