InterviewAtriva-Forscher Stephan Ludwig: „Wir haben hier ein Wundermittel“

Corona-Station in einer Moskauer Klinik. Noch fehlt ein Medikament zur Behandlung der Krankenimago images / ITAR-TASS

Capital: Ihr Mittel ATR 002 ist eigentlich gegen Grippe wirksam. Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, es bei Corona anzuwenden?

Stephan Ludwig, Virologe der Uni Münster, gehört zu den Mitgründern von Atriva Therapeutics

STEPHAN LUDWIG: Grippe- und Corona-Viren gehören beide zur Gruppe der RNA-Viren. Bei Grippeviren hatten wir nachgewiesen, dass unser Wirkstoff einen doppelten Nutzen entfaltet, er hemmt die Viren und sorgt dafür, dass das Immunsystem nicht überschießt.

Funktioniert es denn bei Corona-Viren auch?

Ja, beide Wirkungen konnten wir nun nachweisen. Wir haben das in Laboren in Münster und Tübingen an menschlichen Zellen getestet mit Virusisolaten erster Corona-Patienten. Wir konnten zeigen, dass sich die Viren nachhaltig zurückdrängen lassen, der Effekt also über mehrere Tage noch da ist. Das ist wichtig, sonst würde die Substanz die Virenvermehrung nur herauszögern und die Infektion verschieben. Wir hatten uns selbst eine Grenze gesetzt, wie stark der Wirkstoff die Viren unterdrücken müssen. Die haben wir um das Zehnfache übertroffen.

Sie starten nun mit der Charité zusammen Phase 2 der klinischen Versuche.

Ja, wir haben Glück und noch einen Slot bei der Charité bekommen. Da drängeln sich gerade sehr viele, die ihren Wirkstoff auf Covid-19 testen lassen wollen und die Charité muss selektieren. Wir konnten nicht nur unsere Laborergebnisse vorweisen, sondern auch unsere Verträglichkeitstests bei gesunden Menschen. In der Studie werden nun mehrere hundert Covid-19-Patienten weltweit unseren Wirkstoff ATR 002 schlucken – und eine Vergleichsgruppe ein Placebo. Ende Juli soll es losgehen. Wir hatten ein sehr konstruktives Gespräch mit der Zulassungsbehörde BfArM, mit der wir im intensiven Austausch wegen des optimalen Designs der Studie stehen.

Wem hilft ihr Medikament am besten?

Es ist gedacht für die mittelschwer bis schwererkrankten Covid-Patienten, also die mit dem Virus ringen, deren Immunsystem aber auch bereits am Limit arbeitet. Es ist ja so, dass in der ersten Phase der Covid-19-Erkrankung vor allem das Virus Schäden anrichtet, in der zweiten Phase verursacht dann ein überschießendes Immunsystem lebensbedrohliche Probleme. ATR 002 wirkt in beiden Phasen. Unser Ziel ist es, die schweren Verläufe zu verringern und so die Zahl der Patienten, die auf Intensivstationen beatmet oder intubiert werden müssen, zu reduzieren. So können wir am Ende hoffentlich die Sterberate spürbar senken.

Es gibt ja im Moment sehr, sehr viele Ansätze und Hoffnungswerte. Die Welt sehnt sich nach einem Wundermittel.

Derzeit sind es wohl um die 140 Wirkstoffe, die auf die Corona-Viren angesetzt werden. Davon dürften nur eine Handvoll eine antivirale Wirkung und gleichzeitig auch einen stabilisierenden Effekt auf das Immunsystem haben. Das hat also schon Seltenheitswert. Zudem wirkt unser Mittel ja auch gegen die verschiedensten Erreger, was sehr ungewöhnlich ist. Wenn ich es mal theatralisch sagen darf: Wir haben da schon ein Wundermittel in der Hand.

Wie zuverlässig sind denn ihre Daten? Es gibt derzeit ja viel Kritik auch an klinischen Studien?

Viele Forscher machen im Moment ihre Daten frühzeitig öffentlich, um darüber diskutieren zu lassen. Das endet dann leider häufig mit Vorwürfen und merkwürdigen Kampagnen. Auch wir werden unsere Daten möglichst schnell publizieren, wollen sie aber direkt bei einem Wissenschaftsjournal einreichen, um gleich ein unabhängiges Begutachtungsverfahren zu haben. Was wir bisher sehen, ist sehr vielsprechend, alles weitere müssen wir sehen.

Die Investoren stehen jetzt sicher Schlange bei Ihnen.

Schön wär´s. Wir suchen immer noch dringend nach weiterer Finanzierung. So eine Phase 2 kostet schon ein paar Millionen. Geld ist derzeit unsere größte Sorge. Wir haben öffentliche Förderung beantragt, wissen aber nicht wie viel wir bekommen. Auch mit der Gates-Stiftung sind wir wieder im engeren Kontakt.

Wann wird das Medikament auf den Markt kommen?

Wenn es optimal läuft, werden die Studien im Frühjahr des nächsten Jahres abgeschlossen sein. Eine Markteinführung wird dann aber noch ein bisschen dauern, das hängt auch von den Zulassungsbehörden ab.