Zeitfragen"Eine mechanische Uhr ist ein emotionales Produkt"

Rolf Studer, Co-CEO der Uhrenmarke OrisOris

Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Bei vielen Dingen wünschte ich mir, ich könnte mehr in die Tiefe gehen, mehr Zeit damit verbringen. Für uns alle hat der Tag 24 Stunden, und somit stehen wir alle vor der gleichen Herausforderung. Jeder muss für sich selbst die Prioritäten richtig setzen.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Mit meiner Familie in den nahen Bergen wandern, die Natur geniessen und ein Feuer machen – meine Vorstellung von Glück! Wir machen das oft, sollten es aber noch häufiger tun – siehe vorhergehende Frage.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

… in welch faszinierender Zeit wir leben. Und, dass sich nichts verändert hat, was wirklich wichtig ist. So wie sich die Zeit zu nehmen für die Menschen um einen herum, für Ehrlichkeit und Authentizität. Alles Werte, die wir in unserem unabhängigen, inhabergeführten Unternehmen immer noch leben können.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen?

Ich würde gerne einige Tage mit Odysseus segeln. Oder René Descartes treffen.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Schon heute braucht man keine mechanische Uhr mehr, nur um die Zeit abzulesen. Die Digitalisierung wird weitergehen – und gerade darum wird die mechanische Uhr ihre Relevanz behalten, und, so glaube ich, noch verstärken. Weil wir Menschen uns in der digitalisierten Welt nach Dingen sehnen, die handwerklich gemacht sind, die etwas tun, das nachvollziehbar ist, und die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Eine mechanische Uhr ist ein emotionales Produkt, und Gefühle werden im Jahr 2100 genau so wichtig sein wie heute.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, Digital oder Smart?

Mechanik in jeder Form! Jeden Tag bin ich aufs Neue fasziniert von diesen Wunderwerken der Feinmechanik, die präzise die Zeit anzeigen.

Welchen Tag werden Sie nie vergessen?

Die Geburtstage meiner Kinder, den Tag, an dem ich meine Frau traf – und meinen Start bei Oris vor über zehn Jahren, der mit der Uhrenmesse Baselworld zusammenfiel.

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Am liebsten hätte ich die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten. Leider oder zum Glück geht das nicht, und deshalb nehme ich mit einer Kombination aus Wecker, mehreren Zeitzonen und ewigem Kalender vorlieb. Mechanisch, natürlich.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug 

„Die Geschichte der Schönheit“ von Umberto Eco. Die Handlung hat nicht direkt mit Uhren zu tun, dafür aber mit Zeit, Schönheit, Handwerk und Kunst. Also doch mit Uhren!

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

„A Clockwork Orange“, der drastisch zeigt, dass Menschen unbedingt Menschen bleiben müssen. Es reicht, dass Uhren mechanisch sind.

Die größte Herausforderung …

… für einen Uhrmachermeister heute?

Die hat sich eigentlich nicht wirklich verändert. Er testet weiter die Grenzen der Mechanik aus, will Uhren noch präziser und verlässlicher machen. Aber er muss auch gute Mechanik zu einem Preis anbieten, der für die Kunden nachvollziehbar und erschwinglich ist. Dass Oris sich hier stets treu blieb und bleibt, hat großen Anteil an unserem Erfolg der letzten Jahre.

… für die Uhrenbranche insgesamt?

Das Stichwort muss hier „Omni Channel“ lauten, also dem Kunden ein einheitliches Erlebnis über alle Möglichkeiten der Kommunikation mit der Marke anzubieten.

… in Ihrem derzeitigen Job?

Mit Oris für den Kunden relevant zu bleiben und gleichzeitig unsere Werte zu bewahren. Ich freue mich auf die Zukunft.