ExklusivUnstatistik - Zahlen zur Lebenserwartung führen in die Irre

Wenn die Lebenserwartungen zwischen Ländern verglichen werden, dann wird angenommen: Je höher sie ist, desto weiter ist der medizinische Fortschritt und desto besser das Gesundheitssystem. Eine Person, die in europäischen Ländern wie Deutschland oder Spanien geboren wurde, lebt  etwa nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation im Schnitt 80 Jahre lang, in den Ländern der Sub-Sahara sind es nur 60 Jahre. Allerdings sind diese Zahlen nicht so eindeutig, wie sie sie scheinen.

„Denn die als Lebenserwartung genannte Zahl gibt keinesfalls die durchschnittliche Lebenszeit von heute geborenen Menschen an“, schreiben die Autoren von unstatistik.de und verweisen auf , um zu zeigen, dass dieser Fehler immer wieder gemacht werde. Die Zahl sage allein: Wenn alle altersspezifischen Mortalitätsraten (Todesfälle pro Altersklasse pro Zeit) auch in Zukunft so bleiben wie sie heute sind, dann lebt ein heute geborenes Mädchen in Deutschland im Mittel 83 Jahre. Da diese altersspezifischen Mortalitätsraten sich aber verändern, vermutlich abnehmen werden, leben heute geborene Kinder im Durchschnitt weitaus länger.

Das EU-Statistikamt will aussagekräftigere Zahlen – und scheitert

Das Statistische Amt der EU versucht, den Statistiken über Lebenserwartung mehr Aussagekraft zu verleihen, in dem sie zusätzlich angibt, wie viele Jahre seines Lebens ein Mensch gesund verbracht habe. Sie nennt das den den „Healthy-Life-Years“-Indikator. So würden etwa finnische Frauen im Schnitt 84 Jahre alt werden, aber nur 56 davon hätten sie gesund verbracht, wie sich aus den Zahlen der Statistikbehörde ergibt.

Dazu muss man wissen: Diese Zahl wird aus Umfragen geschätzt. „Da die Befragten selbst bewerten, ob sie in den letzten sechs Monaten vor der Befragung aus Krankheitsgründen in ihren üblichen Betätigungen behindert waren, sind diese Zahlen international nicht vergleichbar“, schreiben die Autoren von unstatistik.de. „Denn was als krank oder als eine Behinderung gilt, variiert beträchtlich – auch aufgrund kultureller Unterschiede – über Raum und Zeit.“ So sei aus zahlreichen empirischen Untersuchungen bekannt, dass sich Menschen auf dem Land von leichtem Fieber oder Rückenschmerzen kaum behindert fühlen, Menschen in der Stadt dagegen wohl. Vergleichen lassen sich die Länderzahlen also nicht.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie hier.