ReportageBrennpunkt Frankreich

Blick auf Gémenos
Nur rund 6000 Einwohner hat die kleine Gemeinde Gémenos östlich von Marseille. Trotzdem war in den letzten Jahren das Fernsehen häufig da
© Stephanie Füssenich

Die Straße in der Industriezone am Rand von Gémenos sieht gar nicht aus wie ein Schlachtfeld. Zwei schmale Fahrstreifen, dazwischen Bäume, Betonpoller, manchmal fädelt sich ein Lastwagen durch. Auf dem Asphalt aber stehen noch die Slogans von damals: „Betriebsverlagerung – niemals“. Es ist längst wieder ruhig hier im Gewerbegebiet, und doch wurde hier Geschichte geschrieben.

Rechts steht eine hellgraue Fabrikhalle. Jahrzehntelang stellte darin der Konzern Unilever Teebeutel der Marke Lipton her, bevor er 2010 beschloss, das Werk zu schließen und die Produktion aus dem südfranzösischen Örtchen ins polnische Katowice abzuziehen.

Die 182 Arbeiter wollten sich das nicht gefallen lassen, sie besetzten ihre Fabrik und harrten fast vier Jahre lang aus. Das Fernsehen trug die Aktion ins ganze Land, es war gerade Präsidentschaftswahlkampf. Der Kandidat François Hollande kam und kehrte als Präsident zurück, um auch den Arbeitern den Sieg zu versprechen. Der Einsatz der Tee-Werker – nur eine Fabrikbesetzung von Dutzenden im Land, aber mit die hartnäckigste – war zum Symbol geworden für ein Volk, das sich gegen Deindustrialisierung auflehnt, das gegen die bittere Seite der Globalisierung kämpft; zum Symbol für eine Furcht, die wie ein Virus durch Frankreichs Provinzen schleicht: Dass die Arbeit langsam, aber sicher verschwindet.

An der Teefabrik prangen noch die Spuren des Kampfes
An der Teefabrik prangen noch die Spuren des Kampfes
© Stephanie Füssenich

Auf der anderen Straßenseite steht ein anderes Fabrikgebäude, geduckt mit dunkel glänzender Fassade. Über die Straße bekamen die Streikenden oft Sandwiches gereicht. Es ist der zweite Ort, an dem Gémenos Geschichte geschrieben hat. Denn von diesem Gelände aus hat die Chipkarte ihren Siegeszug durch die Welt angetreten. Die Firma Gemalto, deren Stammbetrieb hier sitzt (beziehungsweise ihr Vorgänger Gemplus) zählte in den 90er-Jahren zu den ersten, die die neue Technik industrialisiert haben. Heute ist sie ein Weltkonzern, der den Weltmarkt für Sim-Karten dominiert, bei digitaler Sicherheitstechnik den Ton angibt – einem Wachstumsgeschäft. Wegen der Steuern ist der Firmensitz längst in Amsterdam, die Chefs sitzen in Paris und doch, die erste Silbe im Firmennamen erzählt noch von der Kleinstadt Gémenos. Und hier sowie im benachbarten Küstenort La Ciotat arbeiten 1 500 hoch qualifizierte Mitarbeiter an Zukunftstechniken wie Geldautomaten, die Scheine rausrücken, wenn man sie nur anblickt.

Teebeutel oder Mikrochips?

Jetzt ist wieder Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich. Dieses Mal geht es um noch mehr als vor fünf Jahren, doch die Arbeit ist wohl das Thema, das die Wahl entscheidet. Glauben die Leute, dass eher das Schicksal der Teefabrik für die Lage im Land steht oder das des Techriesen gegenüber?

Da ist die Kandidatin Marine Le Pen von der Partei Front National (FN), die verspricht, die Franzosen zu schützen, vor Ausländern im Land und ausländischen Konzernen. Importe will sie besteuern, made in France bevorzugen, Rechte der Arbeiter stärken. Da ist der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron, 39, Ex-Investmentbanker, Ex-Minister in Hollandes Regierung. Er will das Arbeitsrecht entrümpeln und internationale Investoren zurückholen. Nur wenn Frankreich sich öffne, habe es eine Zukunft, sagt er.

Tatsächlich steht bei der Wahl wahrscheinlich nicht nur die Zukunft Frankreichs, sondern die Europas auf dem Spiel. Le Pen will den Euro zertrümmern, die EU verlassen, sie glaubt, dass die deutsche Industrie Frankreich aussaugen will. Schon zeichnen Ökonomen Horrorszenarien für den Fall, dass Le Pen siegt. Macron sagt, Frankreich solle sich Europa zuwenden und seinen Frieden mit der Globalisierung machen. Er schlage keine Reform vor, sondern die Umformung des Landes. Seine Wahl könnte Europa den dringend nötigen neuen Schwung geben.

Zerfall oder Zukunft, Ab- oder Aufstieg, das liegt in Frankreich oft nah beieinander. In der grauen Fabrikhalle rechts hat jetzt Olivier Leberquier das Sagen, ein Schrank von Mann, 53 Jahre, grauer Stoppelbart, der ein Leben lang darauf beharrt hat, dass es eine Alternative gibt zum globalisierten Kapitalismus, und sich jetzt müht, mit diesem zurechtzukommen. Denn die Streikenden, die sich den vermeintlichen Gesetzen des Weltmarkts nicht beugen wollten, haben ihre Fabrik selbst übernommen. Gegenüber in der Chip-fabrik ist Gabriel Rangoni, 42, einer der Chefs. Ein geschmeidiger Typ, der schmale Anzüge und einen Motorradhelm unterm Arm trägt, weil er stets auf dem Sprung ist. Er arbeitet – halb in Paris, halb hier – als Strategiedirektor bei Gemalto, war für die Firma in der Welt und schwärmt von den Perspektiven hierzulande. Nur die Politik müsse folgen, meint er: „In Frankreich ist die Gesellschaft weiter als die Politik.“