Gastbeitrag Wer ganzheitlich denkt, muss über den Tellerand hinausschauen

Symbolbild Management
Symbolbild Management
© Pixabay / rawpixel
Unternehmen wollen heutzutage ganzheitlich denken. Doch viele Firmen schauen nicht über den eigenen Tellerrand. Jürgen Schmid erklärt was Ganzheitlichkeit wirklich bedeutet

Neulich wurden wir mit Design Tech zu einem schwäbischen Mittelständler gerufen. Obwohl das Unternehmen auf dem Gebiet der Robotertechnik technisch führend ist, stockten dort zuletzt die Verkaufszahlen. Das neue hochwertige Design ist ein Kostentreiber, sagte man uns. Und damit der Absatz wieder steigt, sollten die Designkosten gesenkt werden. Eigentlich der richtige Ansatz – denken die meisten –, doch wir sahen das ganz anders. Wir wollten die individuelle Situation des ganzen Unternehmens verstehen lernen – und siehe da: ein verborgenes Türchen ging auf.

Wir stellten dem Inhaber unsere Idee vor. Dessen Skepsis war groß, denn schließlich sind wir ja Designer und keine Wertanalytiker.

Greta Thunberg denkt nicht ganzheitlich

Ganzheitlichkeit! Dieses Wort zählt ja zu den großen Standardbegriffen dieser Zeit. Welches Unternehmen schreibt sich nicht diesen Wert auf die Fahne? „Wir denken ganzheitlich!“ – dabei tun das die meisten eben gerade nicht. Ich erlebe es viel zu oft, dass mit ganzheitlich nur der Blick bis zum eigenen Tellerrand gemeint ist: Der Vertrieb sagt „ganzheitlich“ und prüft alle Maßnahmen, die sie zur Optimierung des Verkaufens heranziehen können, der Entwickler schaut sich alles genau an, was mit der technischen Funktion des Produkts zu tun hat … und so weiter.

Nicht mal gesamtgesellschaftlich wird Ganzheitlichkeit ganz verstanden. Schauen Sie sich nur mal stellvertretend Greta Thunberg an . Bei ihr wird Ganzheitlichkeit mit Klima gleichgesetzt. Kein Zweifel, das ist wichtig und in der letzten Konsequenz existenziell für die Menschheit, aber damit hat die junge Aktivistin auch wieder nur ihren eigenen Horizont im Blick. Und der umfasst nicht einmal ganzheitlich den Klimawandel. Hat sie schon einmal den Verlust von Arbeitsplätzen und die Konsequenzen oder Herausforderungen durch den globalen Markt in ihre Ganzheitlichkeit eingedacht?

Raus aus dem Ganzheitlichkeits-Standard

Genau das haben wir bei dem schwäbischen Roboterhersteller anders gemacht. Wir haben nicht die Standard-Ganzheitlichkeitsbrille der Designer aufgelassen – und nur darauf geblickt, wie wir die Designkosten reduzieren können. Nein, wir haben uns die gesamte Wertschöpfungskette des Unternehmens angesehen und dabei entdeckt, dass die Produktionskosten in fast allen Bereichen viel zu hoch lagen. Das war das Kernproblem des Mittelständlers. Nicht die marginalen Mehrkosten des Designs.

Statt bei der Verpackung der Produkte stehen zu bleiben, haben wir also das Unternehmen individuell in seiner Ganzheitlichkeit erfasst. Im Zuge der Beratung führte der Roboterhersteller eine intelligente Lagerhaltung ein, ein Modularsystem in der Produktion sowie Vereinfachungen im Vertriebsprozess. Am Ende hatten wir die Kosten um umglaubliche 50 Prozent gesenkt. Und das Besondere daran: Das innovative Design des Produkts haben wir dabei nicht einmal angefasst. Das gelang nur, weil wir in der individuellen, ganz speziellen Situation des Maschinenbauers das Potenzial für die Kostensenkung herausgearbeitet und genutzt haben.

Ganzheitlichkeit ist ein organisches Gewächs

Um zu verdeutlichen, was Ganzheitlichkeit ist, ziehe ich gerne das Bild eines Gärtners heran. Wenn ich als Jürgen R. Schmid über meinen Rasen laufe und das Moos sehe – zugegeben, ich besitze keine grünen Daumen –, denke ich: „Der Rasen ist grün, wunderbar. Alles in Ordnung, nur das Moos muss weg!“ Aber wenn ein Gärtner über den Rasen läuft, sieht er die Feinheiten: „Dort sind Pflanzen am Seitenrand, die geben Schatten. Dort ist Unkraut, aha, da fehlt Sulfat“ – und durch seine Erfahrungen und Intuition kann er die Einzelinformationen zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Das ist die Kunst des ganzheitlichen Betrachtens, durch die Sie auch das tatsächliche Potenzial eines Unternehmens erst so richtig verstehen – und aus der Sie einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Jürgen Schmid ist Designer für individuelle und unkonventionelle Lösungen – nicht erst seit er den Mini-Akkuschrauber erfunden hat. Sein Buch „ Standard ist tödlich: Wo die Energie herkommt, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringt “ ist 2018 erschienen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel