Kommentar Acht Trends und Risiken, die 2022 prägen werden

Omikron, Inflation, Ukraine-Konflikt – das neue Jahr hält einige Risiken bereit
Omikron, Inflation, Ukraine-Konflikt – das neue Jahr hält einige Risiken bereit
© SNA / IMAGO
2022 wird ein Jahr sein, in dem „vorhersehbare Unvorhersehbarkeit“ das Leben prägt. Das heißt: Alles ist drin. Diese acht Risiken und Trends werden die kommenden zwölf Monate besonders beeinflussen

Was bleibt vor diesem Weihnachten und Jahreswechsel zu sagen? Es ist nicht das Weihnachten, das uns vor einiger Zeit versprochen wurde, und nicht das Silvester, das wir uns vor einem Jahr erhofft haben. Nicht nur, weil die deutsche Pyrotechnikbranche gerade ums Überleben kämpft .

Alles ist gedämpfter, angespannter – wir gehen in dieses Fest der Ruhe und Einkehr mit Unruhe und Ungewissheit. Und wieder einmal mit einem Set dieser komplizierten Regeln, bei denen man sich immer fragt, wie sie wohl entstehen – und wer sie durchsetzen will.

Szenarien schweben über uns, Prognosen, Grafen, die zu steil aufragen. 2022 wird ein Jahr sein, in dem die „vorhersehbare Unvorhersehbarkeit“, wie der „Economist“ es treffend ausdrückte, das Leben prägt. Was auch heißt: Alles ist drin. Wir haben Impfstoffe, neue und angepasste. Wir sind nicht machtlos, nicht ratlos.

Hier sind acht Dinge – Risiken, Ereignisse und Trends –, die 2022 prägen werden:

#1 Alles auf Omikron

Schauen Sie auf die Zahlen in Dänemark oder Großbritannien, dann ahnen Sie, was uns erwartet. Das Toolkit der Pandemie, auch die ganz groben Werkzeuge, kommt leider wieder auf den Tisch. Das böse L-Wort fällt noch in der Verneinung, aber wir wissen ja: Ausschließen darf man nie etwas.

Wir müssen boostern, boostern, boostern, und vielleicht überzeugt der neue Totimpfstoff von Novavax die Unentschlossenen. Corona-Medikamente sind ein weiterer Baustein in der nächsten Phase, wenn die Pandemie endemisch wird. 2022 wird leider ein weiteres Corona-Jahr, Jahr III.

#2 Das Leuchten der Ampel

2022 soll es endlich richtig losgehen. Mit Windrädern, Wasserstoffprojekten, Stromleitungen und Windparks. Passt nicht ganz zu Omikron, der Plan steht trotzdem: Es soll Geld ausgegeben und alles schneller werden. Letzteres wird noch zwölf Monate dauern, bis die Planfeststellungsverfahren gesetzlich geboostert sind.

Aber: Die Ampel soll leuchten, nicht flackern. Das liegt in unser aller Interesse. Was können Sie tun? Sich an Weihnachten noch mal zu Hause umschauen: Heizung, Dach, Fenster. Was nicht passt, sollte passend gemacht werden, man kann ja schon mal etwas auf der Seite der KfW stöbern. Oder mal ein E-Auto konfigurieren.

#3 Die ewigen Schulden

Wir haben jetzt die Abschlussrechnung von 2020: Um 28 Billionen Dollar sind die Schulden weltweit gestiegen, hat der IWF vorgerechnet, auf 226 Billionen Dollar. „Im Jahr 2020 erlebten wir den größten Schuldenanstieg innerhalb eines Jahres seit dem Zweiten Weltkrieg“, schrieb der IWF. Deutschland war ganz vorne dabei, hatte sogar 240 Mrd. Euro für 2021 im Plan, und schob jetzt, unter Federführung eines geschmeidigen liberalen Finanzministers, mal eben 60 Mrd. Euro ungenutzte Mittel ins nächste Jahr.

Fürs Klima, für die große Transformation. Nicht gerade lehrbuchhaft, aber deswegen noch nicht falsch. Das Geld wird benötigt. Beim großen Bild sollte man bedenken, dass trotz der Schulden die Fiskalpolitik nicht noch expansiver wird, in den meisten Ländern passiert das Gegenteil, die Defizite werden sinken (zumindest laut Plan), relativ gesehen sogar stärker als nach der Finanzkrise, wie Bloomberg berechnet hat.

#4 China, die unruhige Supermacht

Das Jahr geht los mit Olympischen Spielen, die seit einigen Wochen für diplomatische Spannungen sorgen – die USA haben sich festgelegt, die EU eiert noch. So oder so aber wird China unsere Wirtschaft prägen, im Guten, wie im Bedrohlichen: Bisher fährt das Riesenreich eine No-Covid-Strategie, was die Lieferketten stört, wenn mal wieder ein Hafen abgesperrt wird.

Kann China das bei Omikron durchhalten? Bleiben die anderen Risiken: Evergrande, der Tech-Crackdown, Decoupling, Taiwan. Chinas Präsident Xi Jingping wird seinen Masterplan einer technologisch überlegenen und autonomen Supermacht mit aller Härte weiterverfolgen.

#5 Kalter Krieg, heißer Krieg?

Wir gehen mit dem Szenario eines möglichen Krieges an Europas Grenzen ins Neue Jahr. Russland könnte die Agenda einer ganzen Münchener Sicherheitskonferenz füllen, ja sprengen, so viel Geopolitik, „Brinkmanship“ und Drohkulisse erleben wir derzeit.

Mit allen Folgen für Gaspreise, Verteidigungspolitik und Sicherheit. Die Vorstellung, man könnte mit dem Zauberwort Swift alles lösen, indem man die russische Wirtschaft mal eben finanziell abklemmt, ist eine Illusion.

#6 Inflation – nichts als Gespenster?

Wir haben gelernt, dass die Inflation nur „vorübergehend“ ist. Wie vorübergehend, werden wir sehen, wenn das Jahr 2022 vorübergeht. In Europa haben wir eine Energiepreisinflation, die noch keinen Peak erreicht hat, die anderen Effekte (Mehrwertsteuer usw.) laufen 2022 aus.

Anders sieht es in den USA aus, dort ist „vorübergehend“ bereits vorüber, also rhetorisch – und die US-Notenbank steuert gegen. Der Notenbankstrom für das Geldsystem läuft aus, die Zinsen sollen steigen, gleich mehrmals. Klar ist: Gestörte Lieferketten samt Materialmangel machen Waren nicht billiger. Omikron verändert und verlängert das Spiel. Die Inflation wird niedriger als 2021, aber höher als in den Jahren zuvor.

Bedeutet für Sparer: Über eine lange Strecke negative Realzinsen. Für Anleger: Es wird ruckelig. Viele erwarten Korrekturen schon im ersten Quartal – was auch Chancen bietet.

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#7 Green Vibrations

In vielen Strategien der Unternehmen stehen inzwischen Wegmarken bis 2030 – und sogar bis 2050, wobei man auf die nicht zu viel geben sollte. Das ist alles sehr vage, und die Generation, die das durchsetzen muss, studiert gerade mit etwas Glück in St. Gallen. Jetzt geht es um 2030.

Das Thema wird noch enger in den Vorstand gezogen, es wird ernster: Wer 2022 keine Nachhaltigkeitsstrategie hat, hat überhaupt keine Strategie mehr. CO2-Reduktion steht nicht mehr nur auf Websiten und auf Powerpoints (okay, da steht sie auch noch), aber es wird konkreter, schmerzlicher, dringlicher, messbarer. Wenn man überlegt, wer überall auf Wasserstoff setzt und hofft, von ThyssenKrupp bis HeidelbergCement, müsste man noch mehr davon verstehen – und investieren.

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#8 Qualen nach Wahlen

Italien, gerade vom „Economist“ zum „Country of The Year“ gekürt, steht vor einer Präsidentenwahl, die die erstaunlich rationale Stabilität ins Wanken bringen könnte. Premierminister Mario Draghi, der Italien zu einem verlässlichen Spieler und sogar Vorbild (Impfkampagne) gemacht hat, könnte den Posten wechseln – was das fein austarierte Machtgefüge in Bewegung bringt.

Und für ein Comeback von Silvio Berlusconi sorgen könnte (Ja, er lebt noch.) Die Wahl in Frankreich im Mai ist noch spannender, hier kann es schmutzig werden, weil sich am rechten Rand ganz neue Gestalten in Stellung bringen. Überlebt Macron das? Möglich. Die dritte wichtige Wahl sind die Kongresswahlen in den USA, die das Comeback von Donald Trump einläuten könnten.

Der „Build Back Better“-Plan von Joe Biden wurde gerade von einem demokratischen Senator gekillt – noch nie hat ein Mann so viele Billionen bewegt (oder besser: dafür gesorgt, dass sie sich nicht bewegen.) Bidens Präsidentschaft, die seit dem Sommer schon lahmte, ist in einer tiefen Krise.

Klingt das für Sie nach keinem guten Jahr?

Diese Krisen und Risiken bedeuten nicht, dass alles schlecht ausgeht. Manche begleiten uns ja schon länger, und ich habe nicht mal alles aufgezählt – etwa das leidige Nordirland-Protokoll, das immer noch in der Schwebe ist. Es kann auch gut ausgehen, es können sich Spannungen lösen: Europa, USA und Russland könnten eine Art neuen KSZE-Prozess starten, was ja auch Putins Ziel ist: Er will wieder am Tisch sitzen, als Supermacht.

Biden könnte sein Paket doch noch bekommen und die Wahlen gehen besser für ihn aus als erwartet. Italien könnte stabil bleiben, Emmanuel Macron Präsident. Die Ampel könnte es schaffen, Deutschland aus dem Auenland-Dämmerschlaf rütteln. Omikron-Booster ab April könnten mit großen Impfkampagnen und neuen Medikamenten der Pandemie den Schrecken nehmen. China könnte die Weltwirtschaft wieder einmal überraschen.

Es ist zu früh ein Jahr abzuhaken, das nicht einmal begonnen hat. Machen Sie das Beste draus.

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