KolumneAngriff auf die Hochburgen der Gewerkschaften

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Egal ob Volkswagen, BASF oder Linde: In der deutschen Industrie konnten sich die Arbeiter in den heimischen Stammwerken für viele Jahrzehnte auf die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze verlassen. Wenn es doch einmal an die Jobs ging, dann immer nur mit äußerst hohen Abfindungen und sehr langen Übergangsfristen. Die IG Metall und die IG Chemie handelten sogenannte Standortsicherungsverträge aus, die für viele Jahre betriebsbedingte Kündigungen unmöglich machten. Ihre Betriebsräte achten bis heute darauf, die Stammwerke bevorzugt mit neuen Produktionslinien auszulasten. Bei VW konnte man bereits mehrfach beobachten, was passiert, wenn sich ein Vorstand gegen die Forderungen der Gewerkschaften sperrt.

Das Beispiel Daimler-Untertürkheim zeigt jedoch, dass die Hochburgen der DGB-Gewerkschaften nicht mehr sakrosankt sind. Bis 2025 sollen in dem Werk 4000 Arbeiter von Bord – ein gutes Fünftel der dortigen Belegschaft. Seit letzter Woche laufen die Funktionäre der IG Metall Sturm gegen diese Pläne, die aus ihrer Sicht einem „Katalog voller Provokationen“ gleichen. Die Bedeutung dieses Kampfs bei Daimler geht weit über den Konzern selbst hinaus. Denn auch in anderen Großunternehmen passt die Bevorzugung der Stammwerke nicht mehr in die Zeit. Viele Konzerne beschäftigen mittlerweile deutlich mehr Arbeitnehmer im Ausland als in Deutschland.

Die Mitbestimmung schert sich darum jedoch kaum. Über die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat nehmen die deutschen Gewerkschaften gehörigen Einfluss auf strategische Entscheidungen. Und das Hemd ist ihnen dabei meist näher als die Hose. Trotz aller Sonntagsreden über internationale Solidarität, stehen die Interessen der deutschen Belegschaften im Vordergrund.

Die IG Metall hat Angst vor Machtverlust

Dagegen wäre auch nicht allzu viel zu sagen, wenn die einseitige Bevorzugung der deutschen Stammwerke nicht mit einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität erkauft würde. Und in der Corona-Krise können sich viele Konzerne diese Extra-Kosten einfach nicht mehr leisten. Das gilt vor allem für die deutschen Autohersteller, noch mehr sogar für ihre Zulieferer. In vielen Fällen gibt es keine andere Lösung, als daheim Personal abzubauen und es bei einem erneuten Anstieg der Nachfrage in den nächsten Jahren im Ausland wiederaufzubauen, wo man mit niedrigeren Kosten arbeiten kann.

Nun müssen selbst die Arbeiter bei Daimler in Stuttgart-Untertürkheim nicht mit wirklichen Härten rechnen. Unglaublich – aber im Land der Mitbestimmung wahr: Im Konzern gilt Kündigungsschutz bis 2029. Die Daimler-Manager können die 4000 Jobs, wenn überhaupt, also nur über teure Altersregelungen und Abfindungen abbauen. Das laute Geschrei der IG Metall kann man in diesen Tagen also nicht mit ehrlicher Sorge um das Wohl und Wehe der Beschäftigten erklären, sondern mit der Angst vor Machtverlust. Schrumpfen die inländischen Belegschaften in den alten Stammwerken, dann schrumpft auch die Machtbasis der IG Metall. In Stuttgart tummeln sich die Gewerkschafter, die man gern „besonders kampfstark“ nennt. Wenn die Funktionäre die roten Trillerpfeifen auspacken, stehen in Untertürkheim die Bänder still. Das soll nach dem Willen der IG Metall auch so bleiben. Und deshalb dürfte es in Untertürkeim in den nächsten Wochen auch schwer zur Sache gehen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.