ReportageDie Befreiung von der E-Mail-Plage

Zero-Email Handout
Im Zuge des „Zero email“-Projekts wurden Handouts verteilt mit Regeln für E-Mails. Zum Beispiel: „Cc-Setzen ist wie Spam“
© Julian Baumann

Die Geschichte über das Ende der E-Mail wäre viel schneller erzählt, wenn Robert Shaw endlich mal auf seine Mails antworten würde. „Lieber Mr Shaw, unser Treffen im März hat mich sehr gefreut. Wie läuft das Projekt?“ Keine Antwort. Nachfrage einige Wochen später. „Lieber Mr Shaw, haben Sie meine E-Mail erhalten?“ Wieder nichts. Dann plötzlich doch eine Antwort. Sorry vielmals, die Nachricht sei irgendwie in den Junkmails gelandet. Ist klar.

Das Problem ist wohl eher, dass Robert Shaw seit einigen Monaten sehr, sehr beschäftigt ist. Mit ziemlicher Sicherheit macht er sogar das Projekt seines Lebens: Er soll für sein Unternehmen Atos, den französischen IT-Riesen mit 77.000 Mitarbeitern in 47 Ländern, die E-Mail abschaffen. Und offenbar geht er mit gutem Beispiel voran.

Die Wahnsinnsidee stammt von Thierry Breton, einst französischer Finanzminister und CEO von France Telecom und seit 2008 Chef von Atos. Als „Umweltverschmutzung des Informationszeitalters“ hatte Breton die E-Mail beschimpft und im Februar 2011 verkündet, sie innerhalb von drei Jahren abzuschaffen. Zumindest für die Kommunikation innerhalb des Konzerns. „Wenn die Leute mit mir sprechen wollen, sollen sie zu mir kommen oder eine SMS schicken“, sagte Breton, der schon bei France Telecom keine Mails mehr ­benutzt hatte. „Die Masse der E-Mails, die wir heute verschicken und erhalten, ist nicht mehr haltbar.“

Viele hielten das damals für einen PR-Gag, für Getöse und Getue, doch wer sich zweieinhalb Jahre später etwas näher mit dem Projekt beschäftigt, merkt bald, dass niemand allein für PR eine solche Großoperation an 77.000 Mitarbeitern durchführen würde. Die ziehen das wirklich durch bei Atos. In wenigen Monaten soll die E-Mail intern nahezu verschwunden sein.

Vor allem aber traf Breton mit seiner Vision einen Nerv unserer Zeit – denn ein CEO, der das Ende der ­E-Mail ausruft, verspricht nicht weniger als eine Art Auszug ins Gelobte Land. Irgendwie, das spüren wohl alle, ist bei der E-Mail seit geraumer Zeit etwas außer Kontrolle geraten.

Sie ist unser Leben und unser Untergang. Wir sind ständig erreichbar, aber nicht mehr zu erreichen. Die Mail erleichtert so viel und erschlägt uns gleichzeitig.

Das Problem ist, dass viele gar nicht mehr infrage stellen, warum sie einen Großteil ihres Berufslebens in einer Cc-Zeile verbringen. Während unsere Bürofinger schon vor der Dusche morgens müde über das Display wischen, auf dem noch die fettigen Abdrücke von Mitternacht sind, spüren wir zwar, dass dieser Umgang mit der E-Mail nicht mehr normal ist. Dass sich etwas ändern muss, in einem Leben, in der die Liedzeile „Muss nur noch kurz die Welt retten … noch 148 Mails checken“ von Tim Bendzko wie das Motto unseres verstopften Zeitalters klingt. Aber kaum einer tut was.