GastbeitragWarum die neue Normalität eine Herausforderung für das Design ist

Boris JitsukataPR

Homeoffice, Videokonferenzen, weniger Geschäftsreisen, mehr Freizeit in den eigenen vier Wänden und vor allem mehr Digitalisierung: Glaubt man Zukunftsforschern, sind das keine kurzzeitigen Ausrutscher infolge der Corona-Pandemie, sondern Dinge, die zum „New Normal“ werden. In den ersten Monaten der Krise hatten wir keine Wahl, die Veränderungen sind einfach passiert und wir mussten uns damit arrangieren. Aber mit der Zeit werden wir uns fragen, ob die neue Normalität der Digitalisierung uns nützt oder ob wir lediglich Getriebene eines Virus sind.

Ich glaube: Das „New Normal“ ist eine Herausforderung für uns Designer. Der Digitalisierungsschub der letzten Monate war sehr technologiegetrieben, jetzt müssen wir den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt stellen und das geht über gutes Design. Die Menschen tun das instinktiv. Viele berichten, dass sie ihre Wohnung renoviert, ihren Garten angelegt oder sich ein neues Hobby zugelegt haben. Sie ordnen ihr Umfeld neu, schaffen Störendes beiseite und versuchen im Privaten, ihr Leben zu verbessern.

Ja, das hat mit Design zu tun, jedenfalls so, wie es im Englischen verstanden wird. Design ist, wie etwas funktioniert, mehr noch: Design ist, wie sich etwas für mich anfühlt, nicht haptisch, sondern emotional. Im Deutschen verengen wir das meist auf das Aussehen, aber das greift zu kurz. Man könnte sagen, viele Menschen durchlaufen in der Krise einen Designprozess, bei dem sie ihr Leben neu gestalten.

Design stiftet Sinn

Ich würde sogar noch weiter gehen. Gutes Design bewältigt Komplexität und stiftet Sinn. Und es lässt uns etwas Positives fühlen. In Zeiten der Krise soll Design Angst nehmen und nicht schüren. Ein Beispiel: die Corona-Warn-App. Ich finde, sie könnte ihren Job besser machen, anfangs verunsicherte sie mit Fehlermeldungen. Eine gute App stresst nicht mit rotem Blinklicht, sondern gibt das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.

Die Digitalisierung mutet uns viel zu, manchmal überwältigt sie uns geradezu. Das Smartphone ist nah an unserem Herzen, es ist eine Erweiterung unseres Gehirns und unserer Sinne. Das kann Stress auslösen, manchmal sogar absichtlich. In den sozialen Medien ist Angst sogar Teil des Designkonzepts. Die Zahl der Follower und Likes erzeugt ständig Druck und schüttet in unserem Körper Endorphine aus, die zu einem Suchtverhalten führen können. Das ist von Facebook und Instagram so gewollt. Wenn Sie mehr dazu erfahren möchten, schauen Sie sich das Dokudrama „The Social Dilemma“ auf Netflix an.

Manager denken wie Designer

Was mich optimistisch stimmt, ist, dass immer mehr Führungskräfte wie Designer denken. Dafür gibt es viele Anzeichen. Unser Börsengang war nicht nur ein Ritterschlag für das Unternehmen, sondern für die Bedeutung von Design generell. Und das MBA-Studium entwickelt sich immer mehr zur Design-School – Design Thinking hat viel bewegt, in Deutschland u.a. durch das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam oder in der Schweiz durch die Universität St. Gallen (HSG). Die ersten meiner Studenten von dort gehen nun in Managementfunktionen in die Unternehmen. Sie gehen Entwicklungsprojekte ganz anders an, indem sie die Frage stellen: How might we – Wie könnten wir? Das Wie steht für die Gewissheit, dass es immer eine, meist sogar mehrere Lösungen gibt. Das Könnte animiert dazu, unterschiedliche Wege zu möglichen Lösungen auszuprobieren. Und das Wir weist darauf hin, dass man es nur im Team schafft, nicht alleine.

Ein weiteres Konzept, das ich Ihnen ans Herz legen möchte, ist das Minimum Lovable Product. Das Minimum Viable Product kennen sie wahrscheinlich. Es sind die Eigenschaften, die ein Produkt mindestens haben muss, damit es gekauft wird. Das Minimum Lovable Product geht einen Schritt weiter. Hier möchte das Produkt nicht in erster Linie gekauft werden, es möchte geliebt werden. Dabei kommt es nicht darauf an, von wie vielen Menschen. Sie haben eine App entwickelt, die 1000 Menschen toll finden, die sonst aber niemand kennt? Kein Problem, denn diese 1000 Fans werden dafür sorgen, dass der Rest der Welt auch bald über Ihre App spricht. Skaliert werden kann später. Egal wie klein die Nische für Ihr Produkt zunächst erscheinen mag, nutzen Sie sie!

Unnötiges wegkürzen

Mit „Minimum Lovable“ ist allerdings nicht gemeint, dass möglichst wenige Menschen Ihr Produkt lieben sollen. Vielmehr geht es auch hier um das Mindestmaß an Eigenschaften, die nötig sind, damit überhaupt Menschen das Produkt lieben. Oft ist es nur eine Funktion, die dafür nötig ist, alle anderen können Sie erstmal wegkürzen. Das fällt vor allem deutschen Ingenieuren schwer, die ein Produkt am liebsten erst dann veröffentlichen, wenn alle nur denkbaren Funktionen integriert sind und funktionieren.

Besser ist es stattdessen, mit einer Kernfunktion anzufangen und dann im Austausch mit der Community der Nutzer das Produkt weiterzuentwickeln. Ein gutes Beispiel ist Google Maps. Anfangs konnte es nur navigieren, das aber sehr zuverlässig und sehr einfach zu bedienen. Und man musste sich nicht anmelden oder eine Kreditkarte angeben. Damit Nutzer Ihr Produkt lieben, müssen Sie ihm erst ein Erfolgserlebnis geben.

Wenn das Coronavirus ein Gutes hat, dann vielleicht, dass wir uns wieder bewusster werden, was uns Menschen ausmacht und wie wir leben wollen. In der neuen Normalität werden Menschen genauer hinschauen, welche App, welcher Dienst ihr Leben besser macht, Angst nimmt, Komplexität reduziert.

 


Boris Jitsukata ist Geschäftsführer beim Design-Unternehmen Goodpatch