GastbeitragWie Unternehmen jetzt für mehr Chancengleichheit sorgen können

Helen Kupp ist Head of Product Strategy und Strategic Partnerships des Future Forum.PR

Um die Art und Weise, wie wir arbeiten, zu verändern, hat es eine Ausnahmesituation gebraucht. Denn die Pandemie hat gezeigt, dass Unternehmen schneller auf digitale, flexible Arbeitsweisen umstellen können, als sie es selbst jemals für möglich gehalten hätten. Der abrupte Wechsel ins Homeoffice hat aber nicht nur Vorteile mit sich gebracht. Gerade für berufstätige Eltern war das vergangene Jahr eine große Herausforderung.

Kinderbetreuung, Homeschooling und Erwerbstätigkeit fanden nicht nur häufig am selben Ort, sondern auch zur gleichen Zeit statt. Denn bis auf die flexible Wahl des Ortes hat sich das Arbeitsmodell vieler Unternehmen kaum verändert. Dass die zusätzlich anfallende Kinderbetreuung zu einem Großteil von den erwerbstätigen Frauen in der Familie realisiert wird, zeigt eine Studie der Hans Böckler Stiftung. Psychische Belastung und finanzielle Nachteile sind bei vielen berufstätigen Müttern die Folge. Für Unternehmen sollte die Pandemie die Gelegenheit sein, ihre Arbeitsweise einen Schritt weiter zu denken und damit die Lücke für berufstätige Mütter endgültig zu schließen.

Schluss mit dem alten 9-to-5-Modell

Die Pandemie hat den ersten wichtigen Anstoß gegeben, unser Arbeitsmodell radikal zu überdenken: Die Möglichkeit, von überall aus zu arbeiten, hat sich aus der Not heraus zum Standard entwickelt – und viele Wissensarbeiterinnen und -arbeiter möchten diese Freiheit nicht mehr missen. Das zeigt unser Future Forum Pulse Survey: Über 93 Prozent der Befragten wünschen auch in Zukunft Flexibilität darüber, wo und wann sie arbeiten.

Daher gilt es in der neuen Arbeitswelt, flexibles Arbeiten auch über den Ort hinauszudenken. Der typische 9-to-5-Arbeitstag berücksichtigt beispielsweise nicht, wann Arztpraxen oder Kindertagesstätten öffnen und schließen. Daher sollten Führungskräfte ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – insbesondere berufstätigen Müttern – die Möglichkeit geben, zu den Zeiten zu arbeiten, die für sie am sinnvollsten sind.

Gerade um Stress und Burn-outs aktiv zu bekämpfen, kann Flexibilität ein wichtiges Mittel sein. Das bestätigt unsere Umfrage: Auf einer Skala von -60 bis +60 zeigen unsere Ergebnisse, dass der Umgang mit arbeitsbedingtem Stress für Befragte mit flexiblen Arbeitsmodellen leichter ist. Tatsächlich hat Flexibilität in der Wahl des Arbeitsortes den größten Einfluss. Wir sehen 2,5-mal höhere Werte im Bereich Work-Life-Balance als bei denjenigen, die keine flexiblen Arbeitszeiten haben. Zudem sehen wir 6,2-mal höhere Werte beim Wohlbefinden mit Stress oder Angst im Job.

Unternehmen sollten nun klare Richtlinien für flexibles und asynchrones Arbeiten festlegen, um Raum für berufstätige Mütter zu schaffen, damit sie sich um die Kinderbetreuung und andere Aufgaben kümmern können, ohne dabei wichtige Projektschritte, Entscheidungen oder Aufstiegsmöglichkeiten zu verpassen. Folgende Faktoren sind dabei essentiell:

  1. Asynchrones Arbeiten fördern: Flexibles Arbeiten funktioniert nicht, wenn die Menschen immer noch jeden Tag von 9 bis 17 Uhr in Meetings festsitzen, selbst wenn diese virtuell sind. Der erste Schritt, um Zeit für konzentriertes Arbeiten und Kinderbetreuung zu schaffen, besteht darin, dass Unternehmen zu einer asynchronen Arbeitsweise übergehen. Beispielsweise können Teammitglieder anstelle eines wöchentlichen Teammeetings ihre drei wichtigsten Prioritäten in einem gemeinsamen Channel teilen. Das macht es für berufstätige Mütter einfacher, sich dann über Team-Updates zu informieren, wenn es für sie am bequemsten ist. Zudem sollten Projektteams Offline-Diskussionen und Entscheidungen immer digital dokumentieren, damit berufstätige Mütter wichtige Informationen auch dann erhalten, wenn sie nicht an der Besprechung teilnehmen konnten.
  2. Fokus auf Leistung statt Arbeitsstunden: Die Kultur, immer länger und härter zu arbeiten, ist in vielen Unternehmen weit verbreitet. Sie hat zu vollgestopften Kalendern geführt und zu immer mehr Berufstätigen, die weit mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten. Aber mehr Arbeitsstunden bedeuten nicht immer mehr Wertschöpfung. Dieser Trend hat auch zur Folge, dass berufstätige Mütter zunehmend verdrängt werden, wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie Zeit mit ihrer Familie oder mit der Arbeit verbringen wollen. In Zeiten von Hybrid-Work sollten Führungskräfte Produktivität nicht mehr mit der Stechuhr messen. Stattdessen braucht es klare Ziele und Ergebnisse als Leitstern, um die individuelle Leistung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu bewerten.
  3. Einfühlsamkeit statt Kontrollzwang: Führungskräfte sollten einfühlsam sein und Verständnis dafür zeigen, dass sich berufstätige Mütter auch mal tagsüber um ihre Kinder kümmern müssen: Sei es, um ihr Kind zu einem Arzttermin zu bringen oder einfach nur einen Nachmittagsspaziergang zu machen und aus den eigenen vier Wänden rauszukommen. Bei einigen Kollaborationsplattformen ist Kinderbetreuung bereits ein Standard-Profilstatus. Auch Führungskräfte sollten mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Teammitgliedern gegenüber offen und transparent über ihre familiären Verpflichtungen sein.

Eine Chance, das Spielfeld für berufstätige Mütter neu zu definieren

Während Top-Down-Hierarchien einst vielleicht effektiv waren, um den Output einer Fabrik zu erhöhen, erfordern die komplexen Herausforderungen von heute einen kooperativen Führungsstil, der die diversen Fähigkeiten und Perspektiven eines Teams nutzt, um neue, kreative Lösungen zu finden. Jetzt, wo viele Unternehmen ihre Arbeitsweise neu definieren, haben sie auch die Möglichkeit, das Spielfeld für berufstätige Mütter zu verändern und fairer zu gestalten. Das kann nicht nur die Mitarbeiterbindung zu berufstätigen Müttern und weiblichen Führungskräften verbessern, sondern auch berufstätigen Eltern und Mitarbeitenden im Allgemeinen zugutekommen. Unternehmen und Führungskräfte können und sollten das nun möglich machen.

 


Helen Kupp ist Head of Product Strategy und Strategic Partnerships des Future Forum, eines Konsortiums, das vom Technologieunternehmen Slack ins Leben gerufen wurde, um Arbeit neu zu denken. Sie ist Mutter eines einjährigen Jungen.