KommentarAnnalena Baerbock hat sich selbst entzaubert

Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena BaerbockIMAGO / phototek

In dieser Woche ist immer deutlicher geworden, dass das Kanzleramt wohl eine Nummer zu groß ist für die Grünen. Ich selbst war ohnehin immer skeptisch, ob diese auf Bundesebene doch eher kleine Partei dafür die Ressourcen und die Resilienz hat, ob sie wirklich so breit aufgestellt ist, um das berühmte „Big Picture“ zu sehen. Und die Annahme, dass Unerfahrenheit die beste Voraussetzung für einen Neustart des Landes sei, war von Anbeginn eine Verklärung, ein Traumgebilde.

Die Eroberung des Kanzleramtes durch die Grünen, das wird knapp zwei Monate später offenkundig, war eine geballte, verfrühte und unreife Sehnsuchtsprojektion: nicht mehr die streitende, erschlaffte CDU, nicht mehr Mehltau, nicht mehr „16 Jahre Stillstand“, sondern Veränderung. Und das inmitten der Corona-Fatigue, der Implosion der Ministerpräsidentenkonferenz. Da war ein Vakuum an Führung, da waren die Abgründe der Union, das Verschwinden der Kanzlerin – und dann: Annalena Baerbock, die gleichsam als fleischgewordene Formel „Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit2“ daherkam.

Jeder Wunsch nach Veränderung, aber auch das Ende der Pandemie und der Neustart wurden auf eine junge Frau projiziert, die schon wenige Wochen nach ihrer Ernennung sichtlich überfordert ist. Ihre Kanzlerschaft ist natürlich immer noch rechnerisch möglich, da kann sich noch vieles drehen, derzeit aber ist sie unwahrscheinlicher geworden. Vermutlich wäre ein ehrgeizig zurechtgeschnittenes Ministerium eh besser für sie – und das Land.

Quelle: Statista

Zu wenig Zukunft, zu viel gepimpte Vergangenheit

Der Wahlkampf ist schon recht früh hitzig und persönlich und ein wenig schmutzig geworden – man muss genau hinschauen, ob hinter jeder Schlagzeile gleich ein Skandal lauert, und ob ein Skandal überhaupt ein Skandal ist (wie man derzeit bei der neuen vermeintlichen Masken-Affäre sehen kann, die sich auf der Ebene von Prüfnormen zwischen erster und zweiter Welle verheddert hat).

Normal und dazu gehören: Streit um Benzin-Preise, CO2-Steuern, Schulden, um Außenpolitik und die Ukraine, um Wohlstand und Klimaschutz. Da wird und muss noch viel härter gerungen werden: Der nächste Kanzler oder die nächste Kanzlerin wird höchstwahrscheinlich das Land bis zum Ende des Jahrzehnts führen und zentrale Weichenstellungen vornehmen, während bis 2030 große Trends, Ziele und sogar Kipppunkte greifen und kommen: nicht nur beim Klima, sondern auch bei der Demografie, dem Aufstieg Asiens, der Urbanisierung – und der fortschreitenden Digitalisierung. Gerungen wird nicht nur zwischen den Parteien, auch innerhalb der Grünen, die an diesem Wochenende ihr Parteiprogramm beraten

Derzeit reden wir aber zu wenig über diese Zukunft, sondern über eine etwas zu oft gepimpte Vergangenheit. Das aber ist die Schuld der Kandidatin.

Alles, was Annalena Baerbock bekennen, nachmelden und präzisieren musste, ist für sich genommen kein Skandal – sie hat sich nur quasi selbst entzaubert und entthront: Sie musste ständig Angaben in ihrem Lebenslauf „präzisieren“ (ein neuer Euphemismus), dabei galt sie doch als so akribisch. Sie wollte sich größer machen und hat sich kleiner gemacht, und dies berührt ihren wunden Punkt: ihre mangelnde Erfahrung. Wenn dann aus einer Phase, in der man anfangs in einem Abgeordnetenbüro von Potsdam oder Berlin aus die Website einer Europa-Abgeordneten gepflegt hat, eine veritable Büroleitung in Brüssel wird, trägt das prä-krullsche Züge.

Das Kanzleramt scheint eine Nummer zu groß

Den Lebenslauf etwas hochzujazzen ist menschlich und alltäglich – in vielen CVs wird aus einem zweiwöchigen Seminar des Arbeitgebers schnell mal ein Studium in Stanford. Damit könnte man die Hälfte der LinkedIn-Mitglieder hochnehmen. Solche Gernegroßmacherei aber interessiert im Zweifel nur den Arbeitgeber. Wenn man wie Baerbock ein Land führen will, darf es alle interessieren.

Wirklich neu ist der pseudo-harmonische Umgang mit all diesen Ungenauigkeiten und Schlampereien. Beim Nachbessern des Lebenslaufes hieß es gerne Mal auf Twitter von den Grünen: „Danke für den Hinweis“. Ihre zu spät gemeldeten Nebeneinkünfte bezeichnete Baerbock als „blödes Versäumnis“ und sagte den eigentümlichen Satz: „Ich habe mich darüber selbst wahrscheinlich am meisten geärgert.“ Ist das die neue Art, Dinge wieder geradezurücken? „Ich bin mit 100 km/h in der Stadt geblitzt worden – ich habe mich darüber selbst wahrscheinlich am meisten geärgert.“

Und hier sind wir doch bei dem zentralen Punkt: wie professionell die Grünen mit dem getunten CV ihrer Spitzenkandidatin umgegangen sind. Weil genau das im April gelobt wurde: die Professionalität, während Söder und Laschet sich zerlegten. Deshalb die erste Zwischenbilanz: Das Kanzleramt scheint derzeit eine Nummer zu groß.

Die Union hat sich stabilisiert, weil sie jetzt zwei Wochen zuschauen konnte, wie die Grünen Fehler machen. Das spiegelt sich in den Umfragen dieser Woche: Die Union kommt inzwischen wieder auf etwa 28 Prozent, für die Grünen geht es dagegen jäh runter auf 20 bis 22 Prozent. Diese Stabilisierung für CDU/CSU wird aber nicht reichen für die Verteidigung des Kanzleramtes. Wenn die Union darauf hofft, ist sie leichtsinnig – bloß keine neue Form der asymmetrischen Demobilisierung. Die andere Wette, dass ein fast durchgeimpftes Land nach einem Sommer „in Freiheit“ eine andere Stimmung und Sehnsüchte entfaltet, dürfte eher aufgehen.


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden