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Goldhandel Degussa-Chef Markus Krall: Abgang eines Untergangspropheten

Die Degussa Goldhandel ist Marktführer unter den bankenunabhängigen Edelmetallhändlern
Die Degussa Goldhandel ist Marktführer unter den bankenunabhängigen Edelmetallhändlern
© IMAGO / Arnulf Hettrich
Der Goldhändler Degussa trennt sich von Markus Krall, der mit Crash-Thesen über die Finanzwelt ein Millionenpublikum erreicht. Die Hintergründe der Entscheidung sind so obskur wie Kralls politisches Umfeld

Nicht selten sind Crash-Propheten vor allem in eigener Sache unterwegs. Als einer von ihnen gilt Markus Krall, der in verschiedenen Untergangsszenarien den Zusammenbruch des Finanzsystems vorhergesagt hat – und eine Rückkehr zum Goldstandard propagiert. Nun wurde der Chef von Degussa Goldhandel von dem Unternehmen „mit sofortiger Wirkung“ freigestellt. Krall werde sich „neuen beruflichen Herausforderungen widmen“, hieß es Anfang der Woche – ohne die Angabe weiterer Gründe.

Krall war vor drei Jahren als Sprecher der Geschäftsführung geholt worden. Die Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH oder kurz Degussa Goldhandel sieht sich als Erbe und Garant für „Qualität und Beständigkeit in der Welt der Edelmetalle“, wurde selbst aber erst 2010 gegründet. Als weltweit operierendes Unternehmen für Gold, Silber und Platinmetalle stieg es zum Marktführer unter den bankenunabhängigen Edelmetallhändlern auf. Unter Manager Krall wuchs der Jahresüberschuss 2020 laut Bundesanzeiger von 5,8 Mio. Euro auf 43,3 Mio. Euro, bei einem Umsatz von 2 Mrd. Euro. Der größte Konkurrent Pro Aurum verdiente etwas weniger. Aber die Verwerfungen und Unsicherheiten der Corona-Pandemie verhalfen dem Goldhandel zu Rekordjahren.

Doch der Ökonom und Buchautor Krall macht vor allem mit seinen Thesen zu vermeintlich drohenden schweren Verwerfungen an den Finanzmärkten oder gar dem Zusammenbruch des Systems von sich reden – und erreicht damit ein Millionenpublikum. Wie andere so genannte Crash-Propheten beeindruckt er mit durchaus scharfsinnigen Analysen. Die existierenden Gefahren für Wirtschaft und Politik werden indes häufig überzeichnet und dramatisiert. So beschwor Krall auch das Ende des Euros und der Europäischen Zentralbank, die er für eine Fehlkonstruktion und nicht unabhängig hält.

Markus Krall 2021 bei der Veröffentlichung seines Buches „Freiheit oder Untergang“
Markus Krall 2021 bei der Veröffentlichung seines Buches „Freiheit oder Untergang“
© IMAGO / Lindenthaler

„Ich verlange die Trennung des Staates vom Geld und der Zentralbank“, proklamiert er etwa auf Youtube und plädiert stattdessen für private Notenbanken und deren Wettbewerb untereinander. Im nächsten Atemzug wird dann der Goldstandard angepriesen, der im 19. Jahrhundert – bevor die Politik ihn kassierte – eine Phase erlaubt habe, „in der das Wirtschaftswachstum am höchsten“ gewesen sei.

Die EZB-Politik der Niedrigzinsen (die Sparer enteigne), die Schuldenberge der Staaten oder die in aufeinanderfolgenden Krisen von der Politik aufgespannten Rettungsschirme: Sie alle führen im Weltbild solcher Schwarzmaler früher oder später zum Kollaps ganzer Volkswirtschaften und in eine globale Rezession. Bedroht sei damit auch der Wohlstand und das Privatvermögen der Bürger, warnen die Crash-Propheten, und raten meist zu Investitionen in Sachwerte – häufig in Richtung Gold.

Degussa-Zukunft ist ungeklärt

Wenn der angesagte Zusammenbruch ausbleibt, dann kommt er eben später. So sagte Markus Krall auch den Zusammenbruch des Bankensystems mit Hyperinflation bereits für das Ende 2020 voraus. Allein die Flut des billigen Geldes und planwirtschaftliche Finanzspritzen hätten die Entwicklung der „Zombifizierung“ der Wirtschaft aufgehalten, die aber nach der Zinswende nun unaufhaltsam ein Viertel der Unternehmen in die Pleite treiben werde – mit entsprechend katastrophalen Folgen für die Bankbilanzen. Unternehmenstransaktionen würden bei einer etwa 50-prozentigen Steigerung der Erzeugerpreise „nicht mehr möglich“ und „nicht mehr durchgeführt“, weil unkalkulierbar, so Krall. Vor einem Monat erklärte er, er erwarte den Kollaps von Produktion und Lieferketten „innerhalb von Monaten“.

Wie viele Crash-Propheten neigt auch Krall dazu, Risiken zu dramatisieren und entsprechend radikale Lösungen zu propagieren. Kritiker haben den Finanzexperten und Degussa-Chef auch in rechtslibertären Kreisen verortet, die im Imperium des 2021 verstorbenen Milliardärs und Degussa-Eigners August von Finck einen ideologischen demokratiefeindlichen Apparat aufgebaut hätten. Von Finck förderte libertäre Thinktanks und soll in der Gründungsphase Unterstützer der Rechtsaußenpartei AfD gewesen sein.

Vom Haupterben der Finck-Milliarden und der Degussa-Anteile August François von Finck heißt es, er wolle mit dem Gedankengut seines Vaters wenig zu tun haben. Womöglich dient die Ablösung von Krall daher auch der Entpolitisierung des Marktführers im Edelmetallhandel mit privaten und industriellen Kunden. In der Branche wird sogar über einen möglichen Verkauf spekuliert.

Neben Kralls Zukunft scheint nun auch das weitere Schicksal des Unternehmens mit dem Traditionsnamen Degussa ungewiss. Womöglich war der Abgang des Crash-Propheten an der Spitze nur der erste Akt eines in diesem Fall nicht von ihm selbst geschriebenen Szenarios. Der Verwaltungsrat dankte „Herrn Dr. Krall für die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre“.

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