EU-AustrittDer Brexit in fünf Zahlen

Ein Bediensteter entfernt den Union Jack und die EU-Flagge am VIP-Eingang des Berlaymont-Gebäudes
Ein Bediensteter entfernt den Union Jack und die EU-Flagge am VIP-Eingang des Berlaymont-Gebäudesdpa

Der Brexit ist am 31. Januar zwar vollzogen, endgültig raus aus der EU ist Großbritannien damit allerdings noch nicht. Stattdessen gilt bis zum 31. Dezember 2020 eine Übergangsphase. Solange bleibt Großbritannien noch Mitglied des Binnenmarktes und der Zollunion. In dieser Zeit will das Vereinigte Königreich ein Abkommen über die künftigen Handelsbeziehungen mit der EU aushandeln. Die Zeit ist knapp bemessen. Normalerweise dauert so etwas mehrere Jahre. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson will aber unter keinen Umständen um keine Verlängerung der Übergangsphase bitten.

Die Sorge vor einem harten Brexit ist damit noch nicht endgültig gebannt. Und ohne Handelsabkommen bleibt außerdem unklar, wie die europäisch-britischen Beziehungen von morgen aussehen sollen. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Tragweite des britischen EU-Austritts lässt sich jetzt schon erahnen. Der Brexit in fünf Zahlen:

460.000 Arbeitsplätze

Großbritannien gehört zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Das macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Rund 460.000 Arbeitsplätze hierzulande sind laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit Exporten nach Großbritannien verbunden. Davon entfielen 60.000 auf die Autoindustrie.

Infografik: Kfz-Branche am stärksten von Brexit betroffen | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Am stärksten betroffen sind die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (90.000 Arbeitsplätze), Bayern (80.000 Arbeitsplätze) und Baden-Württemberg (70.000 Arbeitsplätze). Die IAB-Forscher betonen, dass diese Arbeitsplätze nach dem Brexit nicht einfach wegfielen, weil es ja auch dann noch Handelsbeziehungen gebe und sich deutsche Unternehmen außerdem schon nach neuen Handelspartnern umgeschaut hätten. „In welchem Umfang die Anpassungen der Unternehmen an die veränderten Bedingungen im Handel mit dem Vereinigten Königreich mögliche Arbeitsverluste verhindern können, ist noch offen“, schreiben die Forscher.

73,6 Mrd. Euro

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien ist seit der Brexit-Entscheidung geschrumpft. Von Januar bis November 2019 sind die deutschen Ausfuhren auf einen Gesamtwert von 73,6 Mrd. Euro gesunken. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum in 2018 bedeutet das einen Rückgang um vier Prozent, wie Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zeigen. In der Rangliste der wichtigsten deutschen Handelspartner rutschte Großbritannien in den Jahren nach dem Brexit-Votum 2016 von Platz fünf auf Platz sieben ab.

Und eine Besserung ist nicht in Sicht: Der deutsche Bauernverband befürchtet durch den Brexit einen Exportrückgang für deutsche Agrarprodukte. Großbritannien importiert beispielsweise Backwaren im Wert von 307 Mio. Euro und Bier im Wert von 35 Mio. Euro pro Jahr aus Deutschland. Insgesamt belaufen sich die Agrarexporte auf 4,5 Mrd. Euro, die Importe von der Insel nur auf 1,3 Mrd. Euro. Bei einem weichen Brexit könnte das Volumen um ein Fünftel zurückgehen, erwartet das Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume.

42 Mrd. Euro

Großbritannien gehört zu den größten Beitragszahlern für den EU-Haushalt. 13,5 Mrd. Euro überwies London im Jahr 2018 nach Brüssel. Nach dem Auslaufen der Übergangsphase fällt diese Summe weg. Wie das ausgeglichen wird, steht noch nicht fest. Für Deutschland könnten die Beiträge aber steigen. Schon jetzt ist die Bundesrepublik mit 25,3 Mrd. Euro der größte Beitragszahler unter den EU-Mitgliedstaaten. Momentan wird auf EU-Ebene über einen neuen mittelfristigen Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 verhandelt. Nach Angaben der Bundesregierung könnte der deutsche EU-Beitrag auf 42 Mrd. Euro pro Jahr steigen. Sie beruft sich auf einen Vorschlag der finnischen Ratspräsidentschaft aus dem vergangenen Jahr. Entschieden ist hier aber noch nichts.

30 Mrd. Pfund

Trotz des Brexit steht Großbritannien auch weiterhin zu den finanziellen Verpflichtungen, die das Land während seiner EU-Mitgliedschaft eingegangen ist. In den Brexit-Verhandlungen wurde deshalb eine Schlussrechnung vereinbart. Zum ersten Brexit-Termin dem 23. März 2019 betrug die Summe etwa 45 Mrd. Euro. Durch die Verzögerung und die fortlaufenden Zahlungen aus dem Vereinigten Königreich ist ein Teil der Summe bereits beglichen. Neuen Rechnungen zufolge könnten zum 31. Januar 2020 noch knapp 30 Mrd. britische Pfund auf der „Scheidungsrechnung“ stehen. Das entsprich etwa 35,6 Mrd. Euro.

168 Firmen

Auch britische Unternehmen bereiten sich auf den EU-Austritt ihres Landes vor. Einige von ihnen lassen sich in der Bundesrepublik nieder. Laut der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) waren das im Jahr 2018 insgesamt 168 britische Firmen. Nie zuvor hätten sich so viele britische Firmen in Deutschland angesiedelt. „Wir haben diese über die Gründe befragt und für fast die Hälfte der Unternehmen, 45 Prozent, war der Brexit einer der Gründe dafür”, sagte GTAI-Geschäftsführer Robert Hermann. Auch 2019 soll diese Entwicklung angehalten haben, Zahlen liegen jedoch noch nicht vor. Etwa jede dritte britische Firma stammt Dienstleistungbranche, jede vierte kommt aus der Software- und IT-Branche.