KolumneDer große Brexit-Knall bleibt aus


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


In den Wochen nach dem Brexit-Votum zeigt der volkswirtschaftliche Datenkranz Großbritanniens ein gemischtes Bild. Die Stimmung in den Unternehmen hat sich deutlich eingetrübt, ebenso sind die Umsätze bei Gewerbeimmobilien in Mitleidenschaft gezogen worden. Andererseits hielten sich Einzelhandel, Wohnimmobilien- und Arbeitsmarkt im Juli noch sehr ordentlich.

Wirklich verlässlich lässt sich die Lage derzeit noch nicht einschätzen. Dazu werden volkswirtschaftliche Daten zu großer Zeitverzögerung erhoben. Eine Umfrage der britischen Zentralbank kurz nach dem Referendum förderte etwa zutage, dass die britischen Unternehmen tatsächlich das Ergebnis vollkommen überrascht hat und sie mehrheitlich keine Notfallpläne für ein Austrittsvotum in der Schublade hatten. Die drastische Stimmungsverschlechterung lässt sich zum Teil ganz sicher damit erklären, dass die Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt wurden. Allerdings sprechen die genannten „harten“ Daten eher dagegen, dass sich die britische Wirtschaft schon im unkontrollierten Sinkflug befindet, den viele Prognostiker erwarten.

Aus unserer Sicht dürfte sich der Austrittsprozess generell auch eher langanhaltend und korrosiv auf die britische Wirtschaft auswirken als in einem großen rezessiven Knall. Der Grund hierfür ist, dass sich die Rahmenbedingungen nicht schlagartig geändert haben. Derzeit hat Großbritannien der EU ja noch nicht einmal formell seinen Austrittswunsch mitgeteilt. Erst ab diesem Zeitpunkt läuft die Zwei-Jahres-Periode, an deren Ende das Vereinigte Königreich dann auch tatsächlich nicht mehr mit allen Rechten und Pflichten Teil der EU und damit des Binnenmarktes ist.

Pfund-Schwäche hilft Unternehmen

Nehmen wir als Beispiel ein japanisches Unternehmen, das eine Fabrik auf der Insel unterhält, um von dort in den EU-Binnenmarkt Waren zu liefern. Für diese Firma gibt es eigentlich keinerlei Notwendigkeit, das Werk unmittelbar stillzulegen und die Beschäftigten zu entlassen. Schließlich sorgt die jüngste Abwertung bei unveränderten Euro-Absatzpreisen auf dem europäischen Festland und einem überwiegenden Teil der Kosten in britischen Pfund sogar dafür, dass die Produktionsstätte nun profitabler arbeitet als vorher. Andererseits kann sich das Unternehmen natürlich nicht darauf verlassen, dass es nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist noch weiter problemlos in den Binnenmarkt wird liefern können.

Vor diesem Hintergrund sind sowohl die sofortige Stilllegung der bestehenden Produktionsstätte als auch nennenswerte Erweiterungsinvestitionen unwahrscheinlich. Allerdings wird das Unternehmen schon jetzt beginnen, sich nach potenziellen alternativen Standorten im Binnenmarkt umzuschauen.

Damit wird die Investitionstätigkeit in Großbritannien über die nächsten Jahre erheblich belastet bleiben, auch wenn nicht gleich ein Exodus der Unternehmen einsetzt. Eine schnelle Regelung über den künftigen Status der Beziehungen zur EU würde hier natürlich helfen. Insbesondere dann, wenn sie einen weitgehenden Zugang zum Binnenmarkt sichert wie etwa beim norwegischen Modell. Eine solche Regelung ist aber nicht mit einem zentralen Anliegen der neuen britischen Regierung vereinbar: der Begrenzung des Zuzugs von EU-Bürgern.

Auch wenn der große Knall erst mal ausbleibt, darf man getrost bezweifeln, ob sich die Briten mit ihrer Entscheidung wirtschaftlich einen Gefallen getan haben.