Deloitte-AnalyseSo macht sich der Brexit jetzt schon in Deutschland bemerkbar

Die Lebensader: Durch den Port of Dover werden pro Jahr Güter im Wert von 119 Mrd. Pfund geschleust
Die Lebensader: Durch den Port of Dover werden pro Jahr Güter im Wert von 119 Mrd. Pfund geschleustOssi Piispanen

Neue Runde im Brexit-Poker. Die EU gewährt den Briten einen weiteren Aufschub der Austrittsfrist: Anstatt wie geplant am 31. Oktober soll Großbritannien nun bis zum 31. Januar 2020 Zeit haben, mit einem Brexit-Abkommen aus der EU auszutreten.

Auf die deutsche Wirtschaft hat sich der geplante EU-Austritt bereits jetzt ausgewirk. „Der Brexit ist kein einmaliges Ereignis, vielmehr ein langwieriger Prozess, der jetzt schon konkrete wirtschaftliche Auswirkungen hat, vor allem auf die Exporte“, sagt Alexander Börsch, bei Deloitte als Chefökonom zugleich Leiter der Brexit-Task Force. „Zwei Brexit-Effekte sind hier maßgeblich verantwortlich: der Wechselkurs und das hohe Niveau der Unsicherheit für Unternehmen.“

Die bisherigen Folgen des geplanten EU-Austritts auf Handel, ausländische Direktinvestitionen und Einbürgerungen hat die Brexit-Task Force um Börsch in ihrer jüngsten Analyse untersucht. Das Fazit: Die Folgen sind in zwei von drei Bereichen deutlich spürbar.

Handelsrückgang um sieben Prozent seit 2016

Am stärksten macht sich der Einfluss des Brexit bei Einbürgerungen bemerkbar: Zwischen 2016 – dem Jahr des Brexit-Referendums – und 2018 erhielten 17.000 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft. Zum Vergleich: Von 2001 bis 2016 waren es insgesamt nur 4800 Antragssteller. Im vergangenen Jahr stellten die Briten (6640) bei den Einbürgerungen die zweitgrößte Gruppe nach türkischstämmigen Personen (16.700)

Ökonomisch am wichtigsten sind die Auswirkungen auf den Handel. Der deutsch-britische Warenaustausch ist seit dem Referendum deutlich rückläufig: Unter Deutschlands wichtigsten Handelspartnern rangiert Großbritannien mittlerweile nur noch auf Platz fünf. Vor 2016 zählte es dagegen noch zusammen mit den USA und Frankreich zu den drei größten Partnern.

Die Folgen des Brexit-Referendums drücken sich in Zahlen aus: Seit 2016 schrumpfte das Handelsvolumen um sieben Prozent – umgerechnet 8 Mrd. Euro. Vor allem die Automobil- und Pharmaindustrie sind von dem Rückgang betroffen. Allein die Exporte der deutschen Automobilhersteller nach Großbritannien gingen in den letzten drei Jahren um mehr als ein Fünftel zurück. Das entspricht einem Volumen von 6 Mrd. Euro. Betroffen sind vor allem Automobil-Standorte in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland.

Der Gesamtanteil Großbritanniens an den deutschen Exporten ist mit 6,2 Prozent wieder so niedrig, wie zuletzt während der Finanzkrise in 2008. Die Importe sind – dank des gesunkenen Kurses für das britische Pfund – dagegen leicht gestiegen. Bei den Direktinvestitionen gab es laut der Analyse kaum Veränderungen. Die Investitionen nahmen seit 2016 sogar um 14 Prozent zu. Damit liegen die Briten – als drittwichtigste Quelle für ausländische Direktinvestitionen nach Deutschland – im internationalen Vergleich genau im Trend. Ein Brexit-Effekt sei hier nicht festzustellen.

Wie sich die deutsch-britischen Handelsbeziehungen angesichts des jüngsten Aufschubs entwickeln, bleibt abzuwarten. Eine entscheidende Rolle dürfte dabei vor allem die Unsicherheit rund um den EU-Austritt der Briten spielen, weiß Börsch: Zwar sei die Sehnsucht nach einem Ende des Brexit-Dramas enorm, ein Ende der Unsicherheit sei aber nicht in Sicht und Unternehmen müssten entsprechend weiterhin mit allen Optionen planen.