Junge EliteVon der Konzertpianistin zur Unternehmensberaterin

Jessica Distler, 38, Partner und Managing Director bei Boston Consulting.
Jessica Distler, 38, Partner und Managing Director bei Boston Consulting.Boston Constulting

Capital: Frau Distler, welches Musikstück beherrschen Sie noch am besten?

Aus Johannes Brahms’ „Klavierstücke Opus 118“ das Intermezzo A-Dur. Das habe ich vor 14 Jahren für meinen Examensauftritt an der Dresdner Hochschule gelernt. Ich kann es noch heute auswendig und spiele es, sobald ich mich an ein Klavier setze.

Dresden gilt als Kaderschmiede für Musikgenies aus aller Welt. Wie ha­ben Sie sich da behauptet?

Das waren fünf herausfordernde Jahre. Im Gegensatz zu den anderen hatte ich nicht mit drei, sondern erst mit sieben Jahren angefangen, Klavier zu spielen, und ich gehörte zu den ersten Studenten, die ohne vorherige Spezialförderung an einer Musikhochschule zugelassen wurden. In den ersten Monaten musste ich so viel aufholen und war für mein Gefühl das erste Mal in meinem Leben richtig schlecht.

Das hat Sie offenbar so angespornt, dass Sie als eine der Ersten in Dres­den promoviert haben.

Die Hochschule hatte während meines Studiums das Promotionsrecht bekommen. Die Chance habe ich genutzt. Die Vorlesungen waren ein guter Ausgleich zum Üben.

Wann war klar, dass Sie keine Kar­riere als Pianistin anstreben?

Schon nach den ersten Semestern wusste ich, dass ich auf einem guten Level spiele, sodass ich immer ein ordentliches Auskommen haben würde. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein, dem Publikum etwas zu präsentieren und Applaus zu bekommen. Aber mir war klar, dass ich keine Starpianistin werde.

„Bei Kunden gilt wie auf der Bühne: nicht verkrampfen“

Wie sind Sie von der Bühne in die Beratung gekommen?

Wirtschaft hat mich immer interessiert, das hatte ich in der Schule schon als Leistungskurs. Eigentlich wollte ich VWL studieren. Während meines Musikstudiums habe ich einige BWL-Kurse an der Fernuni belegt und neben der Promotion beim Musikkonzern Sony im Produktmanagement gearbeitet. Auf die Beraterbranche hat mich mein Bruder gebracht. Ich war erst skeptisch, dachte dann aber, dass ich mit so einem Job praktisch das Wirtschaftsstudium nachholen kann.

Mit 27 haben Sie bei BCG ange­fangen, nach neun Jahren sind Sie dort gerade zur Partnerin aufgestiegen. Haben Sie es nie be­reut, nicht mehr auf der Bühne zu stehen?

Nein, das fühlt sich an wie ein anderes Leben. Am Anfang habe ich schwer mit Excel und Powerpoint gekämpft. Aber nach drei Monaten hatte ich das Gefühl, ich bin
in dieser Welt angekommen. Ich habe mir letztes Jahr einige Wochen Auszeit genommen, um darüber nachzudenken, ob mir Beratung noch Spaß macht. Ich weiß, was ich daran schätze: Die Kollegen und vielfältigen Teams, aber vor allem die Arbeit mit Kunden. Dort suchen wir ständig Lösungen, präsentieren sie, setzen sie um. Das ist nun meine Bühne.

Wie viel Technik und Klangfarbe entfalten Berater?

Es gibt Parallelen zur Musik. Klavierspielen erfordert mathematische Fähigkeiten, Ausdauer, Disziplin und Nervenstärke – genau wie die Suche nach Lösungen für Unternehmensprozesse. Für beides muss man echte Leidenschaft entwickeln. Improvisationstalent hilft auch enorm. Wenn ich bei einem Mozart-Stück denke, dass ich den perfekten Lauf habe, kann ich im nächsten Moment schon raus sein. Dann muss ich blitzschnell umschalten, weitermachen, einen neuen Einstieg finden. Solche Techniken nutze ich als Beraterin auch: Wenn der Kunde meine Lösung ablehnt, muss ich umschalten, Alternativen suchen, einen neuen Einstieg finden. Die Klangfarbe kommt durch die persönliche Beziehung zum Kunden. Ich muss zuhören, verstehen und auf seine Befindlichkeiten eingehen. Und wie beim Auftritt auf der Bühne gilt: immer Ruhe bewah- ren, nicht verkrampfen.


Jessica Distler, 38, ist Partnerin bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Die promovierte Musikwissenschaftlerin hat sich auf die Bereiche Konsumgüter und Handel spezialisiert.


 

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