Interview„Alle Konzerne rechnen derzeit, wie lange ihr Cash noch reicht“

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Darf man denn eine solche Rechnung aufmachen? Schließlich geht es ja um die Gesundheit von Millionen Menschen.

Das ist schon richtig, und die Politiker sagen es uns jeden Tag. Gesundheit hat Vorrang. Das versteht ja auch jeder. Nachdem aber derzeit unser Land auf Empfehlung von Virologen regiert wird, muss es schon erlaubt sein, dass sich auch die Wirtschaft zu Wort meldet. Jeder muss wissen, dass ein längerer Shutdown langfristig strukturellen Flurschaden anrichtet. Ein spürbarer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit droht, Wohlstandsverluste wären die Folge. Und denken Sie nicht nur an die Industrie. Gerade auch der Handel ist stark betroffen. Während die Geschäfte geschlossen haben, schafft Amazon traumhafte Marktanteilsgewinne. Alles was Amazon jetzt dazu gewinnt, kann der Einzelhändler später nicht mehr so leicht zurückgewinnen. Diese Krise ist eine besondere und verschiebt die Struktur der Wirtschaft. Es gibt viele Verlierer und wenige Gewinner.

Aber unsere Regierung hat versprochen, dem Handel zu helfen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat versprochen, dass kein Arbeitsplatz verloren geht. Das ist eine Illusion. Dieser Shutdown wird zu einem immensen nachhaltigen Wohlstandsverlust für ganz viele Menschen führen, wenn er länger als vier, fünf Wochen andauert.

Was heißt das konkret? Muss es nach Ostern wieder losgehen?

Direkt nach Ostern ist vermutlich unrealistisch. Aber im Grunde müsste ab dem 20. April oder spätestens am 27. April wieder hochgefahren und produziert werden. Das wäre schon hart genug, aber viele Unternehmen würden das noch hinbekommen. Ich finde es moralisch richtig, dass wir vor allem die älteren Menschen schützen – ich zähle ja selbst auch dazu. Aber es wird ein Punkt kommen, wo es schwierig werden wird, abzuwägen was richtig ist. Die Politiker kommen um dieses Dilemma nicht herum. Im Moment heißt es überall, Gesundheit hat Priorität. Je länger es dauert, desto schwieriger wird diese Prioritätensetzung.

Nun ist der Shutdown keine spezielle deutsche Erfindung oder Strategie, alle Länder haben so reagiert. Wie könnte denn ein Exit aussehen?

Am wichtigsten ist ein statistisch abgesichertes Testverfahren, wie bei Meinungsumfragen. Nur so erhält man eine saubere Datenbasis für alle wichtigen Entscheidungen. Also, testen, testen, testen.  Dann könnte man folgenden groben Ansatz verfolgen. Es wird verordnet, dass bis auf weiteres jeder außer Haus diese einfache Maske trägt, dass Ältere und Gefährdete mit Vorerkrankung mit besonderen Restriktionen belegt werden und dass möglicherweise über Mobile Tracking das Bewegungsprofil transparent gemacht wird – und dann lässt man die Wirtschaft wieder hochlaufen. Bestimmt gibt es noch bessere Pläne, aber so eine Art der Vorgehensweise ist die einzige, um ein Desaster für die Wirtschaft zu verhindern.

Diese Krise trifft nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder, die USA, unsere Nachbarn Frankreich und Großbritannien. Wird jede Volkswirtschaft gleich leiden oder sind andere Länder besser gerüstet?

Meine Befürchtung ist, dass wir in einigen Jahren zurückschauen und sehen: Der große Gewinner ist China und Europa ist der Verlierer. Allein Italien wird über Jahre dreistellige Milliardensummen brauchen, denn das Land war ja schon seit Jahren nur durch die EZB über Wasser gehalten worden und hat schon vor Corona gerade mal wieder das Niveau von 2006 erreicht. Italien hat keinerlei Strukturreformen durchgeführt und ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Die ohnehin schon hohe Verschuldung wird nun weiter rapide steigen. Auch die Amerikaner laufen Gefahr, dass dies die erste Krise werden könnte, die sie richtig durchschüttelt, dass auch sie zumindest zu den temporären Verlierern zählen werden. Während wir noch unsere Wunden lecken, können die Chinesen produzieren und Marktanteile gewinnen. Aus dieser Krise könnte also eine tektonische Plattenverschiebung im weltweiten Kräfteverhältnis die Folge sein.

Auch Deutschland verliert innerhalb kurzer Zeit nun die Anstrengungen eines Jahrzehnts, die Verschuldung war nach der Krise von über 80 auf 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken, nun wird sie rapide steigen, wieder auf 80 Prozent.

Wenn der Shutdown länger dauert, kann es auch über 80 Prozent hinausgehen, vielleicht sogar über 100 Prozent. Die Krise könnte allein Deutschland eine Billion kosten. Wir können uns unsere Rettung allerdings leisten, weil es sich auszahlt, dass wir über Jahre Haushaltsdisziplin geübt haben. Aus der Rettung Europas wird dann allerdings noch ein heftiger Betrag dazukommen.

Einige erwarten, dass die Stimmung in ein, zwei Wochen kippen könnte. Weil wir ja nicht nur Leben schützen müssen, sondern auch unsere Existenzen. Diese Debatte führen aber nur vereinzelte Stimmen. Was denken Sie?

Ja, es sind vereinzelte Stimmen, aber diese Debatte ist wichtig und notwendig. Die meisten wagen sich derzeit noch nicht aus der Deckung. Es wird aber kommen.

Was ist eigentlich mit dem Klimaauflagen der Autoindustrie? Die müssen doch die 95 Gramm im Schnitt in ihrer Modellpalette erreichen, sonst drohen Strafen.

Das ist eine gute Frage. Wenn diese immensen Kosten und Belastungen aus dem New Green Deal jetzt auch noch dazukommen, dann kann es sein, dass wir wirtschaftlich lange, lange leiden. Wenn wir durch diese einzigartige Krise mal durch sind und Bilanz ziehen, wird man sehen, ob es nicht klüger ist, Greta ein bisschen warten zu lassen.

 


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