Corona-KriseEnde der Grundsicherheit

Bleibt zu Hause: Die Bewegungsfreiheit ist in Zeiten der Corona-Krise eingeschränktImago

Stellen Sie sich vor, jemand hätte Ihnen Mitte Februar folgendes vorhergesagt: In einem Monat wird der größte Teil des Flugverkehrs eingestellt sein. Die Grenzen Deutschlands werden geschlossen und der Deutsche Aktienindex um 4000 Punkte abgestürzt sein. Die Produktion der deutschen Industriekonzerne ist stillgelegt. Es dürfen sich nicht mehr als zwei Personen gemeinsam auf der Straße aufhalten. Und, ach ja, Fußball findet auch nicht mehr statt. Nein, keiner, nirgendwo.

Man muss sich das alles hin und wieder vergegenwärtigen, um zu verstehen, was gerade geschieht in der Welt und in Deutschland. So rasch, so brutal, so unglaublich ist das alles, dass viele morgens jetzt noch aufwachen und fragen, warum sich die Netflix-Serie vom Vorabend so seltsam real anfühlt. Vielleicht erst einmal einen Kaffee. Das Problem: Auch nach dem Kaffee geht das Ganze weiter.

Seit Jahrzehnten ist in diesem Land von Krisen die Rede, Währungskrise, Flüchtlingskrise, Bienenkrise, Bildungsnotstand. Doch jetzt, da es die meisten von uns zum ersten Mal mit einer wirklichen Krise zu tun bekommen, einer weltumspannenden, die diesen Namen tatsächlich verdient, erkennen wir: Das waren vielleicht Probleme, manche kleiner, manche größer. Aber es waren Dinge, die sich in einem normalen politischen Rahmen lösen lassen. Erinnern sie sich noch, als die ganze Republik Anfang Februar in Aufruhr war, weil ein FDP-Politiker mit Hilfe der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt wurde? Das Ganze lief unter dem Namen Regierungskrise. Man würde viel darum geben, wenn das jetzt wieder unser größtes Problem wäre.

Wirtschaft ist Gesellschaft!

Womit wir es jetzt zu tun bekommen, ist so perfide konstruiert als hätte es sich ein sadistischer Drehbuchautor ausgedacht: Das meiste, was unser Leben zusammenhält, was uns Trost gibt und Kraft in schwierigen Zeiten, ist jetzt gefährlich und meist sogar verboten: das Bier mit den Freunden. Das Volleyballtraining. Das Konzert. Der Kinobesuch. Oder auch der Gottesdienst. Ostermessen fallen in diesem Jahr aus (gab es das überhaupt schon mal?).

Da Wirtschaft in großem Masse von Begegnung lebt, von Menschen, die für andere Menschen Dinge tun und dabei oft nahe beieinander sind, ist auch sie betroffen, mehr als vieles andere sogar. Und wir sind in einer sehr unangenehmen Lage: Tun wir das, was in unserer Natur liegt, also sozial interagieren, handeln, konsumieren, ausgehen, kurz: leben, dann bringen wir andere Menschen oder auch uns selbst in große Gefahr. Tun wir es auf Dauer nicht, dann bringen wir Tausende Unternehmen und Selbständige um ihre Existenzgrundlage.

Ein Begleiteffekt dieser Entwicklung: Vielen dürfte vielleicht erstmals bewusst werden, dass „die Wirtschaft“ nicht irgendwelche anonymen Großkonzerne oder Hedgefonds sind, sondern auch die Eishändlerin an der Ecke, der Friseur oder der Spielwarenladen. All das, was unsere Dörfer und Städte lebens- und liebenswert macht.  Am Ende: wir alle. Der Leitspruch, den sich „Capital“ vor einigen Jahren gegeben hat – Wirtschaft ist Gesellschaft – nie dürfte er so klar sichtbar gewesen sein wie heute.

Was kommt noch?

Um das Dilemma noch schlimmer zu machen, greift die Bundesregierung und mit ihr viele andere Regierungen jetzt zu Mitteln, die ebenfalls Mitte Februar völlig undenkbar gewesen wären. Innerhalb weniger Tage wurden Glaubenssätze und Doktrinen abgeräumt, die Schuldenbremse, Grundrechte, der Föderalismus, Reisefreiheit, Staatsbeteiligungen, demnächst vermutlich auch das Tabu, in der Europäischen Union gemeinsam Schulden aufzunehmen. Es werden Überwachungsszenarien diskutiert, die noch vor kurzem langjährige empörte Debatten nach sich gezogen hätten, heute sind die Grünen nach einer Minute Zögern an Bord.

Nur die SPD-Vorsitzende Saskia Esken macht weiter als wäre nichts geschehen und fordert – mitten in einem Alptraum für Unternehmer – eine „Vermögensabgabe“. Die meisten anderen aber werfen ihre bisherigen Positionen über den Haufen und sind angesichts des Corona-Grauens zu allem bereit. Das ist vermutlich gut und richtig, es gibt Politiker, die zu wachsen scheinen in dieser Zeit. Und natürlich fallen die meisten Entscheidungen mit dem Ziel, diese Krise so rasch wie möglich zu beenden und wieder zur Normalität zurückzukehren.

Aber es ist auch unheimlich, weil es die Frage aufwirft, was noch kommt. Und wie lange es bleibt. Niemand weiß, was übrig sein wird, wenn Corona seinen ersten Verwüstungszug erst einmal beendet hat. Es sind viele Szenarien möglich. Vieles wird davon abhängen, wie lange wir letztlich in unserer erzwungenen Auszeit verharren müssen und wie andere Nationen durch die Krise kommen. Eines aber erscheint fast ausgeschlossen: dass danach alles wieder ist wie vorher. Deutschland wird ein anderes Land sein nach dem Virus, in vielerlei Hinsicht.

Es ist alles, wirklich alles denkbar geworden in diesen Wochen. Die Grund-Sicherheit, die dieses Land prägt, sie wird gerade erschüttert. Egal, was kommt: Das werden wir alle niemals vergessen.

 


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