GastronomieKochen für Helden: „Wir wollten das Essen unter die Leute bringen“

Tulus Lotrek: Ilona Scholl und Maximilian Strohe kochen jetzt für Heldendpa

Ihr habt die Initiative „Kochen für Helden“ gestartet – wie kam die Idee?

Das Ganze hat als absolut hemdärmelige Aktionn begonnen. Das Riesenprojekt, zu dem es gerade wird, hatten wir so nicht geplant. Wir haben schon ein paar Tage, bevor es die offizielle Verordnung gab, unser Restaurant geschlossen, weil wir es nicht mehr übers Herz gebracht haben, die Zahlen zu ignorieren. Ich will keinem anderen Gastronomen oder Einzelhändler, der das nicht gemacht hat, den Schwarzen Peter zuschieben. Die Lage war aber einfach so ungewiss und man hat eine gewisse Personalverantwortung, natürlich auch eine wirtschaftliche. Ich verstehe also jeden, der noch, so lange es ging, geöffnet hatte. Bei uns sitzen die Leute auf relativ engem Raum, dabei haben wir uns einfach nicht mehr wohlgefühlt. In den nächsten zwei Tagen haben wir dann Kurzarbeit beantragt und Liquiditätshilfeformulare durchgeackert.

Aber untätig rumhängen ist weder Max‘, noch mein Ding. Als Max sich dann erinnerte, dass wir noch einen ganzen Rinderrücken im Kühlschrank haben, war klar: Das ist qualitativ hochwertiges Fleisch, das können wir unmöglich wegschmeißen. Nachdem jeder vom Personal sich etwas eingepackt hatte, hat Max angefangen zu kochen und ich habe rumtelefoniert. Fest stand, dass wir das Essen unter die Leute bringen wollten. Die Versorgung derer, die gerade teilweise ihr Leben für die Allgemeinheit riskieren und pausenlos arbeiten, lag einfach nahe. Unsere ersten Portionen gingen dann vor allem an Gemeinschaftspraxen und Krankenhäuser. Letztere schließen gerade vielerorts ihre Kantinen. Dass irgendwer in der Kantine das Virus verteilt, das dann auf den Stationen landet, kann man sich schließlich wirklich nicht leisten. Das heißt aber, das ohnehin überlastete Personal muss sich an diesen Standorten jetzt selbst versorgen. Unsere Lieferungen sind natürlich nur eine kleine Geste der Dankbarkeit, aber die Reaktionen darauf waren überwältigend. Wir haben also bemerkt, dass definitiv ein Bedarf vorhanden war.

Großhändler sponsern Lebensmittel

Woher bezieht Ihr Eure Lebensmittel und Ressourcen?

Wir mussten an die Großhändler denken, die jetzt kiloweise Lebensmittel rumliegen haben, die verderblich sind und verwertet werden müssen. Also haben wir einen unserer langjährigsten Partner angefragt. Innerhalb von zwölf Stunden hatten wir eine Lieferung von etwa 300 Kilo Frischwaren zusammen, vor allem Fleisch und Fisch bester Qualität. Das haben uns die Großhändler alles gesponsort. Daraus ist unser System entstanden, wir werden jetzt täglich beliefert. Die Fahrer sind eh auf den Straßen unterwegs, denn einige Institutionen müssen natürlich weiterhin mit Lebensmitteln beliefert werden.

Für wie viele Menschen kocht ihr nun täglich?

Mittlerweile gehen bei uns jeden Tag 800 Portionen raus. Allein in Berlin haben sich aber schon über zehn Restaurants uns angeschlossen, die jetzt täglich nach demselben Prinzip kochen und ausliefern.

Wie hat sich die Aktion so schnell verbreitet?

Am dritten Tag haben wir einen Facebook-Aufruf gestartet, ganz simpel: „Liebe Zulieferer, wenn ihr noch etwas für uns habt – wir würden gern weitermachen, meldet euch!“ Max hat den Aufruf auch noch über Instagram verbreitet, wo er eine gewisse Reichweite hat. Auch der Name „Kochen für Helden“ entstand dabei spontan.

Über Nacht wurde unser Facebook-Aufruf über 300 Mal geteilt, so eine Resonanz haben wir nicht mal bekommen, als wir den Stern bekamen! Tim Mälzer hat das Ganze dann auch in Hamburg eingeführt und nochmal die Reichweite gesteigert. Das ist super, es sollen so viele Leute wie möglich mitmachen – solange sich alle an gewisse Standards halten: personalarm arbeiten, kontaktlos ausliefern, besondere Hygienestandards – wobei letztere ja selbstverständlich sind.

Wir haben aber auch schnell gemerkt, dass die Initiative potenziell missbraucht werden könnte und deshalb versucht, wieder ein wenig Kontrolle zu gewinnen. Niemand, der bei Kochen für Helden mitmacht – das sind deutschlandweit schon etwa 70 Restaurants – soll kommerziell Profit daraus schlagen. Uns war unwohl dabei, dass irgendwer die Aktion verwässern und den eigentlichen Zweck, nämlich Menschen in Funktionsberufen etwas Gutes tun, aus den Augen verlieren könnte.

Gab es solche Absichten?

Im Endeffekt waren es nur eine kleine Handvoll Leute. Bei deren Anfragen mussten wir uns aber fragen, wo der Sinn der geplanten Aktionen liegt und ob da nicht jemand einfach gerade werbewirksam sein Restaurant vermarkten will. Wenn sich etwa jemand mit Foodtruck auf einen Marktplatz stellen und kostenlose Burger verteilen will, würde das schließlich zu Menschentrauben führen. Genau das gilt es aber zu vermeiden. Deshalb: Nutzen soll das Logo und die Bezeichnung nur, wer nicht-kommerziell mitmacht und sich an die Regeln hält.

Generell überkommt uns gerade eine Welle der Solidarität, die ich so noch nie erlebt habe. Wir lernen hier gerade auch sehr viel. Als es richtig ins Rollen kam habe ich gemerkt: Das geht jetzt nicht mehr alles auf Zuruf, wir brauchen plötzlich interaktive Listen und lauter Zeug, mit dem wir uns zuvor nie beschäftigt haben. Der Gastronomie kann man vor allem ja zuschreiben, dass hier sehr belastbare Menschen arbeiten. Die sind leistungsbereit. Auch, wenn das gerade also viel Zeit kostet und wir mal zwei, drei Nächte durcharbeiten müssen, machen das einfach alle mit.

Ein großes Stück Improvisation

Was für Gerichte bekommen die Helden denn von euch?

Wir bekommen große Mengen Gemüse, aus denen wir vorrangig Suppen und Eintöpfe kochen, sowohl mit Fleisch als auch vegetarisch. Dabei legen wir Wert darauf, dass die Gerichte nahrhaft, sättigend und gesund sind. Wir wissen immer erst bei Ankunft der Ware, mit was für Lebensmitteln wir es diesmal zu tun haben. Also gehört auch immer ein großes Stück Improvisation dazu! Sehr anders, als wir normalerweise arbeiten.

Wie ist das finanziell machbar? Leidet nicht auch das Tulus Lotrek unter der verordneten Schließung? Die meisten Gastronomen sagen, sie können sich nicht länger als ein paar Wochen ohne Gäste halten.

Da geht es uns genauso, natürlich werden gerade unsere gesamten Rücklagen gefressen. Ich würde sagen, zwei Monate sind gut machbar, danach müssten wir uns wirklich etwas überlegen. In unseren Krisenmeetings haben wir schon überlegt, ob wir die Aktion gerade wirklich stemmen können oder nicht doch lieber einen Take-Away-Service starten sollten. So wären zumindest ein paar Einnahmen da. Das wollten wir aber nicht; lieber schnallen wir den Gürtel jetzt enger und konzentrieren uns voll auf Kochen für Helden. Und natürlich hoffen wir, dass uns in ein paar Wochen oder Monaten ganz viele Leute besuchen kommen und uns wieder anschieben.

Die Möglichkeit zur Kurzarbeit und die bereitgestellten Fördermittel helfen auch enorm. Die IBB-Fördermittel haben wir drei Tage nach Antragsstellung überwiesen bekommen. Das ist wirklich großartig. Wenn wir erst im Juli oder August wieder öffnen dürften, würden wir das ohne Kredit trotzdem nicht schaffen. Und der müsste auch erstmal bewilligt werden. Jetzt gerade liegt unser Blick aber eher darauf, was andere Leute gerade leisten. Das macht demütig. Plötzlich kommt es einem nicht mehr vor wie die größte Katastrophe der Welt, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht. Natürlich wäre es schlimm, könnten wir uns nicht halten – aber wir hätten es wenigstens nicht selbst vergeigt.