ManagementRaus aus der Ich-muss-Falle


Martin Wehrle ist Karriere- und Gehaltscoach. Der gelernte Journalist hat die erste systematische Ausbildung für Karriereberater (-coaches) in Deutschland entwickelt. In seinem neuen Buch „Sei einzig, nicht artig!“ fordert er seine Leser auf, aus der geistigen Gleichschaltung in die Selbstbestimmung abzubiegen.


Meinem Beraterkollegen wäre fast das Sektglas aus der Hand gefallen. „Das glaub ich jetzt nicht!“, rief er übertrieben laut. Die anderen Partygäste in dem alten Tanzsaal sahen zu uns herüber. Ungläubig wiederholte er: „Du hast kein Smartphone?“

„Nicht nur kein Smartphone“, präzisierte ich. „Kein Handy.“

Seine Augäpfel traten so weit nach vorne, als wollten sie ins Sektglas hüpfen. „Aber das geht doch nicht! Du bist doch ein gefragter Mann, ein bekannter Karriereberater und Autor! Du musst doch per Handy erreichbar sein.“

Ich nippte an meinem Sekt. „Wer sagt, dass ich muss?“

„Ich kenne keinen Geschäftsmann, der heute ohne Handy klarkommt!“ Wie zum Beweis tippte er mit dem Zeigefinger sein iPhone an, das vor uns auf einem Stehtisch lag.

„Ich komme gut ohne Handy klar“, erwiderte ich.

„Aber du musst doch mit der Zeit gehen!“

„Muss ich das? Ich sehe die Zeit nicht als Diktator. Und mich nicht als ihren Untertan.“

Sein Kopf leuchtete röter, als es zwei Glas Sekt erfordert hätten. „Ich wette: Wenn du erst mal ein Smartphone hast, wirst du es nicht mehr missen wollen.“

„Darum hab ich keines.“

Er schüttelte den Kopf und stürzte seinen Sekt mit einem Gesicht hinab, als wäre es bittere Medizin. Da klingelte sein Handy. Unser Gespräch war vorbei.

lassen Sie Ihr Leben nicht in Zwangs-Haft nehmen!

Wann immer Ihnen jemand sagt, dass Sie dieses oder jenes „müssen“, sollten Sie ein dickes Fragezeichen dahinter setzen. Lassen Sie Ihre Individualität, lassen Sie Ihr Leben nicht in Zwangs-Haft nehmen! Lessing schrieb in seinem „Nathan“ den standesgemäß weisen Satz: „Kein Mensch muss müssen.“

Buchcover "Sei einzig, nicht artig"
„Sei einzig, nicht artig“ ist im Mosaik-Verlag erschienen

Prüfen Sie einmal Ihren Wortschatz: Wie viele „Muss“-Sätze springen Ihnen jeden Tag über die Lippen? Ein paar Beispiele:

• Müssen Sie im Beruf erfolgreich sein?

• Müssen Sie Ihren Rasen mähen?

• Müssen Sie mit Ihrer Kapitalanlage eine Top-Rendite erzielen?

• Müssen Sie nach Feierabend für Ihren Chef erreichbar sein?

• Müssen Sie sich heutzutage online bewerben?

• Müssen Sie Ihre Dienstmails fortlaufend abrufen?

• Müssen Sie Freunden beim Umzug helfen?

Nein, Sie müssen nicht – Sie können sich jedes Mal entscheiden: dafür oder dagegen. Nur wer wählt, kann abwählen. Nur wer entscheidet, scheidet das Falsche vom Richtigen. Ohne Wahl keine Freiheit. In jedem der genannten Fälle liegt die Entscheidung bei Ihnen. Aber sie hat auch ihren Preis, und den sollten Sie kennen.