AnalyseAixtron - Chinas Staatsstreich

Produktionshalle von Aixtron
Produktionshalle von Aixtron: China ist an deutscher Technologie interessiert
© Aixtron

Die Übernahme des deutschen Chipanlagenbauers Aixtron durch den chinesischen Investor FGC schien bereits in trockenen Tüchern. Doch jetzt stellt sich überraschend das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) quer und wiederrief eine bereits erteilte Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Deal. Zudem wurde unlängst bekannt, dass das BMWi deutsche Hightech-Unternehmen besser vor ausländischen Käufern abschirmen will, wenn dahinter etwa ein Staat steckt. Das ist auch beim Aixtron-Interessenten FGC der Fall, wie diese Recherche aus der Capital (9/2016) belegt.


Am 9. Dezember 2015 brach das Desaster über Aixtron herein. Der Mittelständler aus Herzogenrath bei Aachen baut Ausrüstungsgüter für die Halbleiterindustrie. Seinem wichtigen Kunden San’an Optoelectronics hatte Aixtron drei von 50 bestellten Anlagen ausgeliefert – doch der chinesische LED- und Chiphersteller befand, sie würden seinen Anforderungen nicht genügen. Die 47 weiteren Anlagen wurden storniert.

Innerhalb eines Tages stürzte die Aixtron-Aktie um 43 Prozent ab, bis Februar dieses Jahres fiel sie von 7 Euro auf knapp 3. Schon vorher hatte Aixtron gekämpft, obwohl der Spezialanlagenbauer weltweit nur einen Konkurrenten hat. Die Aachener schreiben seit Jahren rote Zahlen. Nun waren sie endgültig ein Übernahmekandidat.

Das vermeintliche Happy End kam ein halbes Jahr später: Am 23. Mai verkündete der von einem chinesischen Privatinvestor gelenkte Investmentfonds Fujian Grand Chip (FGC), er wolle Aixtron kaufen. Pro Aktie bot FGC 6 Euro. Das entspricht einer Prämie von gut 50 Prozent über dem Durchschnittskurs der vorangegangenen drei Monate – dennoch deutlich weniger als vor der Stornierung durch San’an Optoelectronics.

Ein ganz normaler Übernahmefall also? Oder steckt mehr dahinter? Eine Verschwörung wohl nicht. Nicht mal Aixtron selbst erhebt solche Vorwürfe, sondern arbeitet weiterhin mit dem Kunden zusammen. Bei der geplanten Übernahme durch FGC betont Aixtron die „strategischen Vorteile“.

Dennoch ist der Deal anders als andere Übernahmen deutscher Mittelständler durch Chinesen – es ist ein Deal ohne Gesicht. Ein Deal, bei dem sich Investoren und Interessen hinter einem Geflecht von Gesellschaften verbergen.

Aixtrons geheimnisvoller Investor

Rein privatwirtschaftlich jedenfalls, wie Darstellungen von Aixtron und FGC es nahelegen, ist der Kauf nicht. Im Gegenteil: Der chinesische Staat steckt indirekt dahinter und steuert Kapital bei. Das macht den Fall zu einem Politikum: Soll Deutschland es schulterzuckend hinnehmen, wenn China sich strategisch bedeutsame deutsche Unternehmen einverleibt?

Wer das Geflecht der Geldgeber entwirrt, stößt zudem nicht nur auf den chinesischen Staat. Sondern auch auf die Unternehmensgruppe des Aixtron-Kunden San’an Optoelectronics. Es gibt also eine Verbindung – keine dominante, aber sie ist da. Doch der Reihe nach.

Am 25. November 2015 findet in der ostchinesischen Küstenstadt Xiamen ein wichtiges Treffen statt: Aixtron-CEO Martin Goetzeler spricht damals mit Daniel Li von dem Beratungsunternehmen Buttonwood Finance. Goetzeler wünscht eine Minderheitsbeteiligung durch einen chinesischen Investor, Li soll suchen. Zwei Wochen später storniert San’an Optoelectronics den Großauftrag. 21. Dezember, das nächste Treffen zwischen Goetzeler und Li. Aixtron ist im freien Fall. Nun sucht Goetzeler nach einem Investor, der das Unternehmen ganz schluckt.

Am 16. Januar 2016 präsentiert Li das Projekt Liu Zhendong. Liu, so steht es in den Angebotsunterlagen, sei ein privater Investor „mit vielfältigen Investments in verschiedenen Sektoren, mit dem Doktor Li bekannt war“. Liu zeigt sich interessiert. Wenige Wochen später wird FGC gegründet, ein Investmentfonds mit einer Adresse in Xiamen. Sein Zweck: der Erwerb von Aixtron. Mit 51 Prozent kontrolliert Liu den Fonds.

Wer ist dieser Liu? Andere chinesische Investoren in Deutschland suchten früh die Öffentlichkeit – Liu nicht. Auch weil er kein Englisch spreche, sagen Eingeweihte. Jedenfalls ist er eine geheimnisvolle Figur mit einem geheimnisvollen Aufstieg.

Kein Foto, kein Lebenslauf

Laut den Angebotsunterlagen verfügt er über ein Nettovermögen von rund 3 Mrd. Yuan (400 Mio. Euro). Seit 2013 hat er beherrschende Anteile an acht Investmentgesellschaften erworben, eine davon mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln. Bei all diesen Vehikeln hat Liu auch eine führende operative Rolle inne, als Geschäftsführer, Managing Partner oder Direktor. Die meisten der Gesellschaften sind im Bergbau investiert. In der Halbleiterindustrie hat Liu keine Vorerfahrungen.

Über seine Karriere vor 2013 verliert das Dokument kein Wort. Aus Kreisen, die mit der Transaktion vertraut sind, heißt es, Liu habe 1985 die Schule abgeschlossen. Im Jahr 2000 sei er ins Private-Equity-Geschäft eingestiegen und durch einige Deals zu Kapital gekommen.