ImpfdosenChina, Russland, Indien – die Impfstoffdiplomaten

Außerhalb Europas haben Impfstoffe aus China, Russland und Indien Hochkonjunktur
Außerhalb Europas haben Impfstoffe aus China, Russland und Indien HochkonjunkturIMAGO / Xinhua

Das Rennen um die Entwicklung eines effektiven Impfstoffs hat China verloren. Wenn es um die Verteilung seiner Vakzine geht, ist die Volksrepublik dagegen deutlich aktiver als Europa und die USA. Laut der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua exportiert China seine Impfstoffe in 27 Länder. 53 Länder bekommen Chargen kostenlos bereitgestellt, darunter Belarus, Pakistan Simbabwe und Mosambik.

Neben China exportieren auch Russland und Indien ihre Vakzine an finanziell schwächere Regionen – und damit in Länder, die die Herdenimmunität sonst erst 2023 erreichen könnten. Denn der Großteil der voraussichtlich verfügbaren Impfstoffdosen in diesem Jahr – 70 Prozent und damit etwa 4,2 Milliarden Dosen – geht an reiche Industrieländer. Die Covax-Impfinitiatve der Weltgesundheitsorganisation (WHO) will zwar bis Ende Jahres bis zu zwei Milliarden Dosen an ärmere Länder bereitstellen, noch läuft die Impfkampagne allerdings schleppend.

Die Impfstoffkandidaten aus Peking und Moskau sind schon jetzt verfügbar und lassen sich oftmal auch leichter lagern als die empfindlicheren Konkurrenzprodukte. Nach Angaben chinesischer Medien habe Peking bereits 46 Millionen Dosen exportiert – fast genauso viel wie die Volksrepublik selbst verimpft hat. Aus Russland verlautet von offizieller Seite, dass mehr als 50 Länder – darunter vor allem Staaten in Asien und Lateinamerika – 1,2 Milliarden Dosen des Impfstoffs Sputnik V bestellt haben sollen. In der EU ist der Impfstoff noch nicht zugelassen.

Serbien beim Impfen vorne dank China und Russland

Mit Ungarn und Serbien stehen auch zwei europäische Länder auf der Kundenliste. Rund 1,5 Millionen Impfdosen in Serbien stammen von Sinopharm, Mitte Februar erreichten außerdem 50.000 Dosen von Sputnik V den Balkanstaat. Im europäischen Vergleich zählt Serbien damit zu den Ländern, die ihre Bevölkerung am schnellsten impfen, knapp nach Großbritannien.

Auch Ungarn will schneller sein als die EU und hat neben zwei Millionen von Sputnik V fünf Millionen Sinopharm-Dosen bestellt. Ende Januar hatte Budapest den chinesischen Impfstoff als erstes und bislang einziges EU-Land zugelassen – ohne vorherige Genehmigung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Für Beobachter gilt der Schritt als klare Absage an die Impfstoff-Politik der EU und als Wasser auf die Mühlen der bisherigen Kritik an Brüssel.

Trotz der großen Verfügbarkeit überwiegt in vielen westlichen Ländern bislang die Skepsis gegenüber den chinesischen und russischen Vakzinen. Während zu den chinesischen Impfstoffen keine belastbaren Daten über die Wirksamkeit und die einzelnen Testphasen vorliegen – bislang wird die Wirksamkeit der Impfstoffe auf zwischen 60 und 80 Prozent geschätzt –, wird bei Sputnik V vor allem die tatsächliche Produktionskapazität gegenüber den versprochenen Liefermengen angezweifelt. Für die Empfängerländer sind die Vakzine dagegen nahezu alternativlos.

Die politische Dimension der Impfstoffdiplomatie

Vor allem die chinesischen Staatsmedien betonen den Fürsorge-Charakter, der hinter den  verschickten Chargen stehe. Doch weder China noch Russland handeln aus reiner Nächstenliebe. Denn gegenüber den Spenden-Empfängern überwiegt die Anzahl zahlender Kunden.

Langfristig könnten die Impfstoffbeziehungen sich allerdings auch auf politische und wirtschaftliche Beziehungen auswirken. So beäugen die USA die Impfstoff-Lieferungen nach Lateinamerika kritisch – eine Region, die für sie vor allem aufgrund ihrer Öl- und Kupfervorkommen interessant ist. Peking hatte den lateinamerikanischen und karibischen Staaten zudem Kredite in Milliardenhöhe versprochen, um den Kauf von Impfstoffdosen zu finanzieren. Länder, die an Tests für chinesische Vakzine mitwirken, erhalten ebenfalls vergünstigte Konditionen. In vielen afrikanischen Ländern dürften die Impfstofflieferungen zudem die Beziehungen festigen, die China schon im Zuge von Infrastrukturprojekten entlang der neuen Seidenstraße geknüpft hat.

Russland nutzt seine Impfstofflieferungen dagegen, um bestehende Verbündete zu halten. So haben die gespendete Chargen in die Ostukraine dazu beigetragen, die politischen Gräben im Land zu vertiefen und die Enttäuschung über die Impfkampagne der EU zu nähren. In der Levante spielte der Kreml zuletzt seinen Einfluss als Syriens Verbündeter aus und vermittelte zwischen dem Assad-Regime und Israel einen Gefangenenaustausch – unter Erweiterung um einen Impfstoffdeal. Israel erklärte sich demnach bereit, rund 50.000 Dosen für etwa 1,2 Mio. Dollar nach Damaskus zu schicken.

Indien tritt in Konkurrenz zu China

Seit Anfang 2021 hat der Kreis der Impfstoffdiplomaten mit Indien ein weiteres Mitglied. Zwar bleibt die selbsternannte „Apotheke der Welt“ hinter den Liefermengen aus China und Russland zurück, immer wieder versorgt Indien allerdings genau die Nachbarnländer, die eigentlich auf Chargen aus Peking warten. In Nepal, Bangladesh und Sri Lanka konnten so bereits die ersten Impfkampagnen anlaufen. Auch Myanmar gilt als Beispiel der Region: Rund 1,7 Millionen Impfdosen aus Indien trafen dort ein, während das Land weiterhin auf die versprochenen 300.000 Dosen aus China wartet.

Bislang hat Indien insgesamt mehr als 35 Millionen Dosen von Covishield verschickt – 6,8 Millionen davon kostenlos. Bei Covishield handelt es sich um einem lokal produzierten Impfstoff von Astrazeneca. Der eigene Impfstoff Covaxin von Bharat Biotech International befindet sich aktuell in der klinischen Testphase. Sollte er zugelassen werden, könnte er Indiens Impfstoffproduktion und damit auch die eigene Stellung in der Region weiter stärken. Zuletzt hatte die Pandemie den Konkurrenzkampf beider Staaten um die politische Dominanz in Asien verschärft.

 


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