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Personalberaterin Maren Freyberg Entlassungswelle in der Techbranche: „Wir hängen in Europa noch hinterher“

Google-Büro in New York. Die Konzernmutter Alphabet will 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen – nur eine von vielen Meldungen dieser Art
Google-Büro in New York. Die Konzernmutter Alphabet will 12.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen – nur eine von vielen Meldungen dieser Art
© IMAGO/Levine-Roberts
Fast täglich gibt es Meldungen über Entlassungen in der Techindustrie. Das jüngste Beispiel ist SAP. Personalberaterin Maren Freyberg erklärt, warum so viele Techfirmen gerade Mitarbeiter entlassen – und wer davon am Ende profitiert

Frau Freyberg, immer mehr Techfirmen entlassen Mitarbeiter: Microsoft, Meta, Alphabet – und jetzt hat auch noch SAP angekündigt, 3000 Stellen zu streichen. Woran liegt das? Die Zahlen sind doch bei vielen Techfirmen gar nicht so schlecht…
MAREN FREYBERG: Die Unternehmen haben in den letzten Jahren extrem stark und meines Erachtens viel zu schnell aufgebaut. Es ging immer nur um Wachstum und darum, noch mehr Themen und Felder aufzumachen. Und durch die Pandemie haben sich viele bestätigt gesehen, dass ihre Themen noch stärker wachsen werden. 

Waren die Firmen also zu optimistisch?
Ja, viele. Gerade Techfirmen und diejenigen, die von Covid profitiert haben – Lieferservices, E-Commerce usw. – müssen ihre Erwartungen aktuell nach unten anpassen. Das liegt an vielen Faktoren, aber vor allem an der makroökonomisch volatilen Situation aus Ukrainekrieg, Inflations- und Rezessionsgefahr. Viele Firmen müssen Ergebnisse verbessern, verschönern oder Schulden abbauen.

Trotzdem stützen sich viele Entlassungen vor allem auf Ausblicke: Wenn vorher zu stark eingestellt wurde, ist die Zahl der Entlassungen jetzt vielleicht auch übertrieben? 
Es geht nicht nur um Ausblicke. Die Zahlen sind bei vielen jetzt schon so, dass sie tatsächlich sparen müssen. Viele Firmen fokussieren sich jetzt aber in erster Linie. Bestes Beispiel dafür ist Alphabet: Das ist ein extrem breit aufgestelltes Unternehmen mit einer unglaublich großen Entwicklungsabteilung. Auch Alphabet fokussiert sich nun mehr – insbesondere auf den Bereich KI. Der gesamte Entwicklungsapparat – so wie er aufgebaut wurde, teilweise an sehr teuren Standorten – ist auf Dauer zu teuer. Also selbst bei Alphabet ist es eine Kombination aus Kosten und Ausblick.

Warum treten diese Massenentlassungen eigentlich immer wieder in Wellen auf?  
Da geht es vor allem um Ankündigungen, Prognosen und Finanzjahre – nicht bei jedem Unternehmen ist das von Januar bis Dezember. Aber gerade vor dem Jahreswechsel wird sehr genau auf die Prognosen geschaut und bei den Investoren vorgefühlt. Das dürfte ein Grund für die aktuelle Welle sein.

Sind wir mit den bereits verkündeten Entlassungen denn schon über den Berg – oder müssen wir uns auf noch mehr einstellen?
Ich denke, da wird noch mehr kommen. Es kommt aber auch darauf an, wie sich die Makrolage verändert. Und vor allem in Europa ist das zusätzlich noch vom Ukrainekrieg abhängig.

SAP ist jetzt das erste bekannte europäische Techunternehmen, das im größeren Stil Mitarbeiter entlässt. SAP hat seit Corona aber vergleichsweise wenig Personal eingestellt – nur 12 Prozent. Wo liegen hier also die Gründe?  
SAP unterscheidet sich tatsächlich von den anderen Tech-Layoffs. SAP ist im Unterschied zu den anderen ein Techkonzern, der seinen Ursprung und sein Headquarter in Deutschland hat und daher auch seine Entwicklung und in die Zukunft gerichtete Rollen noch weitestgehend in Europa hat. Von Meta, Microsoft oder Alphabet sitzen hier nur die Sales- und Business Development-Einheiten für die Region. Die Entwicklung findet hauptsächlich in den USA statt – und gerade hier ist stark Personal abgebaut worden. Das sind aber Teams, die für Innovationen sorgen und die langfristig Erfolg versprechen. Insofern ist es für die Unternehmen auf lange Sicht problematisch, wenn Einschnitte in der Entwicklung erfolgen. 

Hängen wir denn in Europa nur der Entlassungswelle hinterher oder sind wir tatsächlich resilienter?
Nein, wir hängen hinterher. Das liegt zum Beispiel daran, dass wir hier einen besseren Kündigungsschutz haben als in den USA. Es dauert einige Monate länger, bis die Mitarbeiter tatsächlich das Unternehmen verlassen. Insgesamt wird es aber wohl nicht so schlimm werden wie in den USA. In Europa sitzen eher kleinere Teams, die für den Ausbau der bestehenden Geschäftsmodelle gebraucht werden – selbst wenn man sich fokussiert. Die großen betroffenen Entwicklungsabteilungen sitzen woanders.

Es heißt doch, dass wir einen Fachkräftemangel haben. Werden die entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SAP, Alphabet und Co. tatsächlich so leicht vom Markt aufgesogen? Und wenn ja: Wo gehen sie hin?  
Viele Firmen wittern gerade ihre Chance, extrem viele erfahrene und talentierte Leute zu gewinnen. Zu Recht. In den vergangenen Jahren wurden viele Mitarbeiter ohne großes Kostenbewusstsein für zukunftsorientierte Projekte eingestellt – um über neue Themen nachzudenken und neue Räume wie das Metaverse oder AI-Anwendungen zu bauen. Das wird wohl etwas mehr kanalisiert werden – also eher hin zu: Wie kann ich meine aktuelle Lösung noch optimieren?

Viele dieser Entwickler haben bei Google oder Meta sehr gutes Geld verdient. Wer ist überhaupt bereit, diese Gehälter noch zu zahlen?  
Da inzwischen viele Firmen Remote Work anbieten, können sich Talente sehr breit verteilen. Es ist zum Beispiel kaum noch ein Problem, aus den USA für ein asiatisches Unternehmen zu arbeiten. Gerade das erwarte ich auch: In den USA werden viele Talente in den Markt gespült, die von asiatischen oder europäischen Firmen aufgesogen werden. Die Unternehmen, die das verstanden haben, können davon insgesamt stark profitieren. Nur müssen sie in der Tat bereit sein, für Talente gut zu zahlen.

Es gibt doch auch die These, dass gut verdienende Entwickler nach ihrem Ausstieg selber gründen, um möglicherweise später noch mehr zu verdienen. Was halten Sie davon?
Daran glaube ich in der Masse nicht. Für manche mag das zwar eine Überlegung sein, aber die allermeisten sind keine Gründertypen. Manche werden  gründen – aber von der großen Anzahl, die jetzt in den Markt kommen wird, ist das kein relevanter Anteil. Das Einzige, was wir schon im letzten Jahrzehnt beobachten konnten, ist, dass sich viele selbstständig machen und ausgewählte Projekte entwickeln, statt sich von einem Unternehmen anstellen zu lassen.

Gibt es auf der anderen Seite eigentlich auch Bereiche, die in diese Phase hinein verstärkt einstellen?
Ja, auf jeden Fall. Schaut man sich zum Beispiel die Finanzbranche an, dann gab es dort zwar in den vergangenen Monaten zahlenmäßig viele Entlassungen – gleichzeitig bauen die Banken aber neuere Geschäftsbereiche komplett neu auf. Viele Filialen schließen zwar, aber gleichzeitig werden mehr Spezialisten für Cybersecurity oder die Digitalisierung von Prozessen und Applikationen benötigt. Das gleiche gilt für den Handel oder die Logistik. Der Hafen Hamburg braucht einfach andere Leute als vor ein paar Jahren.  

Welche Voraussetzungen werden denn in den kommenden Jahren an Bewerber gestellt werden?
Die Neueinstellungen werden viel stärker Skill- und Value-based sein – und weniger erfahrungsgetrieben, auch wenn diese Entwicklung noch etwas Zeit braucht. Erfahrung hilft zwar in Expertenrollen und auch bei Führung, aber in Zeiten von sich ständig wechselnden Geschäftsmodellen und Jobbeschreibungen kommt es darauf an, wie die Mitarbeiter dafür bereit gemacht werden. Und das haben viele Unternehmen mittlerweile zum Glück auch verstanden.

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