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Rüstungsindustrie „Nerdige Außenseiter“: Das US-Unternehmen hinter den ukrainischen „Kamikaze“-Drohnen

Das Pentagon hat seit dem Einmarsch von Wladimir Putin mehr als 700 mit Sprengköpfen bewaffnete „Switchblade“-Drohnen an die Ukraine geliefert.
Das Pentagon hat seit dem Einmarsch von Wladimir Putin mehr als 700 mit Sprengköpfen bewaffnete „Switchblade“-Drohnen an die Ukraine geliefert.
© IMAGO / ZUMA Wire
Das kleine Rüstungsunternehmen Aerovironment bewegte sich lange Zeit unter dem Aufmerksamkeitsradar. Das hat sich mit dem Ukrainekrieg geändert: Seine Drohnen spielen bei den Kämpfen eine wichtige Rolle

Eine Gruppe russischer Soldaten saß auf der Verkleidung ihres Panzers und „trank seelenruhig Alkohol“, als eine „moderne Kamikaze-Drohne mit starkem Sprengstoff“ dem Feind „irreparable Verluste“ zufügte. So hieß es in einem Bericht, der im Mai auf der offiziellen Facebook-Seite der Spezialeinheiten der ukrainischen Armee veröffentlicht wurde – begleitet von einem Video, das den Angriff zeigen soll.

Bei der fraglichen Drohne handelte es sich um das Modell „Switchblade“ des kleinen US-Rüstugsunternehmens Aerovironment, dessen „Loitering Missile System“ zum Symbol des ukrainischen Widerstands wurde.

Das Pentagon hat seit dem Einmarsch von Wladimir Putin mehr als 700 mit Sprengköpfen bewaffnete „Switchblade“-Drohnen an die Ukraine geliefert, wodurch das wenig bekannte Unternehmen der US-Rüstungsindustrie, die von fünf wesentlich größeren Unternehmen dominiert wird, große Aufmerksamkeit erlangte.

„Eine neue Dynamik“

„Der Krieg ist eine schlimme Sache für die Ukraine, aber aber ein Glücksfall für jemanden wie uns“, sagt CEO Wahid Nawabi in einem Interview. „Ich glaube, dass er nicht nur für uns eine neue Dynamik schaffen wird“, fügt er hinzu. Durch den Krieg habe das Pentagon erkannt, dass es sich „nicht nur auf die großen Branchenriesen verlassen kann“.

Zu den „Big Five“ gehören Raytheon, Lockheed Martin, Boeing, Northrop Grumman und General Dynamics, die zusammen eine Marktkapitalisierung von 470 Mrd. Dollar aufweisen. Sie überragen Aerovironment mit einer Bewertung von 2 Mrd. Dollar um Längen.

Die Großen sind durch den jüngsten Erfolg von Aerovironment „nicht wirklich gefährdet“, aber das Pentagon – das sich seit langem über den mangelnden Wettbewerb in der Branche beklagt – würde „sich eine Nischenlieferantenbasis wünschen“, so ein Investmentbanker aus der Luft- und Verteidigungsbranche.

Genehmigung des US-Außeministeriums entscheidend

Ein Erfolg auf dem ukrainischen Schlachtfeld könnte auch die internationale Nachfrage nach den bewaffneten Drohnen von Aerovironment ankurbeln, sagt Nawabi. „Ich glaube, dass Switchblade denselben Wachstumspfad durchläuft wie die etablierten Systeme des Unternehmens.“

Das Pentagon hat Aerovironment bereits die Genehmigung erteilt, seine unbewaffneten Raven- und Puma-Drohnen in 50 Länder zu exportieren. 40 Prozent seines Jahresumsatzes von rund 450 Mio. Dollar erwirtschaftet das Unternehmen mit internationalen Verkäufen.

Die „Switchblade“-Systeme seien jedoch erst im vergangenen Monat für den Export freigegeben worden, als die USA grünes Licht für den Verkauf an 20 Länder gegeben hätten, so Nawabi. Die meisten lägen in Europa, darunter auch die baltischen Staaten. Frankreich versucht Berichten zufolge, die Systeme für sein Militär zu erwerben.

„Die Investoren von Aerovironment haben viele Jahre darauf gewartet, dass das Unternehmen die Genehmigung des US-Außenministeriums für den Export von Switchblade erhält“, sagt der Analyst Louie DiPalma von der Investmentbank William Blair. Für ihn ist die Genehmigung entscheidend für die Zukunft des Unternehmens.

Enger Kontakt zum Militär

Das Geheimnis des Unternehmens, erklärt Nawabi, sei seine „echte, intensive und sehr enge Beziehung zu den tatsächlichen Nutzern und Kämpfern“. Aerovironment stehe mindestens wöchentlich in „direktem Austausch mit dem ukrainischen Militär und seinen diplomatischen Teams“.

Aerovironment wurde 1971 in Kalifornien gegründet und hat heute seinen Hauptsitz in der Nähe des Pentagon in Arlington, Virginia. Das Unternehmen bewegte sich unter dem Radar, während es seine Expertise für kleine robotische Flugsysteme entwickelte. „Wir sind wie eine schweigsame, nerdige Gruppe von Außenseitern – wir sind ein bisschen sonderbar“, sagt Nawabi.

Vor dem Krieg in der Ukraine war das Unternehmen vielleicht am bekanntesten für die Entwicklung des Roboter-Hubschrauber Ingenuity, der auf dem Mars eingesetzt wird. Aerovironment arbeitete dabei mit der Nasa und dem California Institute of Technology zusammen. Das kleine Fluggerät wurde am Bauch des Perseverance-Rovers befestigt und landete im April 2021 auf dem roten Planeten.

Bekannt für unbemannte Drohnen

In der Verteidigungsindustrie ist das Unternehmen für seine unbemannten Drohnen bekannt. Frühere Versionen von „Puma“ und „Raven“ wurden während des ersten Golfkriegs in den 1990er-Jahren eingesetzt. „Offen gesagt, wusste das US-Militär anfangs gar nicht, was es damit anfangen sollte – bis zum 11. September. Generäle denken immer nur an große Panzer und Flugzeuge“, so Nawabi.

Aber das Unternehmen habe an Zugkraft gewonnen, weil es sich auf das konzentrierte, was die Soldaten bräuchten, sagt der Firmenchef. Im Afghanistan-Krieg beispielsweise hatten die US-Streitkräfte zwei gleichwertige Optionen, wenn sie in einer bergigen Region unter Beschuss standen: Sie mussten sich entweder aus der Deckung zurückziehen, um zu sehen, woher die Schüsse kamen. Dabei riskierten sie, getötet zu werden – oder sie mussten auf einen Apache- oder Chinook-Hubschrauber aus der ständig überlasteten Helikopterflotte warten.

„Die Soldaten sagten: 'Wir brauchen eine [Drohne], mit der wir umgehen können und mit der wir nicht ein oder zwei Stunden warten müssen, bis der Hubschrauber auftaucht‘“, berichtet Nawabi.

Pentagon beschaffte Tausende „Switchblades“

Mit „Switchblade“ verfügen die Soldaten über ein System, das Überwachung und Munition in einem einzigen Paket vereint. Aerovironment lieferte das erste System 2010 an das Pentagon, das seitdem Tausende davon beschafft hat. Die Systeme, die in die Ukraine geschickt werden, stammen aus US-Beständen.

Die bewaffnete Drohne gibt es in zwei Versionen – die „Switchblade 300“ und eine größere, neuere Version mit der Bezeichnung „Switchblade 600“. Sie werden elektrisch angetrieben, sind langsamer als Raketen und haben eine geringe Radar-, Wärme- und Lärmsignatur. „Man sieht sie nicht, man hört sie nicht“, so Nawabi.

„Switchblades“ werden aus einem Rohr gestartet, und die 600er-Version kann über 40 Minuten in der Luft bleiben. Bei einer Geschwindigkeit von 70 Meilen pro Stunde kann das Gerät über 90 Kilometer weit fliegen, bevor es keine Energie mehr hat. Nachdem es ein Ziel erfasst hat, beendet es seine Mission und explodiert, was ihm den Spitznamen „Kamikaze“ einbrachte. Sollte sich ein Ziel als falsch erweisen, kann die Drohne im letzten Moment gestoppt werden.

DiPalma sagte, das Unternehmen positioniere die „Switchblade“ als Alternative zum Panzerabwehrraketensystem „Javelin“, das von Raytheon und Lockheed entwickelt wurde und auch von der ukrainischen Armee eingesetzt wird.

Aerovironment erwirtschaftete in den zwölf Monaten bis zum 30. April einen Umsatz von 445,7 Mio. Dollar. Fast ein Fünftel entfiel auf die Abteilung für taktische Raketensysteme, die den „Switchblade“ herstellt.

Langfristige Aussichten: „so gut wie nie“

Die an der Nasdaq notierten Aktien des Unternehmens sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine um etwa 18 Prozent gestiegen. Mit 78,99 Dollar liegt der Aktienkurs aber immer noch unter dem Höchststand von 137,94 Dollar aus dem Februar 2021, als Cathie Wood für ihren Ark-Investmentfonds einen großen Anteil erwarb.

Das Unternehmen ist außerdem mit denselben Lieferkettenproblemen konfrontiert, die auch größere Rüstungskonzerne und andere produzierende Unternehmen Schwierigkeiten bereiten. Vor allem der Chipmangel macht der Industrie zu schaffen. Gleichzeitig muss sie mit hohen Arbeitskosten auf einem angespannten Arbeitsmarkt kämpfen.

Dank seines Erfolgs auf dem ukrainischen Schlachtfeld seien die „langfristigen Aussichten von Aerovironment jedoch so gut wie nie“, so DiPalma.

Nawabi, der in Afghanistan geboren und aufgewachsen ist, floh in den frühen 1980er-Jahren während der russischen Invasion aus dem Land. „Was für eine Ironie! Als Teenager verließ ich das Land und die Stinger-Rakete war der Wendepunkt“, sagt er und bezzieht sich dabei auf das von Raytheon entwickelte System. „Und jetzt arbeite ich in einem Unternehmen, das Dinge herstellt, mit denen der gleiche Feind in einem anderen Land und in einer anderen Zeit bekämpft wird.“

Mitarbeit: Roman Olearchyk in der Ukraine

Copyright The Financial Times Limited 2022


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