KolumneBenchmarking führt niemals an die Spitze

Anja Förster
Anja Förster

Anja Förster ist Autorin von „Hört auf zu arbeiten“ und Vortragsrednerin bei internationalen Wirtschaftsveranstaltungen 


Ich liebe es, wenn Menschen begeistert sind. Doch es gibt eine Form der Begeisterung mit der ich ein echtes Problem habe: Manager, Berater und BWL-Profis sind geradezu besessen von Benchmarking. Das Wort taucht ständig und überall auf: in Meetings, Handbüchern, Flurgesprächen und Beratungsprozessen. Wir wollen besser werden, also müssen wir benchmarken! Das heißt: Wir müssen uns mit diesen Top-Unternehmen vergleichen und werden so unsere Schwächen aufdecken. Dann versuchen wir, es genauso zu machen wie die Branchenführer und dann werden wir erfolgreich sein…

Benchmarking ist eine Art Reflex. Und diejenigen, die das Wort im Mund führen, haben dabei leuchtende Augen. Dabei ist das ein großer kollektiver Irrtum! Die Absicht dahinter ist ja durchaus vernünftig: Es geht darum, von den Besten zu lernen. Warum also habe ich so ein dickes Problem mit dem Benchmarking?

Es gibt niemals nur die eine richtige Lösung

Weil es nicht funktioniert. Der erste prinzipielle Fehler dabei: In den allermeisten Fällen vergleichen sich die Unternehmen mit den Besten der eigenen Branche. Dabei fällt unter den Tisch, wie dynamisch die Wirtschaft heute ist: Wenn das Unternehmen in ein paar Jahren zum Benchmarkingstandard aufgeschlossen hat, sind die neuen Branchenführer schon wieder ganz woanders und viel weiter. Und gleichzeitig mit dem Unternehmen haben zig andere Unternehmen genauso versucht zu benchmarken. Der Effekt: Wer sich ständig mit anderen vergleicht, wird vor allem eines: gleicher. Aber keineswegs erfolgreicher. Die Branchenführer sind ja gerade immer die, die Neues entwickelt haben, was vor ihnen noch keiner entwickelt hatte. Und das Neue finden Sie eben nicht durch Vergleiche.

Der zweite prinzipielle Fehler: Es gibt niemals nur die eine richtige Lösung, die Sie nur finden und kopieren müssten. Stattdessen gibt es immer viele verschiedene Möglichkeiten, die alle funktionieren: Muss ich als Unternehmen global oder lokal agieren oder vielleicht beides? Muss ich Kunden in den Innovationsprozess einbinden oder eben gerade nicht oder vielleicht beides? Muss ich als Führungskraft vertrauen oder kontrollieren oder vielleicht beides?

Es gibt keine Blaupause für künftigen Erfolg

Als die Wirtschaft noch weitgehend einfach strukturiert war, gab es sicherlich einmal so etwas wie das glasklare Entweder-oder: So macht „man“ das! Doch heute ist alles komplexer geworden und darum sehen wir in der Wirtschaft fast überall ein integrales Sowohl-als-auch.

Das gedankliche Konstrukt der Best Practice fußt aber genau auf der Annahme des Entweder-oder, des Richtig-oder-falsch. Gesucht wird die eine richtige Lösung für eine Sachfrage, um alle anderen falschen Lösungen auszuschließen. Versuchen Sie das heute, und Sie werden in Windeseile links und rechts überholt von Unternehmen mit zig anderen „falschen“ Lösungen, die plötzlich viel besser funktionieren als Ihre eine „richtige“.

Wenn Sie die Zukunft gestalten wollen, gibt es keine Best Practice! Eine Blaupause für den Erfolg von morgen kann es grundsätzlich nicht geben. Niemand kann Ihnen sagen, wie „man“ das macht, wenn es um Innovationen geht. Niemand kann Ihnen sagen, wie „man“ das macht, wenn es um die Zukunft geht. Es bleibt uns nur eine einzige Möglichkeit: Sie müssen experimentieren. Und dabei so kreativ wie möglich sein.

Den eigenen Weg suchen

Benchmarken heißt kopieren – und ist das implizite Gegenteil von Innovation. Tatsächlich hilft Benchmarking nur den Hundsmiserablen, dass sie wenigstens mittelmäßig werden. Aber niemand hat sich jemals an die Spitze kopiert. Und wenn sich alle gegenseitig in einer Branche kopieren, jeder in der Hoffnung nach vorn zu kommen, ist das galoppierender Irrsinn zum Quadrat!

Picasso hat nie bei Matisse abgemalt. Mit Ausnahme von Konrad Kujau ist noch nie ein Kopist berühmt geworden. Nur Technokraten, Erbsenzähler und Feiglinge sagen: „Lasst es uns exakt so machen wie die anderen.“ Echte Persönlichkeiten suchen ihren eigenen Weg.

Und sie gehen ihn auch dann, wenn sie klar erkennen, dass es der steinigere ist!