ReportageAston Martin – seine größte Mission

Frontpartie des Aston martin DB10
Die Schnauze der Verheißung. Der neue Dienstwagen von James Bond hat einen ganz schön bulligen Kühlergrill – und eine große Aufgabe – Foto: Katrin Binner

Im Backsteinnest Newport Pagnell ist mit Händen zu greifen, was wäre, wenn Aston Martin von der Welt gegangen wäre. Immerhin hätte nur wenig gefehlt, und dieser britischste aller Männerträume wäre längst ausgeträumt. Hier in der Tickford Street sieht es tatsächlich danach aus: die einstige Firmenzentrale, ein schlichtes Einfamilienhaus aus dem vorigen Jahrhundert – verrammelt, abgeblättert, zugeparkt. Die Scheune, in der die Chefs neue Autos absegneten: „For Sale“. Dahinter, wo einige der begehrtesten Fahrzeuge der Autogeschichte entstanden: Gestrüpp. James Bond, dessen berühmteste Dienstwagen hier ersonnen wurden, würde sich erschrocken abwenden.

Doch so wenig James Bond sterben durfte, nachdem Sean Connery und Roger Moore die Wagenschlüssel abgegeben hatten, so wenig ist auch Aston Martin trotz aller Pleiten, Misserfolge und Irrwege von der Bildfläche verschwunden, selbst wenn Produktion und Verwaltung vor ein paar Jahren vom mittelenglischen Newport Pagnell ein paar Dutzend Meilen weiter in ein anderes Nest namens Gaydon gezogen sind. Der Geheimagent Ihrer Majestät fährt im neuen Film „Spectre“, der im November anläuft, wieder im Sportwagen aus England vor.

Das Modell DB10 wird zwar niemand kaufen können, obwohl sie in Gaydon jetzt schon täglich Anrufer abwimmeln müssen, die Hunderttausende dafür hinlegen würden. Dennoch soll das Auto nach Jahren des Stillstands Hoffnung machen. Dass die Firma auch dieses Mal nicht stirbt, sondern wieder wächst. Dass es bald neue Autos gibt, nachdem alle aktuellen Modelle auf mindestens zwölf Jahre alter Technik basieren. Vielleicht irgendwann neben reinen Sportwagen auch die Fahrzeuge, die man zum Jahresauftakt in Genf gezeigt hat. Ein Crossover etwa, mit dem Aston Martin Anschluss an den SUV-Boom finden könnte. Eine große Luxuslimousine, die der Submarke Lagonda neuen Glanz verleihen würde. Welchen besseren Moment gäbe es, das Versprechen auf die Zukunft lebendig zu halten als den „Spectre“-Filmstart? Schließlich lebt Aston Martin hauptsächlich von zweierlei, von Bond und von der Hoffnung.

Ohne Sean Connery und seinen DB5 in „Goldfinger“ gäbe es Aston Martin wohl nicht mehr. Überall auf der Welt kennt man die Marke wegen Bond
Ohne Sean Connery und seinen DB5 in „Goldfinger“ gäbe es Aston Martin wohl nicht mehr. Überall auf der Welt kennt man die Marke wegen Bond – Foto:dpa

Das Überleben der Marke ist ein Mirakel der Autogeschichte. Die Firma hat in ihrer 103-jährigen Existenz kaum jemals Geld verdient. Sie hat in ihrer gesamten Geschichte weniger Autos gebaut, als Toyota in zwei Tagen ausstößt, und ist doch fast so bekannt. Alle vergleichbaren Legenden sind, wenn sie nicht vom Markt verschwanden, bei großen, finanzkräftigen Konglomeraten untergeschlüpft: Bugatti, Bentley, Lamborghini bei VW, Ferrari bei Fiat, Rolls-Royce bei BMW, Lotus bei Proton aus Malaysia.

Aston Martin dagegen gehört Finanzinvestoren, die manchmal lieber schnell als langsam den Ausstieg zu suchen scheinen. Und die dazu einen illusionslosen Petrolhead an die Spitze geholt haben, der hier aus der Gegend stammt, international Karriere gemacht hat und sich nun gern als Retter des letzten Überbleibsels in die glorreiche britische Autogeschichte einschreiben würde. Wahrscheinlich muss Andy Palmer dazu Aston Martin in den nächsten Jahren auch noch an die Börse steuern. Er weiß jedenfalls, dass er in einem Dilemma steckt. Dass es Legenden gibt, die nicht sterben dürfen. Aber er hat sicher auch gehört, dass schlimmer als der Tod für jede Legende ist, wenn sie als Untote fortbesteht.

Maßschneiderei mit Ölfleck

Es waren von Beginn an nicht Leute, die die Kapitalrentabilität im Auge hatten – es waren Abenteurer, Exzentriker, Glücksjäger, die Aston Martin am Leben hielten. Das war nicht ungewöhnlich vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Firmengründer in Einzelanfertigung Rennwagen für Rekorde zusammenschraubten, es war auch noch nicht ungewöhnlich in den Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern, als Aston Martin hier an der Tickford Street unter dem Landmaschinentycoon David Brown seine großen, aber turbulenten Jahre hatte, während die ganze riesige britische Autoindustrie den Bach runterging.

Seit aber Autobauen und -verkaufen ein globales Geschäft geworden ist und Antriebe nicht mehr mit öligen Fingern zusammengeschraubt werden, sondern mit Milliardenaufwand entwickelt werden müssen, sieht Aston Martin jeden Tag mehr wie ein Überbleibsel aus. „Dieser Mythos kommt aus einer Welt, in der man sich ein Auto fertigen ließ, so wie man in die Savile Row ging, um sich ein Hemd schneidern zu lassen“, sagt der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli, der ein opulentes Buch über die Aston-Martin-Legende geschrieben hat. Die Aston-Martin-Imagination sei wie die alte englische Bond-Macho-Wohlhabenden-Traumwelt, erklärt Tumminelli, ein Bild, das verblichen scheint, aber doch immer weiterlebt. Und sei es dort, wo die neuen Aston-Martin-Kunden sitzen, in Nahost, China, Osteuropa.

Charlie Briggs kann sich noch an die Zeit erinnern, als jeder Motor ein Namensschild seines Erbauers erhielt. Jetzt sitzt er auf der anderen Straßenseite der Tickford Street in einem Frühstücksraum. Vor 28 Jahren hat der Karosseriebauer seine Lehre hier in Newport Pagnell angefangen, als 16-jähriger Schüler immer das Bild von James Bonds DB5 im Kopf, das die prosaische Realität der Fertigungsstätte überstrahlte. „Ein Durcheinander aus Schuppen und Baracken“, erinnert sich Briggs, Regen tropfte rein, Krach lieferte den Rhythmus, Schmutz war die Kulisse. Und die Autos? „Fantastisch“, sagt Briggs.

Er ist einer der Überlebenden von Aston und arbeitet heute auf dieser Seite der Straße, wo nämlich durchaus noch sichtbar ist, dass die Legende lebt. An ihrem Geburtsort repariert und restauriert der Hersteller in einer schick renovierten Halle alte und neue Aston Martin, die er per Lkw oder Luftfracht aus der ganzen Welt holt. Die Restauration eines historischen Aston, die dann auch durch Briggs’ Karosseriewerkstatt geht, gibt es hier zum Festpreis von 375.000 Pfund. Das ist das Dreifache von dem, was ein Neuwagen vorn im Showroom kostet. Das ist der Wert des Mythos.