KolumneAusblick 2022: Den Fuß vom Gaspedal nehmen, ohne die Märkte auszubremsen

Karen WardPR

Nach dem Aufschwung in 2021 wird sich das globale Wachstum in 2022 voraussichtlich abkühlen – nicht zuletzt da die Notenbanken und Regierungen damit beginnen, die umfangreichen Hilfsprogramme auslaufen zu lassen. Sorgen um einen abrupten Einbruch der Wirtschaftsaktivität und ein Ende der Unterstützung durch politische Entscheidungsträger sind jedoch nicht berechtigt.

Rund um die neue Covid-19-Variante Omikron gilt es zunächst, den Nachrichtenfluss zu beobachten, wobei es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh ist, Auswirkungen auf unseren Ausblick zu benennen. Sofern sich Impfstoffe nicht als unwirksam erweisen und dauerhafte Einschränkungsmaßnahmen erforderlich sind, erwarten wir, dass sich die Haushalte wie in früheren Wellen verhalten, also dass sich die Nachfrage verzögert und nicht verschwindet.

Robuste Nachfrage erwartet

In den entwickelten Märkten wird die Nachfrage gleich von mehreren Motoren befeuert. Die Perspektiven für die Konsumausgaben erscheinen besonders gut. Die Haushalte haben in den Lockdown-Phasen beträchtliche Ersparnisse angehäuft. Noch stärker haben sich die starken Vermögenspreissteigerungen der letzten Jahre auf die Verbesserung der Haushaltsbilanzen ausgewirkt. Seit Beginn der Pandemie ist beispielsweise das Nettovermögen der US-Haushalte insgesamt um 22 Prozent gestiegen – und entgegen der landläufigen Meinung haben nicht nur Haushalte mit höherem Einkommen profitiert. Nach der globalen Finanzkrise hatte es ganze sieben Jahre gedauert, bis das Nettovermögen so stark gewachsen war.

Parallel haben die Regierungen mehrjährige Konjunkturpakete auf den Weg gebracht. Auch wenn das Arbeitslosengeld und andere kurzfristige Anreize abgeschafft werden, werden die Ausgaben für die Infrastruktur erhöht, nicht zuletzt um den Übergang zu kohlenstoffarmen Technologien zu erleichtern. Gleichwohl könnte der positive Ausblick hinsichtlich der unterstützenden Regierungspolitik durch eine Reihe politischer Ereignisse im Jahr 2022 infrage gestellt werden. Unsere Einschätzung ist, dass diese Verhaltensänderung der Regierungen im Vergleich zum letzten Zyklus nicht unterschätzt werden sollte, insbesondere für Länder in der Eurozone, in der das Wachstum im letzten Zyklus durch schmerzhafte staatliche Sparmaßnahmen stark behindert wurde.

Im Gegensatz zu einem Großteil des letzten Jahrzehnts scheinen nun auch die Unternehmen wieder investitionsfreudiger zu sein. Die Herausforderungen der Pandemie haben Unternehmen gezwungen, neue Technologien einzusetzen. Die Investitionsabsichten können auch eine Rückwanderung von Industriearbeitsplätzen widerspiegeln, wenn Unternehmen Arbeitskraft durch Kapital ersetzen. All diese Aktivitäten sollten sich auf die zukünftige Produktivität positiv auswirken.

Das Angebot bleibt problematisch

Ein Nachfragemangel im Jahr 2022 macht uns daher keine Sorgen. Unsere Bedenken sind vielmehr, ob das Angebot mithalten kann. Im vergangenen Jahr gab es eine Vielzahl von Versorgungsengpässen. Die globale Just-in-Time-Lieferkette – vor der Pandemie als effiziente und kostengünstige Lösung von vielen Unternehmen geschätzt – wurde stark herausgefordert.

Die meisten Zentralbanken gehen davon aus, dass sich diese Herausforderungen auf der Angebotsseite im Jahr 2022 in Wohlgefallen auflösen – und damit einhergehende Inflationssorgen gleich mit. Wir sehen diese sehr wohlwollende Ansicht mit Vorsicht. Die Waren- und Energieinflation – die für einen Großteil des jüngsten Anstiegs verantwortlich ist – sollte im Laufe des nächsten Jahres nachlassen. Allerdings sind hohe Energie- und Rohstoffpreise wohl unumgänglich, um den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu erzwingen.

Wichtige Produktionszentren in den Schwellenländern arbeiten weiterhin an ihren Imfpkampagnen und nehmen weiterhin Beschränkungen vor, um das Virus einzudämmen. Das wichtigste Land von ihnen – China – dürfte bis mindestens nach den Olympischen Winterspielen im Februar an seiner Politik der „Null-Toleranz Politik“ gegenüber Covid festhalten. Da die politischen Entscheidungsträger in einigen Schwellenländern auch mit höheren Zinsen auf eine höhere Inflation reagieren müssen, sind sie möglicherweise erst in der zweiten Jahreshälfte auf dem Weg zu einer nachhaltigen „Post-Covid“-Erholung. Für die mittelfristigen Wachstumsaussichten in Asien bleiben wir jedoch optimistisch.

Während die Warenpreisinflation schließlich nachlassen wird, ist zu erwarten dass diese durch eine steigende Inflation im Dienstleistungssektor ersetzt wird, wenn die Verbraucher ihr Geld lieber für Erlebnisse als für materielle Dinge ausgeben. Die Zentralbanken gehen allerdings davon aus, dass die Inflation im Dienstleistungssektor niedrig bleibt, was auf der Annahme beruht, dass die derzeitige Anspannung auf den Arbeitsmärkten nur vorübergehend ist. Sie glauben, dass Arbeitnehmer verstärkt auf den Arbeitsmarkt zurückkehren werden, wenn ihre Sorgen rund um Covid nachlassen. Wenn wir die Zahlen näher betrachten, sind wir davon jedoch nicht so überzeugt. In den USA gibt es derzeit 10,4 Millionen offene Stellen, das sind deutlich mehr als die derzeit als arbeitslos gemeldeten 7,4 Millionen. Es besteht die Hoffnung, dass einige dieser Stellen von den drei Millionen Menschen besetzt werden, die seit der Pandemie den Arbeitsmarkt verlassen haben. Ein relativ großer Teil dieser Personen – etwa eine Million – ist jedoch über 55 Jahre alt und wird angesichts der enormen Ersparnisse und Vermögenszuwächse möglicherweise nicht auf den Arbeitsmarkt zurückkehren.

In der Eurozone ist es schwieriger zu erkennen, was in Echtzeit auf dem Arbeitsmarkt passiert, weil Daten weniger leicht verfügbar sind. Wir stellen jedoch fest, dass die Gesamtinflation bis zum nächsten Frühjahr konstant hoch sein wird. In der Eurozone gibt es mehr Tarifverhandlungen und Inflationsindexierung als anderswo, daher werden diese Lohnverhandlungen von entscheidender Bedeutung sein. Der Vorteil höherer Löhne – insbesondere angesichts steigender Energie- und Nahrungsmittelkosten – besteht darin, dass sie die Konsumausgaben und das zugrunde liegende Wachstum stützen. Unternehmen sollen damit ihre höheren Kosten weitergeben und Margen halten können. Kurzfristig ist es daher unwahrscheinlich, dass eine höhere zugrunde liegende Inflation die Unternehmensgewinne und Aktien beeinträchtigt.

Zentralbanken werden die Erholung nicht ausbremsen

Das Hauptrisiko für die Märkte besteht darin, dass sich die Zentralbanken Sorgen über den steigenden Inflationsdruck machen und auf die Bremse treten. Für wahrscheinlich halten wir das allerdings nicht. Die Zentralbanken haben sehr deutlich gemacht, dass sie bei der Erholung keine Risiken eingehen wollen. Aus strategischer Sicht wollen sie sich lieber für ihre abwartende Haltung als für eine verfrühte Straffung kritisieren lassen.

Unser Kernszenario für 2022 besteht also darin, dass das Wachstum robust und die Inflationsrate über dem Zielwert bleibt, aber nicht auf einem so besorgniserregenden Niveau, dass ein schneller und disruptiver Ausstieg aus den geldpolitischen Hilfsprogrammen gerechtfertigt wäre. Wir bleiben jedoch weiterhin in einem ungewöhnlichen Umfeld, und es ist nach wie vor wichtig, die Risiken im Auge zu behalten. Denn auch wenn uns die Kombination aus Impfstoffen und besseren Behandlungsmöglichkeiten zuversichtlicher stimmt, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen nur begrenzt und vorübergehend sein werden, kommt es immer noch zu pandemiebedingten Verwerfungen.

 


Karen Ward, Managing Director, ist seit November 2017 Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Management. Zuvor war sie Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater für das britische Finanzministerium, davor arbeitete sie für ein Jahrzehnt in verschiedenen Positionen bei HSBC, darunter als Senior Global Economist und später als Chief European Economist. Sie begann ihre Karriere bei der Bank of England. Karen Ward hat einen Master mit Auszeichnung in Wirtschaftswissenschaften des University College London.