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Rob Bernshteyn Wer in der Krise spart, zahlt am langen Ende drauf

Auch wenn sich das wirtschaftliche Umfeld eintrübt, sollten Unternehmen nicht ihre Investitionen anstellen – vor allem nicht in die Digitalisierung, meint Gastautor Rob Bernshteyn
Auch wenn sich das wirtschaftliche Umfeld eintrübt, sollten Unternehmen nicht ihre Investitionen anstellen – vor allem nicht in die Digitalisierung, meint Gastautor Rob Bernshteyn
© IMAGO/Shotshop
Viele Unternehmen reagieren auf eine Rezession mit Einsparungen. Doch damit verspielen sie langfristige Innovationschancen. Am Ende kann das teuer werden

Wann beginnt die Rezession so richtig, wie lange wird sie dauern und welche Folgen wird sie haben? Diese und ähnliche Fragen treiben uns derzeit alle um. Viele Unternehmen ergreifen schon seit einiger Zeit vorbeugende Maßnahmen, fangen an Kosten zu senken, Stellen zu streichen und Leute zu entlassen. Was auf den ersten Blick vielleicht Sinn ergibt, kann jedoch schwerwiegende Folgen haben, denn: Eine Rezession kann durchaus auch eine Chance sein. Es ist die richtige Zeit, in das Unternehmen zu investieren, um so ein langfristiges und nachhaltiges Wachstum zu fördern und gestärkt aus einer solchen Krise zu kommen. Sich zurückziehen und hoffen, dass sich die Dinge zum Guten wenden, ist dagegen keine erfolgversprechende Strategie.

Das Ziel der Rezessionsbesorgten ist klar: Kosten senken, Kosten senken und Kosten senken. In der Technologiebranche hat dieser Teufelskreis sowohl etablierte Unternehmen als auch Start-ups erfasst. Laut Branchendienst Layoffs.fyi wurden allein in 2022 weltweit mehr als 93.000 Mitarbeitende in über 700 Technologie-Unternehmen gekündigt. Klar, die Technologie-Branche wurde von der Krise und den damit einhergehenden Zinserhöhungen bisher besonders hart getroffen, aber im Prinzip betreffen die Kürzungen sämtliche Branchen und Märkte.

Studien zeigen: Wer spart, kommt langsamer aus der Krise

Doch es gibt bessere Wege, sich auf eine Rezession vorzubereiten, als einfach nur Stellen zu streichen. Das ist nicht nur meine Meinung: Vor kurzem haben wir gemeinsam mit McKinsey Führungskräfte und Entscheider aus der Wirtschaft eingeladen, um über die Erkenntnisse der Wirtschaftskrise 2008 zu diskutieren. Zudem hat McKinsey Daten von 1.500 europäischen und amerikanischen Unternehmen aus den Jahren 2007 bis 2011 ausgewertet und dabei die Gesamtrendite für die Aktionäre als Maßstab für ihre Resilienz ausgewertet.

Die Daten aus der Vergangenheit zeigen deutlich: Die Unternehmen, die sich nur darauf konzentrieren, Kosten zu senken und Stellen zu streichen, erholen sich deutlich schlechter von einer Rezession. Im Gegensatz dazu bauen tatsächlich widerstandsfähige Unternehmen ihren Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb in einer Rezession sogar aus. Ihre Gesamtrendite wuchs weiter und ihre Marktführerschaft nahm zu.

Das belegen die Zahlen: Im Jahr 2009, als die Rezession ihren Tiefpunkt erreichte, hatten widerstandsfähige Unternehmen ihren Gewinn um durchschnittlich zehn Prozent gesteigert, während ihre Branchenkollegen fast 15 Prozent verloren hatten. Langfristig gesehen gehörten fast 70 Prozent der widerstandsfähigen Unternehmen auch zehn Jahre später noch zu den Besten in ihrer Branche.

Wer seine Kundendaten versteht, schneidet besser ab

Doch was macht widerstandsfähige Unternehmen widerstandsfähig? Ein Kennzeichen ist ihre Fähigkeit, Echtzeitdaten in jedem Bereich ihres Geschäfts zu nutzen – vom Einkauf über die Wertschöpfung bis zur Kundenerfahrung. Sie verstehen die Risiken, die Faktoren für den Erfolg und verfügen über die Tools, um auch in Krisenzeiten das Beste rauszuholen. Für sie ist eine Rezession also vielmehr eine Chance, um ihr Geld intelligenter zu investieren.

Das bringt uns zum Backoffice, dem Nervenzentrum aller Prozesse. Lange Zeit hat sich die digitale Transformation vor allem auf die Endkunden konzentriert. So hat eine Bank sich vor allem darum gekümmert, das Kundenerlebnis zu digitalisieren. Doch dieser Trend verschiebt sich gerade: weg vom Kunden und hin zur digitalen Transformation der Backoffice-Bereiche. Dazu zählen zum Beispiel die Lieferkette, der Einkauf, die zentrale Datenverwaltung oder bei einer Bank auch das Kernbanksystem. Ein intelligentes, vernetztes Backoffice sorgt für mehr Effizienz und Agilität. Es ermöglicht Einblicke in Echtzeit sowie kontinuierliche Innovation und Risikoüberwachung.

Um einer Rezession entgegenzuwirken, reduzieren Unternehmen häufig auch ihre Investitionen für Forschung und Entwicklung. Doch damit verspielen sie langfristige Innovationschancen, wie auch hier Daten von McKinsey belegen. Gerade Unternehmen, die am meisten durch ihre Innovationskraft gewachsen sind, haben verstanden, dass es nicht zielführend sein kann, genau diese Investitionen einzuschränken. Sie haben während der Finanzkrise im Jahr 2009 ihre Budgets für Forschung und Entwicklung sogar aufgestockt und ihre Aktivitäten auf längerfristige, risikoreiche Projekte verlegt – und so die Rezession als Chance gesehen, ihren Wettbewerbsvorteil durch F&E weiter auszubauen.

Die Digitalisierung des Backoffice und die Investition in die Forschung und Entwicklung sind zwei wichtige Beispiele dafür, wie die Kluft zwischen den Unternehmen, die investieren, und denjenigen, die den Wandel nur zögerlich angehen, immer größer wird – eine Kluft, die in einer Rezession wahrscheinlich noch weiterwächst.

Jede Rezession hat andere Auslöser, aber alle Rezessionen haben eines gemeinsam: Sie enden. Und wenn die Wirtschaft auf der anderen Seite ankommt, werden Unternehmen, die die Zeit genutzt haben, um flexibler und widerstandsfähiger zu werden, besser dastehen als die Konkurrenz.

Deswegen sollten Unternehmen in einer Rezession nicht sparen und hoffen, sondern investieren und wachsen.

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