InterviewCarsten Maschmeyer: „Nicht jedes Start-up muss man retten“

Carsten Maschmeyer im Wework-Büro in Seattle
Carsten Maschmeyer im Wework-Büro in SeattleCarlos Chavarría

Spätestens seit seinem Einstieg als Geldgeber und Juror bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ hat die Stimme des AWD-Gründers und Start-up-Investors Carsten Maschmeyer in der Gründerszene Gewicht. Über die verschiedenen Investmentvehikel seiner Maschmeyer Group – unter anderem der VC-Fonds Alstin und der Frühphasenfinanzierer Seed + Speed – hat er einen umfassenden Marktüberblick. Im Kurz-Interview mit Capital.de betont Maschmeyer, für viele Jungunternehmen sei die Corona-Epidemie noch nicht überstanden – im Gegenteil.

Capital: Herr Maschmeyer, im April hatten Sie prognostiziert, die Corona-Epidemie würde zu einer nie dagewesenen Start-up-Pleitewelle führen. Bislang ist Ihre Vorhersage allerdings nicht eingetreten. Was hat die Pleitewelle verhindert?

Die neue Capital erscheint am 19. November

CARSTEN MASCHMEYER: Das wünschten wir uns alle, dass es so wäre. Aber die Corona-Krise hat sich aktuell sogar noch verschlimmert. Nach der leichten Erholung im Sommer ist es viel zu früh, jetzt ein Fazit zu ziehen – zumal Start-ups üblicherweise eine Finanzierung mit einer Reichweite von 12 bis 18 Monaten haben, solange kommen sie also über die Runden. Deshalb bleibe ich bei meiner Prognose, dass es traurigerweise eine Menge Pleiten geben wird.

Die zweite Corona-Welle wird also zu mehr Geschäftsaufgaben führen?

Bei der zweiten Welle gilt auch das, was bei der ersten galt: Start-ups mit Geschäftsmodellen, denen es schon vor Corona nicht gut ging und die nicht Corona-fest sind, werden es auch jetzt schwer haben. Zusätzlich wird die Erholung, wie wir sie in diesem Sommer hatten, dieses Mal erst später einsetzen, weil wir ja erst am Beginn des Winters stehen, in dem sich der Virus wegen der kalten Temperaturen mehr verbreitet.

Welche Branchen sind denn besonders bedroht?

Start-ups aus dem Bereichen Travel, teilweise Mobility, aber auch die ganze Kreativbranche mit beispielsweise Events sehe ich in einer schwierigen Lage. Venture-Capital-Investoren halten sich aktuell aus diesen Branchen überwiegend heraus.

Das heißt, das Hauptproblem wird die Zurückhaltung von Investoren sein?

Da gibt es zwei unterschiedliche Bereiche. Professionelle, schon seit vielen Jahren tätige Venture-Capital-Gesellschaften wie wir bei Alstin werden weiterhin wie gewohnt investieren. Am liebsten natürlich in Corona-Sieger. Weniger investieren werden hingegen viele semi-professionelle VC-Investoren, die sich bisher nur nebenbei an Start-ups beteiligt haben. Darunter fallen zum Beispiel kleinere Family Offices oder Business Angels, die oft auch nur Gewinne aus anderen operativen Einheiten investieren konnten.

Kann der Staat diese Lücken füllen? Wie beurteilen Sie die von der Regierung beschlossenen Hilfspakete?

Das Kurzarbeitergeld oder die Stundung von Sozialbeiträgen waren kluge Schritte, die auch richtig umgesetzt wurden. Aber andere in Aussicht gestellte Hilfen waren wohl eher Ankündigungspolitik. Nehmen wir die KfW: Sie rettet die Vergangenheit, indem sie Milliardensummen in Traditionsunternehmen mit Geschäftsmodellen von gestern pumpt. Und vergisst gleichzeitig die Zukunft, weil Start-ups bei der Hilfe zunächst komplett vergessen und danach stiefmütterlich behandelt wurden.

Was meinen Sie damit?

Gründer erzählen mir, dass nach sehr subjektiven Kriterien entschieden wird, wer die Unterstützungsleistungen der KfW bekommt. Viele sollen auch noch monatelang hingehalten worden sein. Ich sage aber auch klar: Nicht jedes Start-up muss man retten. Wer vorher schon Probleme hatte, den darf man jetzt nicht mit Corona-Hilfen zu einem Zombieunternehmen mutieren lassen. Diese Hilfen haben nur echte Corona-Verlierer verdient, die vorher schon gute Geschäftszahlen und steile Steigerungswinkel hatten.

 


Das Interview ist die Langfassung einer Meldung, die in Capital 12/2020 (ET 19. November) erscheint. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay