Großbritannien Was der Brexit-Streit für Investoren bedeutet

Der Brexit-Streit berührt auch die Geschäfte an der Londoner Börse
Der Brexit-Streit berührt auch die Geschäfte an der Londoner Börse
© Getty Images
Die Angst vor einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union treibt viele Investoren in die Flucht. Dabei eröffnet der Brexit-Streit auch Chancen

Bis Mitte Oktober geht nichts mehr. Nach drei Jahren Streit sind die Tore des britischen Parlaments nun erstmal verschlossen. Bevor die fünfwöchige Zwangspause am Dienstag begann, brachten die Abgeordneten Premierminister Boris Johnson noch mal ordentlich ins Schwitzen. Bei einer Abstimmung über vorgezogene Neuwahlen verfehlte Johnsons Antrag mit 293 von 650 Stimmen die nötige Zweidrittelmehrheit deutlich. „Wir wollen Neuwahlen, aber so sehr wir sie wollen: Wir werden nicht riskieren, dass wir uns das Desaster eines No-Deals auferlegen“, erklärte Labour-Chef Jeremy Corbyn im Anschluss der britischen Presse.

Die Zwangspause im Brexit-Drama könnte für Investoren eine Wohltat sein. Die Furcht vor einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hält die Kapitalmärkte zwar seit geraumer Zeit in Atem. Doch je näher der 31. Oktober und damit das anvisierte Austrittsdatum rückt, desto turbulenter geht es an den Märkten zu. Das Pfund Sterling ist in der vergangenen Woche erstmals seit Januar 2017 unter die Marke von 1,20 US-Dollar gefallen.


GBP/USD (Britische Pfund / US-Dollar) Währung


GBP/USD (Britische Pfund / US-Dollar) Währung Chart

Die No-Deal-Angst hat auch Spuren in den Depots der UK-Fonds hinterlassen. In den vergangenen Wochen haben Investoren Fondsanteile so schnell und radikal abgestoßen wie seit Oktober 2016 nicht mehr, zeigt der aktuelle Fund Flow Index des britischen Fondsdienstleisters Calastone. Insgesamt haben Investoren im August rund 1,3 Mrd. britische Pfund, umgerechnet rund 1,4 Mrd. Euro, abgezogen. Am stärksten betroffen waren Fonds, die ganz auf Aktien britischer Unternehmen setzen. Aus diesen zogen Investoren rund 410 Mio. britische Pfund ab, der „mit Abstand größte Abfluss seit zweieinhalb Jahren.“

Guter Zeitpunkt für mutige Investoren

Wenige Wochen vor dem von Johnson anvisierten Austrittstermin bleiben mehr Fragen offen als beantwortet. Die Furcht der Anleger vor einem No-Deal-Brexit ist deshalb verständlich, sagt Mark Phelps, Chefanlagestratege beim Fondsanbieter Alliance Bernstein. Investoren dürften aber eines nicht vergessen: „Trotz aller Proteste wird die Sonne in Großbritannien wieder aufgehen, die Menschen werden weiterhin konsumieren und die Unternehmen produzieren“, sagt der Kapitalmarktexperte. Das Land bleibe für Anleger somit interessant. Mehr noch: Für Mutige könnte der Zeitpunkt zum Einstieg kaum besser sein.

Denn die Kapitalmärkte haben das Risiko eines No-Deals bereits zu einem Großteil eingepreist. Selbst wenn Großbritannien am 31. Oktober also ohne Vertrag die EU verlassen sollte, dürfte das die Kurse kaum mehr als kurzfristig ins Wanken bringen, sagt Phelps. Dafür sind britische Unternehmen aktuell sehr günstig bewertet. Aktien des Vereinigten Königreichs generieren von allen entwickelten Ländern die höchste Dividendenrendite, es sind derzeit durchschnittlich 5,25 Prozent. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis des britischen Leitindex FTSE 100 ist mit einem Wert von 14,4 im historischen und internationalen Vergleich niedrig.

Multinationale Konzerne lässt das Brexit-Chaos kalt

Wer in den FTSE 100 investiert, holt sich auf einen Schlag viele Banken im Depot: Finanzwerte machen aktuell rund 22 Prozent des FTSE aus. Zwar haben sich die meisten Banken auf der Insel bereits auf den schlimmsten Fall vorbereitet und Zentralen in Europa aufgebaut. Trotzdem dürfte ein harter Brexit die Branche besonders hart treffen, da sind sich Marktbeobachter einig. Sollte Premierminister Boris Johnson an seinem europafeindlichen Kurs festhalten, dürfte die EU kaum dauerhaft Erleichterungen für britische Banken und Finanzprodukte genehmigen. Den in London beheimateten Geldhäusern würde damit der Zugang zum EU-Finanzmarkt deutlich erschwert.

Bei einem chaotischen Ausstieg aus der EU rechnen Ökonomen mit einer tiefen Rezession in Großbritannien . Experten raten darum von britischen Unternehmen ab, die ihre Umsätze überwiegend im Inland erwirtschaften. Interessant sind dagegen große multinationale Konzerne, deren Erfolge kaum von der Entwicklung der britischen Wirtschaft abhängen. Diese Unternehmen lässt das Brexit-Chaos weitgehend kalt. Mehr noch: Sie profitieren sogar von der aktuellen Kursentwicklung des britischen Pfunds, das gegenüber den Währungen wichtiger Handelspartner an Wert verloren hat.

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