ManagementWie Freiheit Mitarbeiter motiviert

Carsten Rath
Carsten Rath
© Giorgio Balmelli

Carsten K. Rath ist Hotelier, Vortragsredner, Managementberater und Buchautor. Im September erschien das Buch: „55 Gründe, ein Grand Hotel zu eröffnen“. Gemeinsam mit Susanne Rath leitet er das neu eröffnete Hotel Kameha Grand Zürich. Außerdem hat er die Unternehmensberatung RichtigRichtig.com gegründet.


Unternehmerische Freiheit hat ein Doppelgesicht: Einerseits bewundern wir das. Führungskräfte aus der Schweiz, aus Deutschland, aus Österreich fahren derzeit reihenweise ins Silicon Valley. Auf Klassenfahrt. Um diese Freiheit neu zu entdecken. Lernziel: Disruption verstehen.

Andererseits: Wehe, einer versucht hier mal etwas anders zu machen. Nehmen wir Airbnb. Den Taxidienst Uber. Da wird überall gleich ein Riegel vorgeschoben. Geht ja nicht. Oder: Bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz? Wählen wir lieber mal nicht. Dann: Kameha Grand Zürich. Erste Reaktionen: „Was soll das sein?“ „Ein Grand Hotel im Industriegebiet?“ „Hat dieses seltsame Design einen Namen?“ (Hat es: Neobarock). Jedenfalls: Versuchen Sie mal, etwas anders zu machen als der Mainstream. Das gibt sofort eiskalten Gegenwind. Nicht von den Kunden, meist erst mal von den Kollegen.

Vorsicht, Sackgasse!

Also lieber auf sicherem Terrain bleiben? Das funktioniert heute im Großen nicht mehr. Siehe Uber, siehe Airbnb – die Plattformen laufen erfolgreich, und es werden weitere kommen. Es funktioniert auch längst schon im Kleinen nicht mehr. Die jungen Leistungsträger in unseren Unternehmen haben in der Schule nicht mehr stramm gestanden und auch nicht mehr mit dem Lineal eins hinter die Ohren bekommen. Sie durften mitentscheiden, wohin es in Urlaub geht und welche Farbe der neue Familien-Van haben soll. Sie haben selbst entschieden, was sie studieren wollen und wo. Sie haben schon früh eigenes Geld gehabt, eigenes Geld verdient mit eigenem Geld gewirtschaftet.

Und dann kommen wir als Führungskräfte mit komplizierten Entscheidungswegen und Kostenstellen? Das verstehen die nicht, die Jungen. Darauf haben sie keine Lust. Das System funktioniert für die jungen Leistungsträger nicht mehr. Der Frankfurter Sozialforscher Martin Dornes hat in seinem Buch „Die Modernisierung der Seele“ gezeigt, dass das nicht allein mit dem Buchstaben „Y“ zu erklären ist.

Ypsiloner kennen keinen Zwang

Die jungen Mitarbeiter (und nicht nur die!) wollen Freiheit. Sie wollen Platz für Kreativität. Für Innovation. Sie sind motiviert. Wenn man sie lässt. Als Vortragsredner höre ich selbst viele Keynotes zum Thema Führung und Motivation. Und versichere Ihnen: In einem typischen Vortrag kommt an dieser Stelle das Ergebnis der aktuellen Gallup-Studie so sicher wie das Amen in der Kirche. Das einmal mehr zeigt, wie schlecht es um das Engagement der Mitarbeiter bestellt sei. Das Publikum nickt dann immer weinerlich mit dem Kopf.

Aber schauen wir doch mal genauer hin: Kommt einer auf die Idee, dass es sich hier um eine so genannte Normalverteilung handelt? Die Zahl der hoch engagierten und gar nicht engagierten Mitarbeiter liegt typischerweise immer irgendwo bei 15 Prozent. Dazwischen etwa 70 Prozent, die gering engagiert vor sich hindümpeln. Herr Gauß lässt grüßen.

Menschen helfen, besser zu werden

Es ist der falsche Ansatz, diese Kurve verändern zu wollen. Das schaffen Sie nicht. Sie können aber eine Unternehmenskultur schaffen, die sich nur auf den oberen Bereich konzentriert. Wusste schon Goethe: „Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter. Wer sie aber behandelt wie sie sein könnten, macht sie besser.“

Ich verrate Ihnen etwas: Bei Kameha Grand haben wir einfach einmal angenommen, dass unsere Mitarbeiter exzellente Arbeit leisten könnten – in vielen Fällen aber durch unsere Prozesse daran gehindert werden. Und durch schlechte Führung. Darum haben wir die Entscheidungsfindung vom Kopf auf die Füße gestellt. Jeder Mitarbeiter, und zwar vom Abteilungsleiter bis zum Auszubildenden, bekommt bei uns drei Dinge, damit er seine Gäste glücklich machen kann. Erstens die Erlaubnis, alles selbst zu entscheiden, was den Gast begeistern kann. Zweitens: Sicherheit. Was auch immer er tut, es passiert nichts, wenn er seine Freiheit nutzt. Und drittens: Die notwendigen Mittel dazu. Sprich: 2000 Franken pro Gast und Anlass. Ergebnis: Motivierte Mitarbeiter. Glückliche Gäste, weil ihr Ansprechpartner sagen konnte: „Ich erledige das für Sie. Jetzt. Sofort.“ Das ist es doch, was der Gast will.

Prinzip Verantwortung

Und wenn ein Mitarbeiter mit der Freiheit nicht umgehen kann? Wenn er das Geld an der falschen Stelle investiert, veruntreut, Unfug damit anstellt? Dann greift das Prinzip Verantwortung. Bei mir muss, wer mit seiner Verantwortung nicht umgehen kann, das Gleiche tun wie russische Hooligans in Paris: Sachen packen.

Deshalb ist es auch schwierig, noch einen Schritt weiter zu gehen. Das heißt: Nicht nur freies Budget für alle, sondern gar keine Führung mehr. Jeder macht, was er will, und zwischendurch redet man mal drüber. Der Online-Modeversender Zappos probiert das unter dem schönen Titel „Holocracy“ im Moment aus. Macht mich nachdenklich: Was ist, wenn sich unter der Hand neue Hierarchien herausbilden? Über die man dann aber nicht mehr offen reden darf, weil das nicht mehr politisch korrekt wäre? Und wer trägt die Verantwortung, wenn die Kasse nicht mehr stimmt?

Bei aller Freiheit: Die unternehmerische Verantwortung liegt beim Unternehmer. Der steht gerade für den wirtschaftlichen Erfolg. Oder Misserfolg. In Zukunft wird der Unternehmer vielleicht ausgetauscht durch die „Crowd“ – aktuell aber noch nicht. Darum besteht heute die Kunst darin, allen Mitarbeitern größtmögliche Freiheit zu geben. Und – in einem genau abgesteckten Rahmen – auch die Verantwortung für diese Freiheit. Gleichzeitig muss es eine starke Führung geben. Aber eine, die sich nicht nach Order und Kontrolle, nach Gängelei und Zwang anfühlt, sondern eben auch nach Freiheit. Ich bin überzeugt: Freie Menschen in einem freien System produzieren bessere Ergebnisse.

Und, wissen Sie was? Darüber spricht kaum jemand, aber es ist so: Es gibt Mitarbeiter, die wollen diese Freiheit gar nicht. Weil sie die Doppelgesichtigkeit der unternehmerischen Freiheit auch auf ihrer Ebene spüren: Wer mit eigenem Budget handeln darf, der kann freier atmen. Er trägt aber auch Verantwortung. Und die kann sich anfühlen wie eiskalter Gegenwind, mitten ins Gesicht.