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Zufall als Erfolgsfaktor? Dieser Ökonom erklärt, wie Sie Zufälle für Ihre Karriere nutzen können

Christian Busch
Ökonom und Autor Christian Busch
© Justine Stoddart
Ein erfolgreicher Lebenslauf wirkt im Nachhinein meistens logisch. Dabei spielt der Zufall eine entscheidende Rolle. Experte Christian Busch erklärt, wie man ihn beeinflussen kann

Christian Busch leitet das CGA Global Economy Program an der New York University und lehrt an der London School of Economics (LSE). Am 28. Februar erscheint im Murmann Verlag sein Buch „Erfolgsfaktor Zufall“, das international bereits unter dem Titel „The Serendipity Mindset“ erfolgreich war.

CAPITAL: Herr Busch, Ihr Buch heißt „Erfolgsfaktor Zufall“. Wollen Sie damit sagen, dass Erfolg von Zufällen abhängt?
CHRISTIAN BUSCH: Sagen wir es so: Man kann daran arbeiten, mehr positive Zufälle zu haben, die Erfolg bringen. Eigentlich denkt man ja, ein Erfolg ist entweder Zufall oder harte Arbeit. Aber die Idee ist, sich möglichst gut auf das Unerwartete vorzubereiten.

Wie kann ich mich denn auf das Unerwartete vorbereiten?
Einer meiner Lieblingswege ist die Haken-Strategie. Hier geht es darum Punkte zu setzen, mit denen sich andere Leute zufällig verknüpfen können. Wenn zum Beispiel jemand fragt, was ich beruflich mache, würde ich mehr sagen als nur das. Sie könnten erzählen, dass Sie sich gerade mit Philosophie oder dem Metaverse beschäftigen und gerne Klavier spielen. Dann könnte es passieren, dass jemand jemanden kennt, sie den Kontakt bekommen und sich neue Möglichkeiten ergeben. Gerade für Jobsuchende ist das eine gute Strategie.

Das klingt, als müsste ich in jeder Situation aufmerksam sein, um nicht möglicherweise eine Chance zu verpassen.
Das Spannende ist, dass einige Leute das intuitiv machen. Man kann es sich aber eben auch antrainieren. Immer wenn Sie mit jemandem sprechen, können Sie überlegen, ob Sie nicht eine Person oder Idee ins Gespräch einbringen können, die zum Gegenüber passt. Das Gehirn gewöhnt sich irgendwann daran, diese Verknüpfung zu sehen und man muss gar nicht mehr aktiv nachdenken.

Der zentrale Begriff in Ihrer Forschung dafür ist Serendipität. Wie unterscheidet sie sich vom Zufall?
Es gibt einmal das „passive Glück“, also „bloße“ Zufälle. Dazu zählt beispielsweise die Geburtslotterie, wo einige einfach mehr Glück haben als andere. Da kommt viel soziale Ungleichheit her. Und dann gibt es Serendipität, eine Art Kombination zwischen Zufall und menschlichem Handeln. Auch hier passiert etwas Unerwartetes, aber dann kommt es darauf an, was wir damit machen.

Haben Sie ein Beispiel?
Stellen Sie sich vor, Sie verschütten im Café versehentlich ihr Getränk über die Person neben Ihnen. Die Person wirkt irgendwie interessant. Jetzt können Sie sich entschuldigen, gehen und darüber nachdenken, was hätte passieren können. Oder Sie beginnen ein Gespräch und die Person wird vielleicht Ihre Mitgründerin oder Projektpartnerin. Das wäre dann „aktives Glück“.

Aber woher weiß ich, ob ich einfach nur mein Getränk verschüttet habe oder ob gerade eine Karrierechance vor mir liegt?
Oftmals geht es darum, sich klar darüber zu werden, was einem wichtig ist. Arbeiten Sie gerne mit Menschen zusammen, gehen Sie gerne ins Büro oder nicht? Je mehr Sie das tun, desto mehr schärft das die Filter. Wenn die Person im Café etwas erzählt, das nicht zu Ihren Vorstellungen passt, brauchen Sie die Punkte nicht zu verknüpfen. Interessant ist hier, dass andere oft besser erkennen, was zu uns passt. Wenn wir also klar kommunizieren, was wir wollen oder suchen, können auch andere Zufälle für uns kreieren.

Wie meinen Sie das?
Vielleicht haben Sie ein Job-Angebot aus dem Tech-Bereich kommen, wollen es aber eigentlich nicht annehmen, weil sie dort noch nie gearbeitet haben. Ihre beste Freundin erkennt aber, dass Sie genau die Fähigkeiten haben, die bei dem Job gefragt sind, z.B. Projektmanagement oder Relationship-Building, auch wenn der Bereich neu ist.

Hängt Serendipität denn mehr von äußeren Faktoren oder von der Einstellung ab?
Wir forschen viel in Kontexten von Armut, wo die Menschen kaum etwas haben. Aus der Notwendigkeit heraus entwickeln viele dort ein Mindset, aus Unerwartetem etwas Positives zu machen und einen Sinn darin zu sehen. Wir können viel von ihnen lernen.

Braucht man also vor allem eine optimistische Einstellung, um weiterzukommen?
Es geht nicht unbedingt um Optimismus, sondern darum in allem Potenzial und Verknüpfungen zu sehen. Auch wenn man nicht immer optimistisch oder eher introvertiert ist, kann einem Serendipität widerfahren, zum Beispiel in guten Netzwerken.

Wie kann ich mir das richtige Netzwerk aufbauen?
Wenn man bei null anfängt, hilft es interessante Communities zu identifizieren und dann zum Beispiel ein Offline-Event zu besuchen. Hier kann man eine Frage stellen und dabei die Haken einbauen, über die wir gesprochen haben. Das wäre so was wie: „Als jemand, der sich sehr für Wirtschaft interessiert und als Berater arbeitet, möchte ich fragen, was sie von xy halten.“ Damit lenkt man die Aufmerksamkeit ein bisschen auf sich ohne aufdringlich zu sein. Vielleicht bringt das Menschen dazu, Kontakt aufzunehmen und man kommt in eine Gruppe, die man bisher nicht kannte. Das ist auch ein guter Weg, um nicht selbst überall hingehen zu müssen.

Im Gegensatz zum richtigen Mindset klingt das sehr strategisch.
Natürlich sollte es authentisch und nicht manipulativ sein. Aber Neugierde in die Konversation zu bringen, ist immer ein erster Schritt. Wenn man das dann konkreter macht, gibt es immer Menschen, die darauf reagieren. Umgekehrt ist es interessant sich zu fragen, was einen von Serendipität abhält. Warum habe ich die Frage auf der Konferenz nicht gestellt oder den CEO angesprochen, der den Vortrag gehalten hat?

Und warum nicht?
Bei vielen ist es die Angst vor Zurückweisung oder dass eine Idee noch nicht perfekt genug ist. Deswegen sollten wir umformulieren. Statt zu fragen, was passiert, wenn ich es mache, lieber: Was passiert, wenn ich es nicht mache?

Was ist mit Karriereplänen? Soll ich mir überhaupt noch Ziele setzen oder darauf vertrauen, dass ich im richtigen Moment auf den CEO zugehe und Zufall in Erfolg verwandle?
Ich liebe Planung. Sie ist gut, weil sie uns hilft unsere Werte, Interessen und Prioritäten zu erkennen. Aber man sollte einen Plan eher als Orientierung oder Kompass nutzen. Mein früherer Mentor hat immer gesagt: „Christian, Leute wie du denken manchmal, es gibt nur einen Weg nach Rom und dann siehst du, dass es viele Wege nach Rom gibt. Aber vielleicht willst du auch gar nicht in Rom sein.“ Diese Offenheit muss man haben, das Unerwartete nicht nur als Feind zu sehen.

Während Ihrer Forschung haben Sie mit vielen erfolgreichen Menschen gesprochen und Muster erkannt, wie sie alle den Zufall für sich genutzt haben. Wie genau sehen die Muster aus?
Eines der Kernmuster ist, ähnlich wie bei der Karriereplanung, dass sie zwar eine Strategie vorgeben, aber offen für Anpassungen sind. Sie teilen ihre Idee, sagen aber, dass sich der Weg zur Umsetzung bei neuen Informationen ändern könnte. Und sie haben oft ein gutes Bauchgefühl, das nicht naiv oder impulsiv ist, sondern dem man vertrauen kann.

Das hört sich so an, als bräuchte man für Serendipität vor allem Erfahrung.
Manchmal ja, weil für einige Dinge Vorwissen notwendig ist. Auf der anderen Seite darf man keinen Tunnelblick haben, weil man denkt, man hat schon die beste Lösung. So geht es vielen, die schon lange in ihrem Job sind. Oft hat man aber auch Serendipität, wenn etwas völlig Neues passiert. Das Bauchgefühl kann man trainieren, indem man Bauch und Gehirn mehr verknüpft und versucht, reifer zu entscheiden.

Können auch Unternehmen etwas für Serendipität tun?
In einigen Unternehmen sind die Stellenausschreibungen und Verfahren sehr starr. Dabei ist es gut, wenn Mitarbeitende Punkte verknüpfen können. Das sollte mehr wertgeschätzt werden, auch weil das tatsächlich Wert schaffen kann. Wie wir Vorstellungsgespräche führen oder was wir im Assessment abfragen, kann Aufschluss über die Denkweise einer Person geben. In wöchentliche Meetings können wir Fragen einbauen wie: „Was hat Sie letzte Woche überrascht?“ Das legitimiert das Unerwartete als normalen Teil unseres Handelns.  

Was ist mit Fortbildungen zu Serendipität?
An einigen Universitäten gibt es schon Kurse dazu, die die traditionelle Strategie-Lehre ergänzen. Da wird dann diskutiert, wie wir für das Unerwartete planen können. Genau das sollten auch Unternehmen aufarbeiten und sich überlegen, wie Unerwartetes in vorhandene Pläne eingebaut werden kann.

Sie beschreiben im Buch, wie uns der Lebenslauf im Nachhinein logisch erscheint – obwohl vieles wohl Zufall war. Was sind die drei wichtigsten Tipps, um sich auf Unbekanntes vorzubereiten und berufliche Chancen schon im Voraus zu erkennen?
Erstens kann man sich in jeder Situation fragen, was Sinnvolles aus ihr hervorgehen könnte. Wenn man eine Absage für eine Job-Bewerbung erhalten hat, kann man es auch als Chance sehen, sein Netz zu erweitern oder einen noch passenderen Job zu finden. Zweitens gibt es immer Wege eine monotone Situation spannender zu gestalten. Vielleicht können Sie einen Haken setzen und Ihr Netzwerk ausbauen. Drittens würde ich empfehlen, ein Unternehmen weniger als Karriereschritt und mehr als Plattform zu sehen. Egal, in welcher Position ich bin, kann ich überlegen, wie ich in ihr meinen eigenen Sinn finden und Projekte verwirklichen kann, die mit meinen Leidenschaften zu tun haben.

Abschließend müssen wir ein Sprichwort prüfen: Kann ich mir Glück wirklich erarbeiten?
Es geht sehr in die Richtung. Vieles hängt von unserer Denkweise ab. Wir rechnen oft damit, dass etwas Negativ-Unerwartetes passiert. Dabei sollten wir uns genauso auf positive Zufälle vorbereiten.

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