Konjunktur5 Fragen zur Inflation

Obst und Gemüse sind in diesem Jahr teurer geworden
Obst und Gemüse sind in diesem Jahr teurer geworden dpa

Capital: Was haben Verbraucher derzeit für die Preissteigerung in Deutschland zu erwarten?

KRISTIAN TÖDTMANN: Im August lag die Inflation bei 2,0 Prozent. Wir gehen davon aus, dass die Rate in den nächsten Monaten leicht abnehmen wird.

Was treibt die Inflation momentan am stärksten?

Vor allem Heizöl, Benzin und Diesel haben sich über die vergangenen zwölf Monate stark verteuert. Soweit der Ölpreis seinen vorläufigen Höhepunkt jetzt erreicht hat, wovon wir ausgehen, wird die Inflation in diesem Bereich aber schon bald schrittweise nachlassen. Auch die Preise von Obst und Gemüse haben in diesem Jahr ungewöhnlich stark zur Inflation beigetragen. Mögliche Auswirkungen des heißen und trockenen Sommers sind darin noch gar nicht enthalten, in den letzten Monaten hat sich die Teuerung hier sogar ein wenig abgeschwächt. Witterungsbedingte Ernteausfälle könnten den Preisauftrieb bei Lebensmitteln noch für einige Zeit auf hohem Niveau halten. Mit größeren Effekten rechnen wir jedoch nicht.


source: tradingeconomics.com

Wie sind die Aussichten für die Inflation denn auf längere Sicht?

Für die kommenden Jahre erwarten wir Inflationsraten in etwa auf dem aktuellen Niveau, vielleicht sogar geringfügig darüber. Nur sollte sich die Zusammensetzung ein wenig ändern. Die Beiträge von Energiegütern und Lebensmitteln sollten im Durchschnitt um einiges geringer ausfallen als derzeit. Dafür sollte bei den meisten anderen Gütern und Dienstleistungen der Preisauftrieb zunehmen. Ausschlaggebend hierfür sind eine hohe wirtschaftliche Auslastung und damit einhergehend vermutlich stärker steigende Löhne.

Wie beurteilen Sie die Geldpolitik der EZB im Hinblick auf die Inflationsentwicklung in Deutschland?

Die EZB strebt eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent für die Eurozone als Ganzes an. Gewisse Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsländern sind nicht nur unvermeidbar, sondern sogar erwünscht. Wenn in Ländern mit kräftigem Wachstum und hoher wirtschaftlicher Auslastung die Preise und Löhne stärker steigen, setzt dies Ausgleichsprozesse in Gang, die die Nachfrage im Euroraum gleichmäßiger verteilen. Für Deutschland bedeutet dies, dass die Inflationsrate in den nächsten Jahren leicht über dem Durchschnitt der Eurozone liegen sollte.

Mario Draghi tritt im kommenden Jahr als EZB-Präsident ab. Könnte sich unter einem Nachfolger die Preisentwicklung in Deutschland deutlich ändern?

Nein, auf die Inflationsrate in Deutschland sollte dies keinen allzu großen Einfluss haben. Das Inflationsziel als solches ist im EZB-Rat weitgehend unumstritten. Die einzelnen Mitglieder unterscheiden sich allenfalls darin, wie starke Maßnahmen sie ergreifen würden, um die Inflation in Richtung zwei Prozent zu treiben.

Aber diese Frage wird in den nächsten Jahren vermutlich nicht mehr so relevant sein. Die Inflation ist bereits auf einem guten Weg, sich mittelfristig auf Werten von knapp zwei Prozent zu stabilisieren. Die EZB hat dementsprechend damit begonnen, ihre außergewöhnlichen Maßnahmen zurückzufahren. Für Draghis Nachfolger (wer immer es sein wird), wird vermutlich gar kein so großer Spielraum bestehen, diesen geldpolitischen Ausstieg zu beschleunigen.