BrexitDie britische Autoindustrie stirbt mit dem Brexit

Autos vom Typ Mini am Produktionsstandort Oxford
Autos vom Typ Mini am Produktionsstandort OxfordDan Wilton

Seit vergangenem Jahr ist die Autoproduktion in England im Rückwärtsgang. Im ersten Halbjahr 2019 wurde mit 666.000 Autos, ein Rückgang um ein Fünftel zum Vorjahreszeitraum, ein neuer Tiefstand erreicht. Nur rund zwei Monate vor dem Brexit spitzt sich die Lage für die Branche weiter zu.

Kein Wunder. Seit der Abstimmung im Juni 2016 sind die Investitionen der Automobilhersteller und ihrer Zulieferer um 80 Prozent zurückgegangen. Honda schließt sein einziges Werk in Swindon und kehrt der Insel bis 2021 für immer den Rücken; 3500 Arbeitsplätze gehen damit verloren, weitere Tausende bei Zulieferern und Servicebetrieben. Nissan, mit 7000 direkt Beschäftigten größter Autoproduzent in England und wichtiger Arbeitgeber in der industrieschwachen Region Sunderland, fängt an, Teile seiner Produktion nach Japan zu verlegen. 1984 war Nissan – wie danach die übrigen japanischen Hersteller – auf die Insel gezogen, weil man Großbritannien als Sprungbrett in den EU-Binnenmarkt sah. Doch gut 30 Jahre später hatte Sunderland, die verarmte Industriestadt im Nordosten Englands, mit 61 Prozent für den Brexit gestimmt.

Toyota als dritter großer japanischer Autokonzern auf der Insel hat die „Überprüfung seines Standortes“ in Burnaston bis Anfang 2020 angekündigt. Allein auf diese drei japanischen Hersteller entfällt die Hälfte der gesamten englischen Automobilproduktion. Erschwerend kommt hinzu, dass alle japanischen Zulieferunternehmen vor dem Absprung stehen.

Sparprogramme aller Orten

Doch auch der Rest der Branche steht auf hab Acht. Mini, Automobiltochter von BMW und drittgrößter Hersteller auf der Insel, plant Schließungen und Produktionsverlagerung nach Südafrika. Jaguar Land Rover, das 2008 vom indischen Stahlmagnaten Ratan Tata vor der Pleite gerettet und zwischenzeitlich unter deutscher Leitung zum neuen Star der britischen Autoindustrie aufgestiegen war, hat ein massives Sparprogramm und die Streichung von 4500 der 9100 Arbeitsplätze angekündigt.

Jaguar hat parallel dazu massiv Kapazitäten im EU-Land Slowenien aufgebaut. Ford legt Teile seiner Motorenproduktion still und will seine Zukunft im Vereinigten Königreich ebenfalls „überdenken“. PSA-Chef Carlos Tavares hat im Falle eines harten Brexit mit dem Abzug der Opel Astra Produktion aus dem Vauxhall-Werk Ellesmere Port und deren Verlagerung nach Südeuropa gedroht; das wäre dann das Aus für den Standort – und für viele Zulieferer ringsum. Große Zulieferer wie ZF, Schäffler und Michelin machen bereits zu, andere werden folgen.

Das Ende der britischen Autoindustrie, präziser: der Autoindustrie in Großbritannien, naht also mit großen Schritten. Ein „harter“ Brexit ohne Freihandelsabkommen mit der EU macht dem Automobil-Standort Großbritannien den Garaus. Er wird unprofitabel, denn die Autoindustrie hängt stark vom Export ab. Jährlich werden etwa 80 Prozent der Autos exportiert, davon über 60 Prozent nach Europa. Umgekehrt werden 80 Prozent aller Zulieferteile aus Europa importiert, manche davon überqueren den Kanal im Veredelungsverkehr bis zu fünfmal. Die Einführung der WTO-Zoll-Tarife von zehn Prozent würde dem Standort Großbritannien die Rentabilitätsgrundlage entziehen: Exportautos verteuerten sich um etwa 3000 Euro, Zulieferteile müssten zu höheren Kosten importiert werden.