Kolumne Das Trauerspiel der Bayer-Aktie

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Bayer-Chef Werner Baumann kann sich über eine Vertragsverlängerung freuen. Für die Aktionäre des Konzerns gibt es dagegen bislang keinen Grund zur Freude

Die Bayer-Aktie sinkt, das Gehalt des Chefs steigt. In den letzten drei Jahren haben die Aktionäre des Konzerns fast die Hälfte ihres Vermögens verloren. Die Aktie liegt heute fast wieder dort, wohin sie nach dem Corona-Sturz gefallen ist. Anders als fast alle anderen Dax-30-Werte gibt es kein Zeichen der Erholung in den letzten Monaten. An der Börse kommt die Bayer AG nur noch auf eine Marktkapitalisierung von 55 Mrd. Euro – fünf Milliarden weniger, als der Konzern vor zwei Jahren für die Übernahme von Monsanto bezahlt hat. 60 Mrd. Euro haben sich also in Luft aufgelöst. Statt Wert zu schaffen, hat der Firmenverkauf Wert vernichtet.

Bayer-Chef Werner Baumann konnte sich dagegen allein im letzten Jahr über 1 Mio. Euro mehr freuen. Es stiegen sein Fixgehalt, seine variablen Bezüge, seine langfristigen Gehaltsbestandteile und auch seine Pensionszusagen. Und auch sonst scheint der gesamte Aufsichtsrat äußerst zufrieden mit seiner Leistung zu sein. In der letzten Woche verkündete der Konzern nicht nur eine Vertragsverlängerung bis 2024. Der neue Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann lobte in einer länglichen Presserklärung die „strategische Stärke“ und „operative Robustheit“, die das „große Verdienst“ Baumanns und seines Teams seien. Und Betriebsratschef Oliver Zühlke durfte auch noch das „offene Ohr“ des Chefs für die Belange der Arbeitnehmer preisen. Der Aktienkurs fand dagegen keine Erwähnung in dem Papier.


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Nun behaupten kritische Stimmen aus dem Unternehmen, die Lobeshymne für Baumann sei in Wahrheit gar keine. Der CEO erhalte schließlich, offiziell „auf eigenen Wunsch“, nur eine Verlängerung seines Vertrags um drei Jahre. Mit 61 wäre damit Schluss für den Bayer-Chef, obwohl die meisten seiner Vorgänger bis 65 im Amt ausharrten. Außerdem mache ihn die verfrühte Ankündigung, aus „Gründen der Lebensplanung“ definitiv im Frühjahr 2024 aus dem Chefsessel zu scheiden, schon jetzt zu einer Art Abrufkandidaten.

Ermahnung für den Bayer-Chef

Für entsprechendes Getuschel sorgte auch eine Passage in der Presseerklärung Winkeljohanns: „Wir erwarten zudem“, heißt es dort, „dass der Rechtskomplex Glyphosat in einer für das Unternehmen zufriedenstellenden Weise gehandhabt wird“. Das höre sich doch, meinen alte Bayer-Insider, ein bisschen nach einer Ermahnung für den CEO an, den seit Monaten hängenden Vergleich mit den amerikanischen Klägern gegen das Monsanto-Mittel Glyphosat nun endlich zum Abschluss zu bringen – oder den eigenen Job doch möglicherweise noch vor 2024 zu verlieren.

Wenn das alles so wäre, käme diese Trickserei allerdings einem weiteren Offenbarungseid des Aufsichtsrats gleich. Im letzten Jahr weigerte sich die Hauptversammlung der Bayer AG, Baumann zu entlasten. Das war bereits ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Unternehmens. Auf der diesjährigen Hauptversammlung fand sich eine Mehrheit für seine Entlastung – in Erwartung einer schnellen Einigung vor amerikanischen Gerichten. Seitdem ist der seit langem erhoffte Vergleich mit den Glyphosat-Klägern am Einspruch eines Bundesrichters in den USA gescheitert. Zumindest vorerst. Und vor allem deshalb dümpelt der Aktienkurs weiter dahin. Eigentlich wären das genug Gründe, sich nach neuem Personal umzusehen. Aber nicht bei Bayer.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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