GastbeitragBedingungsloses Grundeinkommen: null Mehrkosten, enormer Effekt

Claudia Cornelsen
Claudia CornelsenOliver Betke

Die Debatte nimmt immer stärker an Fahrt auf: Das Bedingungslose Grundeinkommen hat sich von der „spinnerten Idee“ zu einer realen politischen Forderung gemausert, die immer mehr Menschen für sich begeistern kann: Gut die Hälfte der deutschen Bevölkerung befürwortet ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Doch die Abwehrreflexe sind immer noch die gleichen. Die Skala der Gegenargumente reicht von simplen Glaubenssätzen traditioneller Leistungsideologien („Jeder selbst verdiente Euro macht zufriedener als der zugewiesene“) über alt-sozialistischen Paternalismus („Das bedingungslose Grundeinkommen zerstört den Wohlfahrtsstaat“) bis zu pseudo-rationalen Alibi-Rechnungen („Nicht finanzierbar“).

Um den realen Spielraum zwischen erhoffter Utopie und befürchteter Dystopie auszuloten, braucht es wissenschaftliche Studien, die sich nüchtern den Vor- und Nachteilen, aber auch der möglichen Finanzierung einer Grundeinkommensgesellschaft widmen.

Genau deswegen lädt derzeit das spendenbasierte Pilotprojekt Grundeinkommen dazu ein, bei einem dreijährigen wissenschaftlichen Experiment mitzumachen – und landete einen Überraschungscoup: Binnen weniger Tage meldeten sich 1,9 Millionen Menschen an, obwohl nur 100 Probanden und rund tausend Personen für die Kontrollgruppe gesucht werden.

Die Bedingungslosigkeit verändert das Leben

Das große Interesse der Bevölkerung stärkt die Relevanz der Untersuchung, könnte man meinen; doch Skeptiker betonen, dass die Leute sich gar nicht für die Wissenschaft, sondern nur für die in Aussicht gestellten bedingungslosen und steuerfreien rund 40.000 Euro interessieren. Doch wie sonst soll man Grundeinkommen ausprobieren, wenn man es nicht auszahlt?

Das macht der Verein Mein Grundeinkommen, Initiator des wissenschaftlichen Pilotprojektes, übrigens schon seit Jahren. Auch hier werden bedingungslos 1000 Euro für zwölf Monate verlost, auch hier melden sich regelmäßig eine halbe Million Menschen zur Verlosung an. Rund 650 haben bereits gewonnen.

 


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Allerdings machten Vereinsgründer Michael Bohmeyer und ich eine überraschende Entdeckung, als wir vor zwei Jahren 24 zufällig ausgewählte Gewinnerinnen und Gewinner zu ihren Erfahrungen befragten: Alle – vom Baby (bzw. deren Eltern) bis zur Rentnerin, von der prekär Beschäftigen bis zum Beamten, vom Obdachlosen bis zur Hotelerbin –, alle versicherten, das Grundeinkommen habe ihr Leben verändert.

Doch der größte Fehler wäre es zu glauben, dass es den Menschen besser ging, weil sie tausend Euro mehr hatten. In den Gesprächen zeigte sich: Nicht das Geld hatte das Leben der Menschen verändert, sondern die Erfahrung der Bedingungslosigkeit.

Etwas ohne Rückfrage, ohne Misstrauen, ohne Vertrag, ohne Erwartung geschenkt zu bekommen, das ist neu. Die soziale Innovation besteht nicht im Auszahlen von Geld. Bereits heute leben laut Statistischem Bundesamt mehr als die Hälfte der Deutschen von öffentlichen oder privaten Transferleistungen. Aber dass die Menschen davon genauso beflügelt würden wie in dem Experiment Mein Grundeinkommen, wird wohl niemand behaupten. Im Gegenteil.