InterviewUmberto Angeloni - Strategie mit Stil

Anzug aus der Frühjahrs- und-Sommer­kollektion 2016 von Caruso
Caruso pflegt den italienischen Lifestyle, das Dolce Vita. Hier ein Bild aus der Frühjahrs- und-Sommer­kollektion 2016 des Mailänder Modehauses

17 Jahre stand der gebürtige Römer Umberto Angeloni an der Spitze des Luxus-Herrenausstatters Brioni. In dieser Zeit verzehnfachte der 63-Jährige den Umsatz und formte den italienischen Herrenschneider zur Weltmarke. Mit dem Traditionslabel Caruso, das er 2009 kaufte, und der Highend-Anzugmarke Uman hat Angeloni nun ebenfalls Großes vor.17 Jahre stand der gebürtige Römer Umberto Angeloni an der Spitze des Luxus-Herrenausstatters Brioni. In dieser Zeit verzehnfachte der 63-Jährige den Umsatz und formte den italienischen Herrenschneider zur Weltmarke. Mit dem Traditionslabel Caruso, das er 2009 kaufte, und der Highend-Anzugmarke Uman hat Angeloni nun ebenfalls Großes vor.


Capital: Erst Brioni, jetzt Caruso: Wie staubt man eine Traditionsfirma ab, Herr Angeloni?

Angeloni: Eine Marke mit reichem Erbe und Know-how, einer Aura, ist ein seltener Schatz, der unbedingt gepflegt werden muss. Konzentrieren Sie sich auf den Kern: das wichtigste Produkt, die wichtigsten Kunden und Märkte. Luxusprodukte brauchen zudem eine perfekte Präsentation, sie müssen erklärt und mit neuer Begehrlichkeit aufgeladen werden. Ich nenne das die drei „K“s: Kreativität im Atelier, Kundenwünsche erfüllen und Konsistenz in der Qualität.

Ihre Branche steht vor großen Herausforderungen. Was muss modisch passieren?

Wir erleben eine technologische Revolution. Die Kunden verändern sich rasant, gleichzeitig sind sie sich unsicher, was sie wollen. Das fordert von uns eine Evolution der kleinen Schritte. Design hilft, dass dieser Prozess ästhetisch ansprechend aussieht. Auch Anzüge müssen sich verändern, aber eher bei Materialien und Farben, im Komfort und der Wertigkeit. Wer Mode und Trends nachläuft, willkürlich den Stil wechselt, wird scheitern, wie manche Mitbewerber erfahren müssen. Bei Caruso investieren wir deshalb fünf Prozent unserer Ressourcen in Forschung und Entwicklung. Das führte jetzt zu einem Durchbruch wie „Gobigold“, dem ersten Anzugtuch aus reinem Kamelhaar mit nur 17 Mikron Durchmesser, das Loro Piana exklusiv für uns webt.

Selbst CEOs verzichten auf Anzug und Krawatte. Hat der Business-Klassiker ausgedient?

Designer erklären Anzüge immer mal für tot, um sie eine Saison darauf wieder zu umarmen. Als Ergebnis von über 200 Jahren europäischer Herrengarderobe ist er geradezu „unkaputtbar“! Er repräsentiert auf der ganzen Welt alles, was Männer von ihrer Kleidung wollen: Funktionalität, Autorität, Maskulinität. Deshalb überleben auch Dresscodes unbeschadet, weil Menschen sich lieber an Formeln und Rituale halten als die Anarchie auszurufen.

Sie sind ein Mann voller Leidenschaft und Neugier – für Mode und Business. Was kommt als nächstes?

Stimmt, ich brenne für das, was ich tue. Ich glaube aber auch an das Schauspieler-Sprichwort, wonach der beste Zeitpunkt für einen Abgang dann ist, wenn das Publikum noch applaudiert.

„Unsere Kunden suchen nach Erlebnissen“

Was unterscheidet den Anzug Mailänder Machart von seinem Konkurrenten aus der Londoner Savile Row?

Der Savile-Row-Anzug aus eher schwererem Tuch, schmalen Schultern und hohen Armlöchern vereint alles, wofür britische Schneiderkunst steht. In diesem Sinne ein „ethnischer“ Stil, der durch Veränderung an Relevanz zu verlieren droht. Deshalb bin ich treuer Kunden von Henry Poole, die seit 1806 in der Savile Row Nr. 15 sitzen. Der Anzug aus Mailand ist ein Zeugnis italienischen Handwerks, Geschmacks – und reichlich Fantasie. Er bleibt gerade durch ständige Veränderung zeitgemäß! 

Ziehen sich Briten und Italiener unterschiedlich an?

Das Stil-Know-how eines Italieners basiert auf drei Faktoren: Er kleidet sich zum Vergnügen, schlüpft nicht in eine Uniform. Er weiß durch Beobachtung und Ausprobieren, was ihm am besten passt und steht. Seine Garderobe ist Teil eines Schauspiels, schließlich übernehmen wir alle eine Rolle im Leben!

Die gesamte Modebranche sucht ihr Umsatzheil verstärkt im E-Commerce.

Luxusgüter sind ein riesiger Kosmos und das Internet ist ein extrem effizientes Medium. Ich glaube, dass eine ganze Reihe hochwertiger Produkte dort erfolgreich verkauft werden könne. Nur: Unsere Kunden suchen nach Erlebnissen, wollen in die Kreation involviert werden. Gerade bei Anzügen und Sakkos ist die sinnliche, „materielle“ Komponente ein wichtiger Teil der Magie, bei Maßarbeit umso mehr. Da wird Onlineshopping keine allzu große Rolle spielen.

Sie haben die Delle in der Kaufkraft der Chinesen bereits drei Jahre vorher geahnt. Was sind Ihre nächsten Prognosen?

Was ich voraussah war die Sättigung und Reife des chinesischen Konsumenten. So wie einst in Japan – nur viel, viel schneller! Damit geht die zunehmende Ablehnung von Marken als bloße Statussymbole einher. Gleichzeitig beginnt die Suche nach Wertigkeit, einem überragenden Preis/Leistungsverhältnis. Die Anerkennung authentischer Geschichten, der nicht beliebigen Herkunft eines Produktes. Nicht zu vergessen: der steigende Wunsch nach „customization“, der Anpassung eines Produktes an seinen Käufer, seinen Geschmack, sein Leben. Alle diese Trends spielen Nischen- und „echten“ Marken in die Hände. Und die makro-ökonomischen Unsicherheiten können diesen Veränderungsprozess noch beschleunigen.

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