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Bezahlung von Fußballerinnen Warum „Equal Pay“ im Fußball nicht funktioniert

Alexandra Popp köpft im Halbfinale gegen Frankreich das 2:1
Alexandra Popp köpft im Halbfinale gegen Frankreich das 2:1
© IMAGO / Beautiful Sports
Gravierende Einkommensunterschiede sind im professionellen Sport nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Entscheidend ist die Zahlungsbereitschaft des Publikums

Dass sich der Bundeskanzler zu Gehaltsfragen einzelner Berufsgruppen äußert, passiert nicht alle Tage. Doch Olaf Scholz nahm die Euphorie um die Fußball-Europameisterschaft der Frauen zum Anlass, sich klar zu positionieren: Männer und Frauen sollten im Jahr 2022 gleich bezahlt werden – auch im Sport und insbesondere in Nationalmannschaften.

Die Debatte über geschlechtergerechte Bezahlung wird für die „reguläre“ Wirtschaft seit langem geführt. Getragen wird sie von einer Formel, auf die sich vernünftige Menschen schnell einigen können: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Das Fußball-Beispiel zeigt allerdings sehr deutlich, wo die Probleme in der Praxis liegen. Nicht alles, was gleich aussieht, ist auch gleich. Wenn wir über die Bezahlung von Fußballerinnen und Fußballern sprechen, ist klar, dass beide den gleichen Sport treiben – also die gleiche Arbeit machen. Dennoch verdienen Profi-Fußballerinnen deutlich weniger als Profi-Fußballer. Auch männliche Profifußballer verdienen nicht alle gleich viel. Erstligisten zahlen ihren Spielern im Durchschnitt deutlich höhere Gehälter als Zweitligisten. Top-Klubs können ihren Spielern durchschnittlich höhere Gehälter zahlen als dies Abstiegskandidaten oder die „grauen Mäuse“ aus dem Mittelfeld der Tabelle können. Und selbst innerhalb der Mannschaften gibt es ein Gehaltsgefälle, je nach Position oder individueller Klasse, vom sprichwörtlichen Wasserträger bis zum Superstar.

Man braucht kein Ökonom zu sein, um zu erkennen, worauf das alles hinausläuft: Die Einkommen der Spieler hängen offenkundig von der Einnahmesituation ihrer Klubs ab. Und innerhalb der Mannschaft verdienen die Spieler oder Spielerinnen am meisten, die den größten Beitrag zum sportlichen und damit zum wirtschaftlichen Erfolg des Klubs leisten (oder die bei den Gehaltsverhandlungen besonders geschickt waren).

Fußballklubs erzielen ihre Erträge im Wesentlichen aus dem Verkauf von Fernsehrechten, Stadiontickets, Merchandising-Artikeln und aus dem Sponsoring. Hinzu kommen gegebenenfalls Überschüsse aus Transfergeschäften und Investorengelder. Die Höhe der Erträge hängt wiederum maßgeblich von der Nachfrage auf dem jeweiligen Absatzmarkt ab. Und hier zeigt sich sehr schnell, dass die Nachfrage nach Männer-Fußball noch immer deutlich höher ist als nach Frauen-Fußball. In der Frauen-Bundesliga hatte in der Saison 2021/22 Eintracht Frankfurt mit 1.576 Zuschauen den höchsten Zuschauerschnitt. In der Männer-Bundesliga war Borussia Dortmund mit im Schnitt 41.800 Zuschauern Spitzenreiter der Zuschauertabelle. Die absolute Differenz ist tendenziell noch größer, wenn man bedenkt, dass die Zahlen der Saison 2021/22 aufgrund der Pandemie verzerrt sind. In den Jahren vor der Pandemie waren im Schnitt rund 80.000 Zuschauer bei den Heimspielen von Borussia Dortmund.

Ebenso gewaltig sind die Unterschiede bei den übrigen Ertragskategorien. Auf Ebene der privaten Klubs, die als Fußballunternehmen an betriebswirtschaftliche Gegebenheiten und vor allem die Existenzsicherung gebunden sind, ist es nicht möglich, den Fußballspielerinnen genauso hohe Gehälter zu zahlen, wie ihren männlichen Kollegen, denn dafür reichen die mit dem Frauenfußball erzielten Erträge nicht einmal ansatzweise. Auch auf dem Kapitalmarkt scheint die Erwartung finanzstarker Investoren an die Rendite auf dem Markt für Frauenfußball nicht besonders groß zu sein, sodass die Beschaffung weiteren Eigenkapitals für die Klubs der Frauen-Bundesliga zum Ausgleich von Verlusten eingeschränkt ist.

Etwas anders sieht es auf der Ebene der Nationalteams aus. Für die Europameisterschaften schüttet die UEFA erfolgsabhängige Prämien an den DFB aus. Auch hier sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen gewaltig. Wären die DFB-Männer letztes Jahr Europameister geworden, hätte der DFB 28,25 Millionen Euro von der UEFA erhalten. Für den Titelgewinn hätte jeder Spieler die Rekordprämie von 400.000 Euro bekommen sollen. Sollten die DFB-Frauen am Sonntag den EM-Titel holen, würde der DFB von der UEFA eine Gesamtprämie von 2,085 Millionen Euro erhalten. Im Erfolgsfall bekäme jede Spielerin 60.000 Euro Prämie.

Um hier eine stärkere Angleichung der Prämien zu erreichen, könnte der DFB die Prämien der Frauen stärker quersubventionieren, denn – und das ist ein Unterschied zum privaten Klubfußball – insgesamt wäre genug Geld da. Somit ist es eine Frage der Verteilung. Ob die DFB-Männer mit einer Quersubventionierung einverstanden wären oder ob sie ihre immer noch deutlich höhere Popularität am Verhandlungstisch in die Waagschale werfen würden, ist eine andere Sache – am Ende ist dies eine Entscheidung der Mitglieder, die auf normativer Basis getroffen wird.

So emotional die Debatte im Bereich des Fußballs mit Blick auf den Unterschied zwischen Frauen und Männern aktuell geführt wird, so nüchtern muss man konstatieren: Gravierende Einkommensunterschiede sind im professionellen Sport nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sportler, die populäre Sportarten mit großen Absatzmärkten ausüben, verdienen ein Vielfaches von Sportlern, deren Sportart beim Publikum weniger nachgefragt ist und für die das Publikum keine hohe Zahlungsbereitschaft hat. Tischtennisspieler können sich finanziell nicht mit Tennisspielern messen, auch wenn sie genauso viel trainieren und in ihrer Sportart genauso erfolgreich sind.

So unfair es für manch einen klingen mag, aber finanziell honoriert wird – im Sport und im richtigen Leben – meist nicht der Input, sondern der Output. Und der Output bemisst sich am Publikumsinteresse und an der Zahlungsbereitschaft des Publikums. Dabei spielen auch kulturelle Aspekte eine Rolle. Ein Sumo-Ringer hat hierzulande einen anderen gesellschaftlichen Status als in Japan. Footballspieler in der NFL – dies gilt ebenso für die Sportarten Eishockey, Baseball und Basketball – verdienen deutlich mehr als Spieler in Deutschland.

Unterschiede könnten abschmelzen

Die Einkommensunterschiede zwischen weiblichen und männlichen Fußballern sind also ökonomisch gut erklärbar. Sie sind weniger ein Anzeichen von Geschlechterdiskriminierung als vielmehr Ausdruck der unterschiedlichen Popularität.

Die Einkommensunterschiede könnten in Zukunft aber spürbar abschmelzen. Die im Vergleich zur letzten Frauen-EM kräftig gestiegenen TV-Einschaltquoten signalisieren bereits eine deutlich gestiegene Popularität. Damit steigt das Ertragspotential, wodurch das betriebswirtschaftliche Fundament für höhere Einkommen geschaffen wird. Auch wenn es noch etwas utopisch klingen mag, aber längerfristig könnten die Fußballerinnen finanziell zu ihren männlichen Kollegen aufschließen, selbst wenn es aufgrund der physischen Gegebenheiten immer sportliche Unterschiede geben wird. Denn letztlich zählt nicht die sportliche Überlegenheit, sondern die Popularität beim Publikum. Und wenn die DFB-Frauen so weitermachen und mit frischem, leidenschaftlichem und sympathischem Auftreten die Herzen der Fans erobern, warum sollen sie ihren männlichen Kollegen nicht irgendwann den Rang ablaufen?

Ass.-Prof. Dr. Florian Follert ist Assistant Professor für Unternehmensrechnung und Sportökonomik an der Fakultät für Management der Privatuniversität Schloss Seeburg in Seekirchen am Wallersee, Österreich. Er ist Autor einer Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen im Bereich der ökonomischen Analyse des Sports. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit Fragen der Wert- und Preisfindung im Profifußball. Dr. Jörn Quitzau ist Leiter Wirtschaftstrends beim Bankhaus Berenberg.

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