KolumneAlles nicht so einfach

Gesellschaftliche Interaktion ist komplex. Ihr jeweiliges Ergebnis hängt von subjektiven Wahrnehmungen ab, Narrativen – und Zufällen.
Gesellschaftliche Interaktion ist komplex. Ihr jeweiliges Ergebnis hängt von subjektiven Wahrnehmungen ab, Narrativen – und Zufällen.
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Karen Horn, in Genf geboren, in Lausanne promoviert und Ende Oktober 2014 nach Zürich gezogen, ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke.  Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013)Karen Horn ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013).


Seit kurzem gibt es die Facebook-Seite „Danke Merkel“, ausgedacht von einem Studenten aus Würzburg. Mittlerweile hat sie mehr als 17.000 „Likes“ (Stand 3.8.2016). Bestückt mit zum Teil wirklich ulkigen Satire-Memes, ist die Seite ein Ventil für Menschen, die zunehmend genervt sind von Sprüchen der Sorte, die jüngsten Terrorattentate gingen auf das Konto der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel – ermüdet von Hetze, von Verleumdungen, Verschwörungstheorien und populistischen Hasstiraden.

Es tut gut, zu lachen, selbst wenn der Anlass traurig ist: die Zunahme brutaler Gewalt und die Verrohung, ja die wachsende Eindimensionalität des politischen Diskurses. Es ist höchste Zeit für die Einsicht, dass die Dinge nicht so simpel sind. Niemand kann wissen, ob sich wirklich weniger potentielle Terroristen in Deutschland befänden, wenn ein paar politische Entscheidungen anders gefallen wären, dafür fehlt die „kontrafaktische Evidenz“. Zudem sind die meisten Entwicklungen nicht so direkt einer singulären Wurzel zurechenbar, wie viele das gerne hätten, weil sie sich die Welt überschaubarer wünschen. Ergo gibt es auch keine einfachen Lösungen.

Menschen produzieren spontane Ordnung

Unter Liberalen ist es schöner Brauch, sich auf die Denker der schottischen Aufklärung zu berufen, unter anderen auf David Hume (1711-1776), Adam Ferguson (1723-1816) und Adam Smith (1723-1790). Ihnen verdanken wir die Denkfigur, dass die gesellschaftliche Interaktion von Menschen so etwas wie eine „spontane Ordnung“ produziert, nebenbei und ungeplant, einfach den natürlichen Bewegungsprinzipien der Beteiligten folgend. Adam Ferguson fand dafür die Formulierung, viele „Einrichtungen“ der Gesellschaft seien „aus menschlichem Handeln, aber nicht menschlichem Entwurf entstanden“.

Klar: Niemand hat sich beispielsweise die deutsche Sprache als solche im Ganzen ausgedacht, niemand das Geld, niemand den Markt. Diese praktischen Institutionen sind entstanden, weil Menschen kommunizieren wollten, bezahlen mussten, handeln wollten – erst in kleinem Kreis, und dann in immer größerem, schlicht weil es vorteilhaft war mitzumachen. Diese Vorteile wuchsen sogar noch, je mehr Leute sich anschlossen. Ökonomen sprechen in diesem Kontext von Netzwerkeffekten. Liberale sind immer alarmiert, wenn sich die Politik anschickt, die Spontaneität der Herausbildung solcher Institutionen zu hemmen. Denn in ihnen entsteht und tradiert sich ein nützliches gesellschaftliches Wissen, auf das man sonst verzichten müsste.

Gesellschaftliche Interaktion ist komplex

Verschwörungstheoretiker bekommen den Umkehrschluss hierzu nicht hin – wo etwas schief läuft, muss ihrer Meinung nach ein übelwollender oder dummer Geist dahinterstecken. Doch auch ohne einen solchen gibt es unbeabsichtigte Nebenfolgen individuellen Handelns, die unerfreulich oder sogar verheerend sind. Und dass es diese gibt, ist schlicht die logische Kehrseite der spontanen Ordnung und des Befundes, dass sich gesellschaftliche Phänomene in der Interaktion konstituieren, ohne dass sie jemand bewusst plant.

Gewiss plant jeder sein eigenes Tun –  jeder Bürger, jedes Wirtschaftssubjekt, jeder politisch Verantwortliche und auch jeder Terrorist. Und jeder von ihnen hat ein Ziel – ein privates und darüber hinaus gegebenenfalls auch eines, das sich auf das gesellschaftliche Miteinander bezieht. Die einen Politiker feilen an Eingriffen, mit denen sie die Gesellschaft in die Zukunft befördern wollen, andere suchen das Land mit Macht zurück in die Vergangenheit zu drängen. Der Terrorist wiederum zielt auf die Vernichtung der Gesellschaft, wie er sie wahrnimmt, aus welchen Gründen auch immer. Doch was sich schließlich aus dem Zusammenspiel aller Akteure ergibt, das ist keiner von ihnen in der Lage zu bestimmen. Gesellschaftliche Interaktion ist komplex. Ihr jeweiliges Ergebnis hängt von subjektiven Wahrnehmungen ab, Narrativen – und Zufällen.

Wenn wir heute nach Schuldigen suchen für die dramatische Lage, in der die Welt steckt, dann profitieren wir zwar von dem analytischen Vorteil, dass alle ungesteuerten Prozesse, auf die man zurückblicken kann, abgeschlossen sind. In einer solchen Ex-post-Perspektive lässt sich schon mehr sagen als im Vorhinein, ex ante. Je robuster die wissenschaftliche Brille ist, die man aufsetzt, desto größer ist die Aussicht, Fehler zu erkennen und tatsächlich etwas für die Zukunft zu lernen. Trotzdem sollte stets – eingedenk der Worte Adam Fergusons – ein Stachel im Fleisch verbleiben. Außer in seltenen Ausnahmefällen speist sich eine Erscheinung der Gegenwart aus unzähligen Einzelquellen. Monokausales Denken geht an der komplexen Logik der spontanen Ordnung vorbei.