Top 40 unter 40 Viraler Beschleuniger: Wie Covid-19 eine neue Reiserealität vorzieht  

Wegen der weltweiten Coronakrise sind Strandferien für viele Menschen in diesem Jahr in weite Ferne gerückt
Wegen der weltweiten Coronakrise sind Strandferien für viele Menschen in diesem Jahr in weite Ferne gerückt
© Andreas Haas / IMAGO

Die Top 40 unter 40 von Capital sind die nächste Generation der Entscheider und Gestalter in Deutschland. In unserer Gastbeitrags-Serie verleihen wir ihnen eine Stimme zur Corona-Krise. Diesmal: Gleb Tritus über Reisen nach Corona

Am 22. Mai 2020 gipfelte die Marktkapitalisierung des Videokonferenzanbieters Zoom bei 48,2 Mrd. US-Dollar und damit knapp 17 Milliarden über der kumulierten Bewertung der fünf umsatzstärksten Airline-Gruppen der Welt Air France-KLM, United, Lufthansa Group, American Airlines und Delta. Getrieben vom „Stay at home“-Mantra, hat Zoom seit Jahresbeginn kometenhafte 32,1 Mrd. US-Dollar Wert kreiert.

Nun kann man vortrefflich darüber streiten, ob das bei einem neun Jahre alten Softwareunternehmen mit 622 Mio. Dollar Jahresumsatz substantiiert ist oder bloß die gegenläufige Zuspitzung eines krisenverwirrten Kapitalmarkts. Doch in jedem Fall zeichnet sich hier besonders plakativ ab, dass die Pandemie eine längst begonnene Veränderung der Arbeits- und Reisewelt massiv befeuert.

Einschnitt einer neuen Qualität

Ob 9/11, Sars, Finanzkrise oder Schweinegrippe – im Lichte einer Rezession war der Reise- und Mobilitätsbetrieb schon immer besonders feinfühlig, am Ende aber stets elastisch genug, um gestärkt zurückzukehren. Die Weltwirtschaftskrise ab 2007 ebnete nebenher den Weg für eine konsequentere Digitalisierung: Online-Reisebüros wie Booking.com und Expedia erlebten ihren endgültigen Durchbruch. Gleichzeitig begann der Aufstieg unzähliger Reise- und Mobilitätsherausforderer. Uber drehte das Taxiwesen auf links und Airbnb ist trotz Covid-19-Schieflage noch immer die größte Hotelkette der Welt ohne Hotels. Neue Märkte entstanden, die Verbraucher profitierten mannigfaltig.

13 Jahre später markiert die gegenwärtige Pandemie eine nie dagewesene Zäsur für das Reisen, da diesmal neben einer potenziell historischen Konsumzurückhaltung größere strukturelle Fliehkräfte wirken.

Spontane New-Work-Läuterung

Unternehmen von Peking bis Bielefeld erfuhren 2020 ihren Webcam-Erweckungsmoment. Governance- und IT-Statuten wurden daraufhin in Nacht-und-Nebel-Aktionen für Zoom, Slack & Co. verbogen, Serverkapazitäten aufgerüstet. Microsoft-CEO Satya Nadella, dessen Konzern nicht nur dank des Kollaborationstools Teams zu den Krisenprofiteuren zählt, sah im ersten Quartal „zwei Jahre digitale Transformation in zwei Monaten“. Tatsächlich erfand die Krise nichts neu – Videokonferenzen mit Gruppen und HD-Auflösung gab es schon 2010. Sie wirkt lediglich als unentrinnbarer Katalysator für eine Adaption, die sich sonst noch Jahre gezogen hätte. Auch wenn dabei bei weitem nicht alles glattläuft – das obligatorische „Könnt ihr mich sehen?“ bleibt die Regel – arrangieren sich selbst technologieferne Handschlagbranchen besser als gedacht.

Für den zuletzt erstarkten Business-Travel-Markt ist die „Generation Zoom“ nur das Vorbeben. Sobald sich die Wirtschaft schüttelt, werden Produktionsketten entwirrt und entglobalisiert. Das dürfte sich insbesondere im bedeutenden Geschäftsreisemarkt gen Asien niederschlagen. Hochschulen unterrichten ihre MBA-Präsenzkurse von einst problemlos per Video, Ausstellungen wie die „Kanton-Messe“ in China öffnen rein virtuell. Arbeitsminister Hubertus Heil trommelt schon für das „Recht auf Homeoffice“ und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erwartet bis 2030 die Hälfte seiner Belegschaft dauerhaft am heimischen Schreibtisch.

Keineswegs lässt sich das Soziotop Büro ganz in Video pressen. Doch jeder Tag mehr in dieser neuen Arbeitssouveränität erhöht die Austrittsbarrieren, verändert unser Denken über Erwerb auf Distanz und damit auch die Reisetätigkeit des Schreibtischarbeiters. Derweil avanciert mit den Millennials erstmalig eine Generation zur kommerziell gewichtigsten Geschäftsreisezielgruppe, für die eine persönliche Begegnung nicht das Nonplusultra ist. Wenn dann noch die zuletzt abgeklungene Klimadebatte wiederaufflammt, dürften Unternehmen nicht notwendige Dienstreisen tatsächlich nachhaltig zurückschrauben.

Don’t stay at home

Weniger Businesstrips, von denen viele lange vor Corona mindestens fragwürdig waren, müssen nicht ein dauerhaftes Schrumpfen des Reisemarkts bedeuten. Eine stärker durchdigitalisierte und mit dem Privatleben verwobene Arbeitswelt wird unseren inhärenten Entdeckungs- und Freiheitsdrang nach Covid-19 stärker als früher kitzeln.

Diesen Drang werden wir anders organisieren und ausleben. Vor der Krise mündeten über 60 Prozent aller Dienstreisen in einen privaten Kurzurlaub, neudeutsch „Bleisure“. Diese Symbiose dürfte mit einem Rückgang von Dienstreisen abebben. Dafür werden wir häufiger und spontaner Kurztrips unternehmen; wieder mehr Erfahrungen in heimischen Breitengraden erwägen. Auch hier dürfte die Rückbesinnung auf den Umweltschutz ihr Übriges tun.

Insgesamt gewinnt der Privatreisesektor erheblich an Bedeutung. Er wird die Neuordnung der Geschäftsreise vielfach kompensieren müssen. Die kategorische Trennung zwischen Touristen und Geschäftsreisenden weicht im Zuge dessen weiter auf. Entsprechende Dienstleistungen von Fluggesellschaften, Hotels & Co. werden flexibler und individueller zwischen den Lebensmodi stattfinden. Die Business Class war wohlgemerkt schon vor der Krise nicht nur für Business da – Covid-19 beschleunigt lediglich bestehende Tendenzen auch in diesem Fall.

Reisen neu denken

Die Pandemie ist bis zur breiten Verfügbarkeit eines Impfstoffs nicht ausgestanden, die Reiseindustrie noch in der Phase der aufbrechenden Emotionen. Doch im dynamischen Takt des 21. Jahrhunderts vergisst der gemeine Verbraucher auch größte Einschnitte womöglich schneller als Ökonomen und Industrieverbände in ihren War Rooms gerade ausmalen. „Ist der Sommerurlaub noch zu retten?“, fragt eine große Tageszeitung derzeit regelmäßig. Nicht nur die Deutschen scharren nach Monaten der Entbehrung mit den Hufen, was sich allerdings noch nicht spürbar in Buchungen niederschlägt.

Nach den Anschlägen vom 11. September brauchte die damals noch wesentlich kleinere Passagierluftfahrt drei Jahre für die Rückkehr zum Vorkrisenniveau. Die Passagierzahlen kennen seither nur eine Richtung. Und an die Zeit als man seine Zahnpasta noch nicht in wiederverschließbare Plastikbeutel stecken musste konnte sich bald kaum jemand erinnern. Mit der Robustheit des Reisenden sollte daher schon aus Trotz und Prinzip gerechnet werden. Genauso ist eine veränderte Geisteshaltung folgerichtig: Nach Jahren der volkswirtschaftlichen Hyperkonnektivität, 19,95-Euro-Flugtickets und verstopften Straßen wird sich das globale Reisemindset gewissermaßen kontrahieren, privat und geschäftlich.

Eine unterschwellige Vorsicht bleibt selbst bei erfahrenen Straßenkriegern hängen, ultimativ eine erweiterte Interpretation des Begriffs „Sicherheit“: Wo bislang technische Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit das Maß aller Dinge waren, ziehen Hygiene- und Abstandsgebote ein. Das ist tatsächlich neu. Nach dem „Reboot“ wird sich das durch ein erhöhtes Transparenzbedürfnis der Reisenden ausprägen, worauf die Industrie proaktiv und vor allem über digitale Kanäle reagieren muss. Das mag zunächst eine Bürde sein, aber auch eine Chance die gesamte Reisekette unter Berücksichtigung der Digitalisierung langfristig neu zu denken.

Und wenn uns der kometenhafte Börsenaufstieg von Zoom etwas mitgibt, dann doch das Menschen weltweit selbst in Zeiten verheerender Verunsicherung nach Interaktion lechzen. Dass dabei neben Flugzeug, Zug, Auto & Co. mittlerweile auch andere Trägermedien eine Rolle spielen, war auch vor Covid-19 klar – das Virus hat eben zwei Jahre Transformation in zwei Monate gepresst.

Gleb Tritusist Geschäftsführer von Lufthansa Innovation Hub



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