KolumneWarum über Führung zu gefühlig diskutiert wird

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Simsalabim, ströme, oh kalte Luft!

Ich fühle mich fast als Zauberer, wenn ich mit einem Wink der Fernbedienung meine Klimaanlage zum Anspringen überrede. Und momentan ist sie häufig im Einsatz. Ich entfliehe den Touristenmassen Barcelonas und verstecke mich in meiner kühlen Wohnung. Bis ich mich neulich doch auf einen Café con leche in mein Stammcafé wagte, in den Schlagzeilen des Sommerlochs blätterte – und dabei tatsächlich einen spannenden Gedanken zur heutigen Führungsdiskussion mitnahm.

Führung, my friend

Sie können sich vorstellen, dass die klassischen Wirtschaftsmedien in den schleppenden Sommermonaten gerne auf die Themen ausweichen, die immer aktuell sind: Führung, alter Freund, auf Dich ist Verlass. Was mir jetzt in der Informationsleere noch deutlicher auffiel als zuvor, war der Zauber, der dem Thema innewohnt. Und das meine ich nicht positiv.

Da war die Rede von Sinnhaftigkeit, die gute Führung den Menschen vermitteln muss. Von der richtigen Haltung, die Führungskräfte heute entwickeln müssen. Nicht zu vergessen, vom großen „purpose“, der seit Neuestem hinter jeder Führungsarbeit stehen soll …

Ich saß da, mein Heißgetränk wurde kalt, und konnte ob dieser blumigen Esoterik nicht anders: Ich vermisse Theorie in der Führung!

Theorie, wo bist du?

Dass das Thema Führung immer esoterischer, religiöser und romantischer diskutiert wird, führe ich nicht zuletzt auf einen gewissen Theorie-Ekel zurück, der sich in den letzten Jahren breitgemacht hat. Denn es stimmt ja: Die Betriebswirtschaftslehre, die Mutter aller Führungstheorien, kann auf immer weniger Fragen der Gegenwart gute Antworten geben.

Wie auch? Die BWL stammt aus dem Industriezeitalter, aus einer wenig komplexen Zeit, die mit dem 21. Jahrhundert kaum vergleichbar ist. Kein Wunder also, dass viele ihrer Antworten immer öfter abgetan werden mit dem saloppen Vorwurf: „Das ist doch alles nur blanke Theorie.“

Und in der Folge wird Theorie gleich als Ganzes abgetan, als wenn eine „falsche“ Theorie gleich die enorme Praktikabilität aller Theorien vernichten würde.