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Reise „Afrika ist das perfekte Trainingscamp für das Chaos des Lebens“

Für Urlauber, die das Besondere suchen, organisiert andBeyond-CEO Joss Kent luxuriöse Safaris und andere individuelle Erlebnisse.
Für Urlauber, die das Besondere suchen, organisiert andBeyond-CEO Joss Kent luxuriöse Safaris und andere individuelle Erlebnisse.
© PR
Joss Kent organisiert seit 30 Jahren Safaris für Alphatiere aus Wirtschaft, Politik und Entertainment. Hier erzählt er, welche Trips hoch im Kurs stehen und was er mit Bill Gates erlebte

Keine Frage, für die Reisebranche waren die vergangenen zwei Jahre eine ganz harte Prüfung. Von immer neuen Regularien über den kompletten Lockdown bis zur eher zögerlichen Rückkehr der ersten Urlauber. Das bestätigt auch der Safari-Veranstalter Joss Kent, der das Unternehmen andBeyond führt, im Gespräch mit Capital. Statt individuelle Wildnistouren für Topmanager und vermögende Familien zu organisieren, sahen sich Kent und Kollegen ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Beispielsweise trotz stornierter Buchungen den Lebensunterhalt ihrer Mitarbeiter zu sichern, eine spektakuläre Nashornumsiedelung inmitten der Pandemie durchzuführen und ganz nebenbei nie den Cashflow aus den Augen zu verlieren.

Als ein persönliches Fazit dieser anstrengenden Zeit sagt Kent im Interview: „Es gibt da diesen Spruch: Profit und Sinn liefern sich in einer dunklen Gasse einen Messerkampf – wer gewinnt? Und ich bin stolz, dass auch in einer wirklich schwierigen Phase der Zweck unseres Tuns daraus als Sieger hervorgegangen ist.“

Capital: Joss Kent, wie haben Sie als Anbieter von Reiseabenteuern die vergangenen zwei Jahre erlebt?

JOSS KENT: Es war extrem brutal. Zeitweilig sind uns 90 Prozent des Umsatzes weggebrochen. Im Tourismus sitzen wir einfach immer ganz vorn in der Achterbahn, wenn es abwärts geht. Das war bei 9/11 so, beim Golfkrieg, in der Finanzkrise und nun bei Covid-19. Wobei die Pandemie alle bisherigen Krisen in den Schatten stellt, besonders für uns.

Warum das?

Weil wir nicht bloß Veranstalter sind. Uns gehören die 3,9 Millionen Hektar Land, auf denen unsere vielen Lodges in Afrika stehen, wir sind stark in die lokalen Naturschutzbemühungen involviert und den Dorfgemeinden gegenüber verantwortlich. Vom Lohn eines unserer Mitarbeiter hängen oft bis zu acht weitere Personen ab. Wenn wir ihnen dieses Geld nehmen, sind sie gezwungen, sich Alternativen wie die Wilderei zu suchen. Sie verstehen sicher, dass da ein Zoom-Call, in dem andere CEOs mal eben 500 Mitarbeiter feuern, bei uns allein moralisch nicht zur Debatte steht.

Wie haben Sie dennoch gegensteuern können?

Mein Managementteam und ich zeichnen seit dem Frühjahr 2020 jede Ausgabe vor dem Begleichen persönlich ab. Dafür sichten wir einmal pro Woche zu dritt rund 3000 Einzelpositionen. Ein äußerst erhellendes Ritual, das ich jedem Unternehmer nur empfehlen kann.

Die Tiere haben Sie beim Controlling nicht vernachlässigt, oder?

Nein, wir haben weiterhin alle Patrouillen in den Reservaten besetzt und kürzlich sogar die größte Umsiedelung von Nashörnern mitorganisiert, die es je gegeben hat. Rund 30 Exemplare wurden nach Ruanda verfrachtet, um die dortige Population wieder anzukurbeln, die kurz vor dem Aussterben stand. Außerdem waren wir zeitweise die wichtigste Hilfsorganisation vor Ort und haben Lebensmittel verteilt, Masken, Schutzanzüge, frisches Wasser und vieles mehr.

Wo haben Sie Rat gesucht – und gefunden?

In einem kleinen schwarzen Notizbuch, das immer auf meinem Schreibtisch liegt. Dort habe ich während jeder Krise der letzten drei Jahrzehnte akribisch aufgeschrieben, welche Probleme es gab und wie wir sie gelöst haben. Wie Narben, über die man mit dem Finger streicht und sich daran erinnert, welche Lehren in ihnen stecken.

Teilen Sie ein Corona-„Learning“ mit uns.

Unter den Top 5 der Prioritätenliste belegt die Sicherung der Liquidität schon mal die Plätze 1 bis 4. Die meisten Touristikunternehmen finanzieren ihren laufenden Betrieb nämlich mit den Zahlungen jetziger Kunden und besitzen keinerlei Reserven. Das ist ziemlich ungesund, besonders bei unerwarteten Katastrophen. Ich habe mir schon früh zur Devise gemacht, für jeden Dollar unserer Gäste zwischen 1,50 und 2 Dollar an eigenen Mitteln zurückzulegen. Dank dieses Polsters konnten wir ohne blinden Aktionismus reagieren.

Sehen Sie auch positive Effekte in dieser besonderen Zeit?

Es ist vielen Menschen deutlich bewusster geworden, wie zerbrechlich unser Leben und der Planet sind, auf dem wir es verbringen. Deshalb stellen sie an Marken und Dienstleister höhere Anforderungen, was Nachhaltigkeit, soziale Fairness und Transparenz betrifft. Das spielt unserem Tourismusansatz natürlich in die Karten.

Auf Tuchfühlung mit der atemberaubenden Natur gehen die Gäste in den luxuriösen Bungalow-Suiten der Grumeti Serengeti River Lodge.
Auf Tuchfühlung mit der atemberaubenden Natur gehen die Gäste in den luxuriösen Bungalow-Suiten der Grumeti Serengeti River Lodge.
© PR

Was wünschen sich Ihre Urlauber gerade am meisten?

Ihre Flitterwochen nachzuholen, die manche Paare bereits seit 2020 vor sich her schieben. Vor allem unsere Inseln vor Sansibar und Mosambik sind dafür sehr beliebt. Auch Multi-Generationen-Reisen werden oft angefragt, weil viele die Ferien nutzen, um im Lockdown ausgebliebene Kontakte mit der ganzen Familie nachzuholen.

Aber vermutlich weiterhin lieber auf Abstand, oder?

Je abgeschiedener eine Destination ist, desto besser. Überhaupt buchen viele Gäste gerade unsere einfachsten und einsamsten Angebote wie etwa die Übernachtung im Leinwandzelt in der Serengeti – ohne Klimaanlage, dafür mit offenem Feuer und Eimerdusche.

Was beobachten Sie noch?

Ein Revival des slow travelling. In atemlosen 14 Tagen eine Safari in Afrika zu machen und dann weiter nach Peru, Chile und Ecuador zu jetten – diesen Stress will sich kaum jemand mehr antun. Stattdessen laufen unsere recht neuen Freiwilligenprogramme in den Reservaten sehr gut, wo Gäste bis zu drei Monate in simplen Unterkünften mit den Wildhütern deren Alltag teilen. Passiver Luxusurlaub am Pool, so scheint es, ist gerade eher out.

Sie selbst sind ausgebildeter Guide. Wie kam es dazu?

Als ich nach fünf Jahren beim Militär zurück nach Afrika kam und ins Business meiner Eltern einstieg, sagten sie zu mir: Du machst erst mal eine Ausbildung als Guide, das sind nämlich die wichtigsten Menschen in unserem Betrieb.

Inwiefern?

Weil sie für die Dauer der jeweiligen Tour rund 18 Stunden pro Tag mit den Urlaubern verbringen und damit quasi zu Familienmitgliedern auf Zeit werden. An ihre Safari-Begleiter erinnern sich die Gäste auch noch Jahre später, wenn die Bilder der L wen, Zebras, Nashörner und Giraffen im Gedächtnis längst verblasst sind. 

Wenn Sie abends am Lagerfeuer eine Anekdote erzählen sollten, welche wäre es?

Im Jahr 1994, ich war 23 Jahre jung, durfte ich Bill und Melinda Gates sowie 15 ihrer Freunde einen Monat lang in einem Wasserflugzeug durch Ostafrika begleiten. Sie hatten sich „Der Ursprung der Menschheit“ als Thema gewünscht, wollten besser verstehen, was uns alle mit Vormenschen wie der berühmten Lucy und Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas verbindet. Wir hatten Experten vom Human Genome Project dabei – und Donald Johanson, der Lucy 1974 in Äthiopien entdeckt hat.

Klingt nach einem geradezu symbolhaften Trip.

Einen Moment werde ich nie vergessen: Wir landeten auf dem Kiwusee im damaligen Zaire und machten uns im Nationalpark Kahuzi-Biega an den Aufstieg zu den Berggorillas. Unterwegs saß ich bei einer kurzen Rast mit Bill Gates auf einem Baumstamm, als vor ihm plötzlich ein Silberrücken- Gorilla auftauchte und ihn ruhig betrachtete, minutenlang. Hier dieser mächtige Menschenaffe, da der Mann, der schon damals die Macht des Internets, von Social Media und die Verheißungen künstlicher Intelligenz voraussah. Das Foto dieses unerwarteten Gipfeltreffens steht heute auf meinem Schreibtisch. 

Die Architektur der frisch renovierten Grumeti Serengeti River Lodge von andBeyond schafft fließende Übergange zwischen Lounge und Wildnis.
Die Architektur der frisch renovierten Grumeti Serengeti River Lodge von andBeyond schafft fließende Übergange zwischen Lounge und Wildnis.
© PR

Worin besteht für Sie die ewige Magie von Afrika?

Das sind die unzähligen Gerüche und Farben, die wir aus unseren modernen Großstädten fast vollständig verbannt haben. Sobald sich die Flugzeugtür öffnet – egal ob in Nairobi oder auf der sandigen Piste eines Reservates – berauschen sie alle Sinne. Dazu die einzigartige Geräuschkulisse aus Gewitterdonner, dem Plätschern der Flüsse, den Rufen der Tiere. Und dann die bescheidenen Menschen und ihr herrlich schräger Humor …

Was können wir von Afrika lernen?

Afrika ist das perfekte Trainingscamp, um mit dem Chaos des Lebens besser zurechtzukommen. Ohne Stützräder und den Kontrollzwang, wie wir es in Europa gewöhnt sind. Afrika ruft dir zu: Sei dein eigener Herr und triff vernünftige Entscheidungen, denn nicht jede unvorhergesehene Situation wird glimpflich ausgehen.

Klingt aber auch gefährlich.

Ich finde diese Einstellung wunderbar befreiend, weil sie mehr Raum für neue Erfahrungen schafft. Meine Mutter hat mich früher morgens mit den Worten „Sei vor Sonnenuntergang wieder zu Hause“ verabschiedet und ich war in der Wildnis um uns herum ganz auf mich gestellt. Wenn sich heute ein Kind beim Spielen mal ein Knie aufschürft, gibt es gleich eine Lehrer-Eltern-Konferenz.

Letzte Frage: Als welches Tier würden Sie gern wiedergeboren werden?

Kann ich auch zwei nennen?

Warum nicht.

Das erste wäre der Weißkopfseeadler, das sind einfach wunderschöne Vögel. Außerdem liebe ich das Fliegen: Ich habe einen Pilotenschein und mache gerade die Lizenz für Helikopter. Meine zweite Wahl wäre der Delfin, denn das Meer fasziniert mich ebenso. Und wer mag schließlich keine Delfine?! Beeindruckend finde ich auch den ausgeprägten Familiensinn der Hyänen, die zu Unrecht einen zweifelhaften Ruf genießen. Als Hyäne wiedergeboren zu werden, das möchte ich dann aber doch nicht.


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