Gastbeitrag Wie Corona den Manager von morgen definiert

Für erfolgreiches Management nach der Corona-Krise bedarf es neuer Perspektiven
Für erfolgreiches Management nach der Corona-Krise bedarf es neuer Perspektiven
© IMAGO / Shotshop
Die Krise zeigt es deutlich: Mit Kontrollsucht und Fachidiotie kommen wir nun endgültig nicht mehr weiter. Führungskräfte, die fähig sind, andere zu aktivieren und einzubinden, werden immer bedeutsamer

Seit Wochen coache ich Führungskräfte und Teams, die in der Corona-Krise ganz neuen Belastungen ausgesetzt sind. Fast überall zeigen sich inzwischen deutliche Auflösungserscheinungen. Viele Menschen knicken unter der Doppelbelastung von Arbeit und Familie ein, sie sind körperlich, emotional und mental am Ende ihrer Kräfte. Für den, der jetzt immer noch hofft, dass wir nur diese Viruskrise durchstehen müssen und dann wird alles wieder gut, habe ich schlechte Nachrichten.

Covid-19 ist nur eine Episode im Vergleich zu dem, was noch auf uns zukommt. Es wird immer deutlicher: Allein die anschließende Wirtschaftskrise wird gewaltig sein. Ganz zu schweigen vom Klimawandel, der sich auch hierzulande längst bemerkbar macht und unvorstellbare Veränderungen für Unternehmen bereithalten wird. Ebenso die Digitalisierung, die durch die Viruskrise noch mal einen zusätzlichen Schub bekommen hat.

Diese Mega-Themen lassen sich nicht mehr nur aus einer Perspektive beleuchten oder auf einen Bereich begrenzen. Wenn sich ganze Unternehmen digitalisieren, betrifft das alle Abteilungen, es wirft unzählige Fragen auf – von Sicherheitsthemen über das Marketing bis hin zur Supply Chain. Hier braucht es Manager ohne Fachidiotenbrille, die in der Lage sind, andere Leute ins Boot zu holen, die multiperspektivisch und interdisziplinär arbeiten. Für alles andere ist bereits unsere heutige Welt zu komplex – und die von morgen wird es allemal sein.

Wer jetzt sagt: Ich weiß aber, wo es lang geht – der hat schon verloren. Wer morgen erfolgreich sein will, muss in der Lage sein, das Bestehende zu hinterfragen – inklusive der bisherigen Erfolgsrezepte. Gerade in einer Zeit fundamentaler Umbrüche, wie wir sie zurzeit erleben, lässt sich Zukunft nicht gestalten, indem man Erfahrungen aus der Vergangenheit auf das Morgen projiziert.

Allein kann das niemand bewältigen: Die Ära des allwissenden Managers, der andere bei der Umsetzung anleitet, ist endgültig vorbei. Aufgabe des Leaders von morgen ist es, verschiedene Blickwinkel zusammenzuführen und zu koordinieren. Dabei geht es nicht nur um interdisziplinäres Denken und multiperspektivisches Handeln. Gefragt sind auch komplementäre Persönlichkeiten in Führungsteams. Ein Manager, der zum Beispiel selbst eher sicherheitsorientiert ist, tut daher gut daran, sich Menschen an seine Seite zu holen, die anders denken, risikofreudiger, offener, dynamischer.

Nichts gegen Zahlen, Monitoring und KPIs: Aber allein darüber zu führen, funktioniert nicht mehr. Die Menschen, mit denen wir arbeiten wollen, die intrinsisch motiviert sind, haben andere Ansprüche. Sie wollen gesehen und respektiert werden, Sinn und Purpose vermittelt bekommen. Das können nur Führungskräfte, die Persönlichkeit haben. Die vorleben, worauf es jetzt ankommt. Und diese Menschen müssen wir ausbilden.

Doch wie kann ich Menschen beibringen, anderen Respekt zu zollen oder Autonomie zuzugestehen? Sie nicht nur für die eigene Bedürfniserfüllung einzusetzen, sondern Empathie und echtes Interesse zu zeigen? Die Antwort ist: gar nicht. Dafür braucht es keine neuen Skills, die ich in klassischen Weiterbildungen vermitteln kann.

Neues Denken und Handeln kann ich mir nur durch vertikales Lernen aneignen – ein Ansatz, der aus der Entwicklungspsychologie stammt, in US-amerikanischenThink Tanks erfolgreich gelehrt wird und sicher auch hierzulande sehr bald schon herkömmliche Konzepte des Leadership Development ablösen wird Vertical Development ist der Weg, um Führungskräfte auf die kommenden Herausforderungen vorzubereiten.

Zum vertikalen Lernen gehört emotionale und geistige Arbeit. Selbstreflektion. Sich Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten schwer zu ertragen sind: Warum habe ich dieses ausgeprägte Kontrollbedürfnis? Wieso kann ich keine Schwäche zulassen – weder bei mir noch bei anderen? Was passiert dann in mir? Welche Grundannahmen liegen meinen Sichtweisen und Verhaltensmustern zugrunde? Wie kann ich diese Annahmen transformieren?

Führungskräfte sollten sich in jeder Situation bewusst sein, dass ihre Gedanken und Gefühle ihre Wahrnehmung und ihr Handeln beeinflussen. Nur dann können sie souverän agieren und klar entscheiden, wie sie mit den Menschen und den Bedingungen umgehen. Sie können glaubwürdig und nahbar sein, andere wahrnehmen und auch selbst als Mensch erkennbar sein. Wer jetzt zugeben kann, dass auch ihn die Krise nachts wachhält, dass er nicht alles unter Kontrolle hat und die Unterstützung seiner Mitarbeiter braucht, ist auf dem richtigen Weg.

Damit ist keinesfalls gemeint, dass man sich zum hilflosen Opfer widriger Umstände machen würde. Der moderne Leader ist sich seiner Ressourcen bewusst, agiert gelassen und fokussiert auch in Situationen von Unsicherheit und Ambiguität. Er unterliegt nicht dem Irrglauben, alles „im Griff“ zu haben. Der Leader von morgen ist dementsprechend niemals „fertig“ entwickelt. Leben ist für ihn Entwicklung, Herausforderungen sind eine Gelegenheit zu wachsen.

Die gute Nachricht ist: Wir können unsere Verhaltens- und Denkmuster verändern und unsere Persönlichkeit entwickeln, auch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter noch. Traditionelle Konzepte horizontalen Lernens (Was wir wissen) reichen dafür jedoch nicht.

Die Aneignung neuer Informationen und Kompetenzen schafft keine echte Veränderung. Erst durch vertikales Lernen (Wie wir wissen) schaffen wir einen neuen Bezugsrahmen für unser Denken und Handeln. Das ist der Schlüssel für wirkliche Transformation. Nur Führungskräfte, die bereit und fähig sind, ihr eigenes Denken und Handeln zu transformieren, können ihre Mitarbeiter und Unternehmen auf die neuen Zeiten einstellen.

Nicholas Pesch unterstützt als Executive-Coach, Managementberater und Speaker seit vielen Jahren Entscheider und Führungskräfte. Als Manager hatte der studierte Sozialwissenschaftler viele Jahre lang die Verantwortung für mehr als 1000 Mitarbeiter. Als Executive Coach und Berater verbindet er Methoden aus der systemischen Beratung und Gestalttherapie mit Ansätzen des Vertical Development, die er in amerikanischen Think Tanks studiert hat. Seit über 25 Jahren praktiziert er intensiv Meditation. Sein neues Buch heißt: „Der bewusste Leader. Fokussiert, gelassen und erfolgreich führen im digitalen Zeitalter.“

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