ThemaDer Clan der Ingenieure

Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche
Streitbare Cousins: Ferdinand Piëch (l.) und Wolfgang Porsche – Foto: Frank Bauer

Am 14. Juni 1970 gelingt Porsche einer der größten Siege seiner Geschichte. Doch dieser Triumph endet in einem gewaltigen Familienkrach. Das ebenso berühmte wie brutale 24-Stunden-Rennen im französischen Le Mans hat dem Sportwagenbauer Weltruhm eingebracht. Über 4500 Kilometer an einem einzigen Tag. Durchschnittsgeschwindigkeiten von mehr als 190 Stundenkilometern. Regen wie aus Kübeln und zahlreiche Unfälle. Am Ende siegt ein Porsche, zum ersten Mal. Auch die Plätze zwei und drei gehen an Vertreter der Marke aus Stuttgart.

Im Regen von Le Mans steht ein schlanker, junger Mann, mit feinem Lächeln auf dem fuchsartigen Gesicht. Es ist der Entwicklungschef von Porsche, er hat diesen Sieg gewollt und mit aller Macht vorangetrieben. Sein Name: Ferdinand Piëch.

Der damals 33-Jährige, der noch zu einem der mächtigsten Automanager der Welt aufsteigen wird, ist ein Enkel des Firmengründers Ferdinand Porsche. Wie sein Großvater ein begnadeter und ehrgeiziger Ingenieur. Für den Sieg in Le Mans hat Piëch eine Menge aufs Spiel gesetzt. Die Entwicklung seines siegreichen 917 verschlang Summen, die Porsche eigentlich überforderten. Ein Crash hätte eine Katastrophe bedeutet.

Die anderen Familienmitglieder, vor allem jene, die den Namen Porsche noch tragen, nehmen Piëch dieses Vabanquespiel übel. Im Herbst desselben Jahres trifft sich die Sippe im österreichischen Zell am See, bei dem sich die Teilnehmer in die Haare kriegen. Es geht nicht so sehr um die Finanzen, sondern vor allem um die Frage, wer beim Sportwagenbauer das Sagen hat.

Aufteilung Porsche VW

Am Ende entscheidet die Runde, dass Mitglieder der Familie überhaupt keine Führungspositionen im Unternehmen mehr besetzen sollen. Auf den ersten Blick ein salomonischer Beschluss. Doch den Grundkonflikt löst er nicht. Fast 40 Jahre später wird er erneut aufbrechen. Und wieder wird es im Kern um die Frage gehen: Wer ist der wahre Erbe von Ferdinand Porsche?

Dieser Streit flammt auch deshalb immer wieder auf, weil der Gründer der Dynastie nicht nur ein Produkt hinterlassen hat. Der Name Porsche steht für einen der genialsten, einflussreichsten und zugleich umstrittensten Autobauer, den die Welt jemals hatte.

Ferdinand Porsche wurde am 3. September 1875 als Sohn eines Klempners in einem Dorf in Böhmen geboren. Schon als Junge bastelte er gern, die Elektrizität, die auch in der Provinz langsam Einzug hielt, faszinierte ihn. Es war die Zeit der Erfinder und Entwickler. Thomas Alva Edison trieb in Amerika das elektrische Licht voran, Carl Benz ließ seinen Motorwagen durch Mannheim rollen, und Jules Verne lieferte aus Frankreich die Bücher dazu, in denen er beschrieb, was das nahende neue Jahrhundert an technischen Wunderwerken bringen würde. Ferdinand Porsche entschied sich für das Wunder der Fortbewegung.

In Wien heuerte er als 23-Jähriger bei einem Kutschfabrikanten an, der in den neuen Motorwagen die Zukunft seines Gewerbes erkannt hatte. Porsche sollte dieses Geschäft voranbringen, und er tat dies mit großem Elan. Ein Jahr später entwarf er sein erstes Automobil, das als System Lohner-Porsche auf der Pariser Weltausstellung von 1900 Aufsehen erregte. Anders als viele spätere Porsche-Konstruktionen war es ein Elektroauto. Welcher Antrieb sich einmal durchsetzen würde, war zu dieser Zeit noch nicht entschieden. Das darauffolgende Modell, den Semper Vivus, würde man heute als „Hybrid“ bezeichnen. Der Erfinder nahm vorweg, was heute wieder die Ingenieure beschäftigt.

Zu teuer für Daimler

Im Jahr 1903 heiratete Porsche Aloisia Kaes und begründete mit ihr das, was einmal der Automobilclan Porsche werden sollte. Aus der Ehe gingen zwei sehr unterschiedliche Kinder hervor – Tochter Louise, die als härter und resoluter galt, und der fünf Jahre jüngere Ferry, ein freundlicher und ausgleichender Charakter. Sie wurden die Oberhäupter zweier Familienstämme, die bis heute nicht nur die Geschicke von Porsche bestimmen, sondern Schlüsselrollen in der deutschen Automobilindustrie spielen. Louise begründete nach ihrer Heirat mit einem Wiener Rechtsanwalt die Linie Piëch, Ferry und seine Nachkommen behielten den Namen Porsche. Als Ferdinand Porsche 1951 starb, hinterließ er seinen Nachkommen eine fast unlösbare Aufgabe: Das Erbe wurde zu gleichen Teilen aufgeteilt, eine Führungsrolle vergab er nicht. Diese vermeintlich faire Entscheidung säte den Streit.

Dass überhaupt eine eigenständige Autofirma Porsche entstand – um die zu kämpfen sich lohnt –, war dabei ein kleiner Zufall der Wirtschaftsgeschichte. Ab Anfang der 20er-Jahre arbeitete Ferdinand Porsche bei Daimler in Stuttgart. Der Job als Konstruktionschef und Mitglied des Vorstandes hätte ihm allem Anschein nach genügt, und vielleicht wäre Porsche einfach ein großer Ingenieur bei einem später großen Konzern geblieben.

Doch der Tüftler, unter dessen Leitung mehrere frühe Mercedes-Sportwagen entstanden, wurde dem 1926 neu gegründeten Verbund Daimler-Benz schlicht zu teuer: Ende der 20er-Jahre war die finanzielle Lage angespannt, und die Sportwagen des nicht gerade sparsamen Entwicklers Porsche schienen ein Luxus, den sich das Unternehmen nicht leisten konnte. Nach seinem Rauswurf bei Daimler gründete Porsche im Jahr 1931 die Dr. Ing. h c. F. Porsche GmbH, Konstruktionen und Beratung für Motoren und Fahrzeuge. Die Firma bastelte und entwickelte zunächst für andere. Doch das Unternehmen war nun in der Welt.

Am 26. Mai 1938 entsteht ein Foto, das nicht in allen Prachtbänden über Porsche auftaucht, obwohl es zur Geschichte des Unternehmens gehört wie kaum ein anderes: Ferdinand Porsche sitzt im Fond eines kugeligen Cabriolets mit runden Scheinwerfern – dessen Design noch Jahrzehnte später ein gewohnter Anblick auf deutschen Straßen sein wird. Gesteuert wird der Wagen von dem damals 28-jährigen Ferry. Am Rand stehen jubelnde Menschen, die von schwarz uniformierten Männern zurückgehalten werden. Auf dem Beifahrersitz ist ein Mann zu sehen, der seinen Ellenbogen in einer herrischen Geste auf den Autorand gelegt hat: Adolf Hitler. „Hier soll nach dem Willen des Führers ein gigantisches Werk entstehen, von dem man noch einmal in der Welt reden wird“, heißt es in der Wochenschau, die über das Ereignis berichtet, und: „Porsche konstruierte eine Limousine, einen offenen Wagen und eine Cabrio-Limousine, die bei sechs bis sieben Liter Brennstoffverbrauch und 100 Kilometer Autobahngeschwindigkeit nur 990 Mark kosten werden.“ Die Rede ist vom ersten Volkswagen. Dem Vorläufer des Käfers.

Porsche Volkswagen Hitler
Ferry Porsche am Steuer, neben ihm Adolf Hitler, bei der Grundsteinlegung des VW-Werks in Wolfsburg – Foto: SZ Photo