KommentarDas Long Covid der Weltwirtschaft

Heute schon getankt? Die Benzinpreise sind zuletzt stark gestiegen IMAGO / Rolf Poss

Kennen auch Sie jemanden, der oder die eine Infektion mit dem Coronavirus zwar lange überstanden hat, aber trotzdem noch nicht wieder ganz auf dem Damm ist? Allein in meinem Bekanntenkreis weiß ich von zwei Fällen: Die akute Erkrankung ist Monate her, und doch leiden diese Menschen an völlig unterschiedlichen Symptomen – Schwindel, fehlende Konzentration, Blutdruckprobleme, Herzrasen. Long Covid nennen das die Ärzte.

Ein wenig erinnern die Nachrichten, die diese Woche beinahe stündlich aus der weiten Welt der Wirtschaft eintrafen, an genau dieses Krankheitsbild – diffus und besorgniserregend zugleich. Sie stammten aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft, handelten von ganz unterschiedlichen Problemen, und doch klang oft die gleiche Sorge durch: Etwas ist knapp, etwas fehlt, und vieles wird teurer, zum Teil exorbitant teurer.

Mit dem Brandenburger Unternehmen Otima meldete in dieser Woche der zweite kleinere Energieversorger des Landes Insolvenz an. Der Grund: die rasant gestiegenen Preise für Gas. Etliche, auch größere Anbieter, stellten in den vergangenen Tagen ihre Angebote für neue Kunden ein, andere kündigten teils drastische Preiserhöhungen noch in diesem Winter an.

Der Autobauer Opel legte Ende September seine Produktion im Werk Eisenach komplett still – bis Ende des Jahres, mindestens. Grund für den Shutdown diesmal: Wichtige Teile fehlen, vor allem Halbleiter sind derzeit nicht zu bekommen. Im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg ruht die Arbeit derzeit ebenfalls, insgesamt könnten hier in diesem Jahr nicht einmal eine halbe Million Auto produziert werden. Das klingt immer noch nach viel, aber das Werk ist für die doppelt so große Menge ausgelegt.

Comeback der Inflation?

In der Chemieindustrie basiert die Produktion von Kunststoffen, von allen möglichen Plastikteilen, Folien und Verpackungen zu 70 Prozent auf Rohöl – dessen Preis hat sich seit Mitte letzten Jahres in etwa verdoppelt. An der Tankstelle spüren wir diese Preisausschläge schon jetzt, doch in den nächsten Monaten werden wir sie auch im Drogeriemarkt, beim Weihnachtseinkauf für die Kinder oder im Baumarkt merken.

Ist das also die Rückkehr der Inflation? Die ehrliche Antwort lautet: Kann sein; kann aber auch sein, dass nicht. Niemand weiß das im Moment mit Sicherheit. Wenn es gut läuft, entspannen sich die Preise und die Lieferengpässe im Frühjahr wieder. Möglich aber auch, dass sich die Lage sogar noch weiter zuspitzt. Wer immer gerade behauptet, er oder sie wisse es ganz gewiss, will im vorweihnachtlichen Buchhandel nur die Nachfrage nach der eigenen Expertise ankurbeln.

Die Lage nach zwei Jahren Pandemie ist leider unendlich kompliziert geworden: Da gibt es Länder wie China oder die USA, die sehr früh aus ihren Lockdowns kamen und in denen die Wirtschaft schon seit vielen Monaten wieder auf Hochtouren läuft. In den USA angeheizt durch große staatliche Nachfrageprogramme – hier ist die Inflation in der Tat bereits ein ernstes Problem. China war sogar noch früher dran und kaufte als erstes den Weltmarkt leer, kämpft jetzt aber mit einer veritablen Immobilienkrise (die ausnahmsweise nichts mit Corona zu tun hat) und die in den nächsten Monaten die Lage im Rest der Welt – was die Preisentwicklung angeht – vielleicht sogar etwas entspannen könnte.

Irgendwo dazwischen doktert Europa herum, wie immer später gestartet, nachdem sich China und die USA schon Zugriff auf wichtige Rohstoffe gesichert hatten. Erst verdaddelten wir die Impfkampagne, jetzt stellen wir fest, dass alles ausverkauft ist und wir uns eigentlich wieder hinlegen können.

Putin sitzt am Gashebel

Zu allem Überfluss hat es Europa auch noch mit einem russischen Präsidenten zu tun, der seit Jahren sehr zielstrebig daran arbeitet, seine Interessen durchzusetzen. Der größte Gasspeicher Europas im niedersächsischen Rehden enthielt vor genau einem Jahr noch vier Milliarden Kubikmeter Gas. Normalerweise sinkt der Stand im Winter und füllt sich ab dem Frühsommer wieder auf. Dieses Jahr aber, als hätte Putin die Bedenken und Gewissensbisse der Deutschen bei der Fertigstellung seiner Gaspipeline Nord Stream 2 geahnt, füllte sich ab Mai in Rehden gar nichts auf – im Gegenteil, der Füllstand rutschte immer weiter ab, auf jetzt nur noch 200 Millionen Kubikmeter. Eigentümer des Speichers seit 2015: Gazprom. Deutschland, das inzwischen bei jedem Mittelständler den Einstieg von ausländischen Investoren kritisch prüft, hielt es für eine gute Idee, nicht nur den Bezug, sondern auch die Kontrolle über große Teile der Reserven an Russland zu übergeben. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass Putin nicht auch noch das Wetter macht.

Zu guter Letzt ist da der permanente Vergleich mit dem Katastrophenjahr 2020, der gerade viele Zahlen verzerrt. Vor einem Jahr um diese Zeit lag der Ölpreis bei 40 Dollar je Barrel, jetzt kostet das Fass mehr als 80 Dollar. Das ist in etwa so viel wie 2018, aber immer noch deutlich weniger als 2007 (kurzzeitig bis zu 150 Dollar je Barrel) und in den Jahren 2011 bis 2014 (um die 100 Dollar). Auf lange Sicht hat sich der Ölpreis nur normalisiert, aber wir spüren jetzt den Anstieg. Änderungen bei der Mehrwertsteuer, eine neue CO2-Abgabe, all dies lässt die Inflationsrate nun so deutlich nach oben schießen wie seit Jahren nicht mehr: 4,1 Prozent im September gegenüber dem Vorjahr, und wenn es nach der Bundesbank geht, könnte zum Jahresende sogar eine fünf vorm Komma stehen.

Statistik: Inflationsrate in Deutschland von September 2020 bis September 2021 (Steigerung des Verbraucherpreisindex gegenüber Vorjahresmonat) | Statista
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Knapp die Hälfte der aktuellen Inflationsrate geht auf solche Sondereffekte und Verzerrungen gegenüber dem Vorjahr zurück, schätzen Experten. Das würde bedeuten, dass die Inflationsrate im Frühjahr wieder deutlich sinken müsste, mindestens mal unter die Marke von drei Prozent. Das wäre immer noch deutlich mehr als in den letzten 25 Jahren, aber auch noch weit entfernt von den hohen Werten der 70er- oder 80er-Jahren, als drei bis fünf Prozent normal waren – natürlich auch bei sehr viel höheren Zinssätzen als heute.

Preistreiber der Zukunft

Was in den kommenden Monaten passieren wird – ob die Energiepreise wieder fallen, weil Putin seine Pipeline bekommt oder ob die Gewerkschaften deutlich höhere Lohnabschlüsse durchsetzen und so die Inflation antreiben –, ist offen. Ungefährlich ist es deshalb nicht. Die Folgen sehen wir schon jetzt: Überall werden die Wachstumsprognosen für dieses Jahr gesenkt, für Deutschland erwarten die führenden Institute nur noch einen Zuwachs in diesem Jahr um 2,2 Prozent. Nächstes Jahr soll dann zwar endlich der lang versprochene Aufschwung kommen, doch ganz sicher sind sich die Experten auch da nicht mehr. Schon macht der Begriff der Stagflation die Runde – eine Phase hoher Inflationsraten ohne Wachstum. Das ist möglich, aber sicher weiß das im Moment niemand.

Die eigentliche Brisanz der aktuellen Preissprünge steckt in Wahrheit auch woanders: in der Aussicht auf die nächsten fünf bis 15 Jahre. Denn was soll etwa aus dem geplanten Umstieg der Energieproduktion werden, wenn die dafür nötigen Investitionen in Wind und Solarkraft (Rohstoffe!) die Preise noch weiter antreiben werden und die einzig wirklich schnell und günstig verfügbare Energiequelle in Deutschland Braunkohle ist? Und wie werden die Preise erst steigen, wenn wir – auch dies eine Lehre aus der Pandemie – für alle tatsächlich oder vermeintlich strategisch wichtigen Güter von Gas und Öl über Impfstoffe bis hin zu Klopapier doch wieder nationale Reserven anlegen? Und schließlich: Wie werden sich wohl die Preise in einer Volkswirtschaft entwickeln, in der in den kommenden gut zehn Jahren Millionen Babyboomer in den Ruhestand gehen und die nicht genügend junge neue Arbeitskräfte findet – auch nicht im Ausland?

Diese drei Faktoren sind die eigentlichen Preistreiber der Zukunft. Irgendwann hätten wir sie ohnehin gespürt, die Pandemie aber hat auch sie beschleunigt und verstärkt.

 


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